Kindergärten: Schluss ist mit den braven Tanten

Inhalt

  1. Seite 1 - Was die Beschäftigten fordern
  2. Seite 2 - Von der Selbstausbeutung zum besseren Betreuungschlüssel
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Seit Jahren machen Beschäftigte in Kindergärten auf ihre schwierigen Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung aufmerksam. Die Politik hörte zu und reagierte kaum. Nun gingen im Oktober Tausende Pädagog:innen und Assistent:innen auf die Straße.

Nur den Tag überleben

Kleinere Gruppen, mehr Personal, aber auch eine bessere Bezahlung und eben mehr Wertschätzung wünschen sich auch Miklecz, Mortensen und Azimi Nejadi. Letztere weiß nicht, wie lange sie noch in dem Beruf verbleiben wird. „Ich mag meinen Job und weiß, wie wichtig es ist, die Kinder auf die Zukunft vorzubereiten. Aber wenn ich nach Hause komme und meine Überlastung spürbar wird, höre ich von meiner Familie: Vielleicht ist es Zeit, etwas anderes zu machen.“ Ähnliches berichtet auch Mortensen. Ständiger Begleiter sei außerdem ein schlechtes Gewissen. „Ich merke, dass Kinder in manchen Bereichen viel stärker gefördert werden müssten, aber ich kann es nicht tun, weil ich alle Kinder im Blick haben muss. Und abends komme ich oft mit dem Gedanken nach Hause, ich habe den Tag überlebt, ohne dass etwas passiert ist. Das ist traurig.“

Mortensen besuchte eine BAFEP, eine Bildungsanstalt für Elementarpädagogik. Viele ihrer Klassenkolleg:innen hätten allerdings schon während der Ausbildungszeit das Interesse an der Arbeit in einem Kindergarten verloren: „Wir haben in der Praxis erfahren, wie der Alltag wirklich ist.“ Nur knapp die Hälfte sei nach der Matura in den Beruf gegangen. Azimi Nejadi hat die BAFEP in Kollegform, also als Erwachsene, absolviert. Sie wusste, was auf sie zukommt, aber so im Detail dann eben auch wieder nicht.

Die Dokumentation mache ich zu Hause, das kann ich in der Gruppe nicht machen. Auch für Vorbereitung gibt es zu wenig Zeit.

Edina Miklecz, Elementarpädagogin

Miklecz hat in Ungarn das Bachelorstudium Elementarpädagogik absolviert. „Dafür bin ich jetzt unterbezahlt“, meint sie trocken. Gleichzeitig strahlt sie dennoch ihre Liebe zu den Kindern und der Tätigkeit an sich aus. Was ihr zu schaffen macht, ist allerdings die viele auch unbezahlte Arbeit, die sie abends mit nach Hause nimmt. „Die Dokumentation mache ich zu Hause, das kann ich in der Gruppe nicht machen. Auch für Vorbereitung gibt es zu wenig Zeit.“

Selbstausbeutung

Dass sie für ihre Arbeit brennen, ist auch bei dem Mutter-Tochter-Duo Karin (54) und Nina Pleschberger (29) spürbar. Die Mutter ist ausgebildete Kindergruppenbetreuerin, die Tochter Elementarpädagogin. Gemeinsam führen sie eine betreuer:innenverwaltete Kindergruppe. Hier werden bis zu 14 Kinder zwischen einem und sechs Jahren begleitet. Um dieses gute Betreuungsverhältnis zu erreichen, ist die elementarpädagogische Einrichtung allerdings für Eltern nicht gratis. „Bei uns zahlen die Eltern sehr viel mehr an Beitrag – und trotzdem geht es sich nicht wirklich aus.“ Am Ende komme hier viel Selbstausbeutung ins Spiel.

„Wir arbeiten tatsächlich doppelt so viele Stunden, als wir bezahlt bekommen“, sagt Nina Pleschberger. Sie selbst ist für 30 Stunden angestellt, ihre Mutter für 25. „Das Problem ist, dass sich Kindergruppen Betreuer:innen mit vielen Dienstjahren, die im Gehaltsschema weiter oben sind, nicht leisten können. Daher gehen alle in Teilzeit – bis zum Ende in Vollzeit zu arbeiten, ist nicht möglich. Das drückt sich dann aber auch in der Pension aus und ist sehr frustrierend“, erzählt sie.

Mehr Gehalt, aber auch mehr Geld für die Einrichtungen an sich: Das fordern die in Kindergärten Beschäftigten unisono. Azimi Nejadi ist bei ihrem Vollzeitjob mit 1.100 Euro netto eingestiegen, nun nach zwölf Berufsjahren erhält sie 1.900 Euro netto. „Das reicht nicht“, meint sie. „Dafür, was wir alles leisten, hätten wir wirklich mehr verdient“, pflichtet ihr Mortensen bei. Das sehen auch die drei Gewerkschaften GPA, vida und younion_Die Daseinsgewerkschaft so, welche die Interessen von in Kindergärten Beschäftigten vertreten. Rund 63.000 Personen arbeiten österreichweit in der institutionalisierten Kinderbildung, 13.200 von ihnen sind laut Statistik Austria in Krippen und Kleinkindbetreuungseinrichtungen eingesetzt, 36.200 in Kindergärten, rund 5.600 in Horten und 8.000 in altersgemischten Kinderbildungseinrichtungen. 73 Prozent all dieser Einrichtungen werden privat, nur 27 Prozent von der öffentlichen Hand geführt.

