Kindergärten: Schluss ist mit den braven Tanten

Tausende Mitarbeiter:innen von Kinderbildungseinrichtungen haben Mitte Oktober lautstark für bessere Arbeitsbedingungen demonstriert – auch hier vor der Wiener Votivkirche.
(C) Markus Zahradnik

Inhalt

  1. Seite 1 - Was die Beschäftigten fordern
  2. Seite 2 - Von der Selbstausbeutung zum besseren Betreuungschlüssel
  3. Auf einer Seite lesen >
Seit Jahren machen Beschäftigte in Kindergärten auf ihre schwierigen Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung aufmerksam. Die Politik hörte zu und reagierte kaum. Nun gingen im Oktober Tausende Pädagog:innen und Assistent:innen auf die Straße.
Rasseln, Ratschen, Trillerpfeifen: An einem Dienstag Mitte Oktober wurde es im Park vor der Votivkirche in Wien so richtig laut. Tausende Mitarbeiter:innen von privaten Kinderbildungseinrichtungen hatten an diesem Vormittag das getan, wozu man sich erst lange durchringen musste: ein „Heute geschlossen!“-Schild an die Kindergärten gehängt, um in der Öffentlichkeit in Betriebsversammlungen auf ihren nicht mehr zumutbaren Alltag hinzuweisen. Zwei Tage später demonstrierten ihre Kolleg:innen aus den städtischen Kindergärten am Minoritenplatz vor dem Bildungsministerium in ebensolcher Lautstärke.

Ich bin keine Basteltante, ich bin Bildungsbeauftragte! … Weniger Kinder im Gruppenraum! … Hohe Ansprüche – schlechte Bedingungen 

 

Auf den vielen mitgebrachten Schildern und Transparenten war bei den Kundgebungen die ganze Bandbreite der Sorgen und Nöte dieser Berufsgruppe abzulesen: „Ich bin keine Basteltante, ich bin Bildungsbeauftragte!“ … „Weniger Kinder im Gruppenraum!“ … „Hohe Ansprüche – schlechte Bedingungen“ … „Bildung ist mehr wert!“ … „Einheitliches Bundesrahmengesetz!“ … „Neuberechnung des Erwachsenen-Kind-Schlüssels!“ … „Wir sind unter den aktuellen Rahmenbedingungen am Limit!“ … „Kinderanzahl runter – Angebote bunter!“ … „Wo ist unser Schutz?“ … „Ich kann gar nicht so schlecht arbeiten, wie ich bezahlt werde!“ … Eine Pädagogin hatte ihre Botschaft an ihrem Rücken befestigt: „Um nicht mit 21 Jahren überlegen zu müssen, wie lange man das noch aushält.“ Omnipräsent im Schildermeer war zudem die Botschaft: „Es reicht!“

Klar auch die Botschaft von Karin Wilflingseder, Sprecherin der Themenplattform für Elementar-, Hort- und Freizeitpädagog:innen, bei der Demo vor der Votivkirche: „Schluss ist mit den braven Tanten – das ist ein historischer Moment.“ Es sei so, wie es immer war: Alles Gute komme nicht von oben, sondern werde von unten erkämpft. Erstmals habe man nun zu Betriebsversammlungen während der Arbeitszeit aufgerufen.

Und diesem Ruf folgten viele. Spürbar war dabei einerseits der große Frust, der viele Beschäftigte in den Kindergärten seit Jahren begleitet, das Erstaunen, wie kraftvoll die Kundgebungen gerieten, die Erleichterung darüber, nicht allein zu sein und so viele Kolleg:innen zu sehen und zu hören, deren Alltagssorgen den eigenen so ähneln.

Die Elementarpädagoginnen Marlene Mortensen, Poopak Azimi Nejadi und Edina Miklecz (von links nach rechts) sind oft einfach nur froh, den Arbeitstag irgendwie überstanden zu haben.

Zwei von ihnen sind die Elementarpädagoginnen Marlene Mortensen (24) und Poopak Azimi Nejadi (52), die in einem privaten Kindergarten in der Wiener Innenstadt arbeiten, Mortensen seit zwei Jahren, Azimi Nejadi bereits seit 2009. „Der Druck ist über die Jahre größer geworden“, erzählt sie. „Im Lauf der Zeit wurde die Energie im Team immer weniger. Wir haben enorme Probleme mit unserer Gesundheit und unseren Nerven und wir bekommen keine Unterstützung. Wir wollen endlich gehört werden.“

Wir gehen nicht in den Krankenstand, weil wir wissen: Dann steht die Kollegin allein in der Gruppe.

Marlene Mortensen, Elementarpädagogin

Als belastend beschreibt Mortensen, dass Kinder von Eltern oft krank in den Kindergarten gebracht würden – „und wir dann auch krank werden. Wir gehen aber nicht in den Krankenstand, weil wir wissen: Dann steht die Kollegin allein in der Gruppe.“ Gleichzeitig werde von manchen Eltern immer mehr verlangt. „Wie ist es mit der Vorschularbeit? Wie ist es mit Turnstunden? Viele sehen gar nicht, was wir ohnehin schon leisten.“

Auch Edina Miklecz (31) hat sich den Protesten angeschlossen. Als Mortensen und Azimi Nejadi aus ihrem Alltag erzählen, steht sie daneben und nickt. Sie arbeitet in einem anderen Kindergarten, doch sie kennt all das, wovon ihre Kolleginnen berichten. Immer wieder bekomme sie von Eltern die Frage, warum nicht öfter mit den Kindern hinaus ins Freie gegangen werde. Miklecz leitet eine Gruppe mit 21 Kindern zwischen einem und sechs Jahren. Unter den sehr jungen Kindern gebe es immer welche, die noch nicht gehen können. Sie selbst arbeite Vollzeit, eine weitere Pädagogin und eine Betreuerin Teilzeit. Mit der Gruppe hinauszugehen bedeute, ein oder zwei Kinderwägen zu schieben und alle bis Zweijährigen an der Hand zu nehmen. „So viele Hände haben wir aber gar nicht. Also bleibt die gesamte Gruppe drinnen.“

Karin und Nina Pleschberger betreiben eine Kindergruppe, Gertrude Artner arbeitet als Assistentin in einem Hort (von links nach rechts). Sie alle wünschen sich mehr Ressourcen, um sich nicht so zu zerreißen, wie sie das derzeit tun.

Gertrude Artner (56) arbeitet in einer städtischen Einrichtung. Als Assistentin war sie einige Jahre in einem Kindergarten eingesetzt, dann in einer Krippe, nun ist sie in einem Hort tätig. Familiärer sei früher alles gewesen, meint sie. „Es war alles nicht so schnell, es war entschleunigter. Der Druck ist heute größer – von den Eltern, von den Lehrer:innen. Und die Auflagen, die wir haben, sind immer schwerer zu erfüllen.“ Was ihr vor allem zusetzt: der Spagat zwischen der Arbeit draußen, dem Essen-Herrichten und Geschirr-Wegräumen und der Zeit in der Gruppe. Was sie sich wünscht? „Wir brauchen mehr Personal, damit man sich nicht mehr so zerreißen muss, und kleinere Gruppen, um mehr Zeit für jedes einzelne Kind zu haben. Und ein Berufsbild für uns Assistent:innen, da gäbe es dann vielleicht auch mehr Wertschätzung.“

Inhalt

  1. Seite 1 - Was die Beschäftigten fordern
  2. Seite 2 - Von der Selbstausbeutung zum besseren Betreuungschlüssel
  3. Auf einer Seite lesen >

Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).