Standpunkt: Nicht erst als Druckmittel gut

Im Schlimmsten Fall müssen wir halt einen Betriebsrat gründen. Dieser Satz eines Bekannten von mir hallte noch eine ganze Weile in meinem Kopf nach: der Betriebsrat als Druckmittel gegen die Firmenleitung.

Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Arbeit & Wirtschaft

Als ich fragte, warum sie nicht so oder so einen Betriebsrat gegründet hätten, erhielt ich eine sehr vertraute Antwort: Man verstehe sich eh gut mit den Chefs, könnte mit ihnen über alles reden, deshalb brauche es keinen Betriebsrat. Nur jetzt …

Misstöne

Der Hintergrund: Der Bekannte und seine Arbeitskollegen, an deren Gespräch ich beteiligt war, arbeiten in einer IT-Firma. Die Geschäfte laufen ausgezeichnet, und doch gibt es Misstöne. Die Themen sind nicht außergewöhnlich, es geht um Arbeitszeiten, Bereitschaftsdienste, Überstunden, aber auch um den Umgang mit den Mitarbeitern. Der Konflikt, in dem die Männer stecken, ist sehr typisch für die Arbeitwelt.

Typisch für Betriebe dieser Branche: Sie fingen klein an und wuchsen zum Teil sehr stark, wie in diesem Fall. Der kleine Anfang brachte eine vertraute Atmosphäre zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten mit sich. Noch dazu arbeiten dort hoch qualifizierte Menschen, die kein großes Problem damit haben, sich die eigenen Rechte anzueignen. Doch auch die beste Qualifikation bringt eins nicht automatisch mit sich: die Kompetenz aller ArbeitnehmerInnen im Betrieb, sich auch im Konfliktfall gut mit dem Arbeitgeber auseinandersetzen zu können (im Übrigen stehen auch erfahrene BetriebsrätInnen immer wieder vor neuen Herausforderungen in solchen Situationen).

Wie es kommen muss

Aber dann kommt es, wie es in jedem Betrieb einmal kommen muss: Es gibt einen Konflikt. Und auf einmal wird klar: So ein Betriebsrat könnte gar nicht so schlecht sein. Doch dann hat man meistens schon wertvolle Zeit verloren. Wertvolle Zeit, um Kanäle zu entwickeln, in denen man mit den KollegInnen und der Geschäftsleitung Gespräche führen kann, sollte es denn einmal um unangenehme Themen gehen. So kann vermieden werden, dass Konflikte zu große Ausmaße annehmen. Es können Argumente ausgetauscht werden, die Stimmen und Einwände der Belegschaft eingebracht werden, die vielleicht von der Unternehmensleitung gar noch nicht bedacht wurden.

Und wie viele Gespräche werden außerhalb der Arbeit über die Probleme im Betrieb geführt: Würden diese in den Bahnen eines Betriebsrats stattfinden, wäre dies nicht produktiver? Denn Konflikte führen zu Frust und Demotivation, was gar zur Folge haben kann, dass wertvolle MitarbeiterInnen einer Firma den Rücken zukehren. Auch dies ist ein wichtiges Argument, weshalb ChefInnen gut daran täten, sich nicht gegen einen Betriebsrat zu wehren.

Besser wirtschaften mit Betriebsrat

Freilich gibt es genug Arbeitgeber, die (noch) nicht verstanden haben, dass die Gründung eines Betriebsrats – auch in einer Phase, in der es noch keine Probleme gibt – kein feindlicher Akt ist. Ja, dass dies sogar ganz im Gegenteil gut für das Unternehmen sein könnte.

Aber warum sollte man sich das antun, als Betriebsrat oder Betriebsrätin zu kandidieren? Es ist eine Frage, die ich wirklich gut verstehen kann. Leider ist es tatsächlich oftmals so, dass andere ArbeitnehmerInnen sich zurücklehnen, sobald es einen Betriebsrat gibt. Es ist immer eine Herausforderung, denn natürlich bedeutet es mehr Arbeit, zumal in Betrieben, in denen es keinen freigestellten Betriebsrat gibt. Bloß die unangenehme Wahrheit lautet: Wer nicht möchte, dass über ihn oder sie bestimmt wird, muss sich selbst auf die Hinterbeine stellen. Ein großes Dankeschön deshalb an dieser Stelle an all jene BetriebsrätInnen, die dies tagtäglich tun.

Von
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 1/18.

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Über den/die AutorIn

Sonja Fercher

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.