Es geht um bundeseinheitliche Vorgaben. Das ist die zentrale Hauptforderung der Gewerkschaften.

Eva Scherz, GPA

Judith Hintermeier, Bundesfrauenreferentin in der younion, vertritt die Interessen der im öffentlichen Dienst in der Elementarpädagogik Beschäftigten. Öffentliche Arbeitgeber bezahlen tendenziell besser als private, sagt sie. Insgesamt hänge vieles davon ab, ob eine Pädagog:in oder Assistent:in in einem öffentlichen oder privaten Kindergarten arbeitet und in welchem Bundesland oder in welcher Gemeinde sich dieser befindet. Derzeit gibt es weder einen einheitlichen Dienstvertrag für alle hier Beschäftigten noch einen einheitlichen Erwachsenen-Kind-Schlüssel, es gibt unterschiedlichste Regelungen hinsichtlich bezahlter Vorbereitungszeit, Gruppengrößen, Öffnungszeiten.

„Es geht um bundeseinheitliche Vorgaben“, bringt es auch Eva Scherz von der GPA auf den Punkt. Und: Um die Rahmenbedingungen für die Arbeit mit den Kindern zu verbessern, müssten die Gruppen kleiner und das Unterstützungspersonal mehr werden. „Das ist die zentrale Hauptforderung der Gewerkschaften.“ Für einen Teil der Beschäftigten in privaten Kindergärten gebe es derzeit nicht einmal einen Kollektivvertrag, sie würden nach dem Mindestlohntarif bezahlt.

Bessere Betreuungsschlüssel

Die Forschung hält einen Erwachsenen-Kind-Schlüssel von eins zu sieben für optimal. Dass das in der Praxis unrealistisch ist, wissen die Gewerkschaften. Hintermeier würde hier gerne Gruppengrößen von 18 bis 20 Kindern im Kindergarten statt derzeit bis zu 25 Kinder sehen. Das gibt auch Scherz als Ziel vor, bei unter Dreijährigen sollten es zudem höchstens acht bis zehn Kinder sein. Mehr Personal bedeutet aber auch: Es braucht mehr ausgebildete Kräfte in diesem Bereich und auch mehr Gruppen, also mehr Platz. Mehr Ausbildungsplätze sind hier eines der nötigen Tools, um das zu erreichen, Hintermeier spricht sich dabei für ein Forcieren der Ausbildungsplätze für Erwachsene aus, „weil wir sehen, das sind die Leute, die am ehesten im Beruf bleiben“. Ein anderes Tool sei das Errichten weiterer Kinderbildungseinrichtungen. Das alles koste Geld, „daher unsere Forderung nach einer Erhöhung der Ausgaben für den Elementarbereich von derzeit 0,6 bis 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf ein Prozent“, sagt die younion-Vertreterin.

Mehr Gruppen, mehr Bauten, mehr Ausbildungsplätze!

Michaela Guglberger, vida

„Mehr Gruppen, mehr Bauten, mehr Ausbildungsplätze“ lautet auch die Formel von Michaela Guglberger, die in der vida für den Bereich Kindergärten verantwortlich ist. Sie vertritt dabei vor allem die Kindergartenhelfer:innen und -assistent:innen. Für Letztere fordert sie eine österreichweite Ausbildung. Derzeit ist beispielsweise in Wien gar keine Ausbildung vorgeschrieben, in Kärnten sind dagegen 400 Stunden zu absolvieren. „Da braucht es etwas. Nur weil ich weiblich bin, bin ich nicht für alle Situationen vorbereitet. Ich muss wissen, wie ich mit einem Kindernotfall umgehe, ein bisschen Ahnung von Pädagogik haben, und auch Hygiene ist ein wichtiger Faktor.“ Durch mehr Assistent:innen in der Gruppe wären die Pädagog:innen entlastet, „auch Assistent:innen leisten mit ihrer Arbeit einen wertvollen Beitrag in den Einrichtungen“, betont Guglberger.

Dass die Politik durchaus weiß, wo der Schuh drückt, zeigte sich rund um die öffentlichen Proteste der in Kindergärten Beschäftigten. Wiens Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (NEOS) sagte zu, in der Bundeshauptstadt die Stunden von Assistent:innen pro Gruppe von derzeit vielerorts nur 20 auf 40 zu erhöhen. Und ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann versprach mehr Geld für die Elementarpädagogik – wie viel konkret das sein wird, wird sich erst in den anstehenden Verhandlungen mit den Bundesländern zeigen.

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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).