Podcast: Das Private ist politisch

Katharina Mader forscht und lehrt am Institut für heterodoxe Ökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie publiziert zu feministischer Ökonomie, Vermögens- und Einkommensunterschieden zwischen den Geschlechtern sowie zur Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit.
(C) Markus Zahradnik
Was bedeutet die Pandemie in Sachen Gleichberechtigung? Welche Auswirkungen hat sie auf die Verteilung von Geld und Zeit zwischen den Geschlechtern – und was gilt es jetzt zu tun? Katharina Mader über Auswirkungen der Krise und nötige Maßnahmen.

Podcast-Folge: Beatrice Frasl im Gespräch mit Katharina Mader

Arbeit&Wirtschaft: Was ist der Gender-Pay-Gap, also die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern, und wie hoch ist er eigentlich in Österreich im Moment?

Katharina Mader: Im Wesentlichen ist es der Unterschied im Einkommen zwischen den Geschlechtern. Laut Statistik Austria liegt der Gender-Pay-Gap im Moment bei 19,4 Prozent. Wenn man erklärende Faktoren wegrechnet, zum Beispiel, dass viele Frauen Teilzeit arbeiten, dass sie länger in Karenz gehen, kann man bis in den einstelligen Bereich herunterrechnen. Aber: Nur weil wir etwas erklären können, heißt das nicht, dass es fair ist. Wir sehen außerdem, dass der Gap in den letzten zehn Jahren nur um etwa 5 Prozent gesunken ist. Es ist auch nicht ganz geklärt, wie er sich in Krisen verhält. Wir wissen, dass er in Wirtschaftskrisen sinken kann, weil bestimmte Menschen aus der Erwerbstätigkeit herausfallen. Wenn zum Beispiel viele Frauen ihre Jobs verlieren, die davor Teilzeit gearbeitet haben, und jene, die Vollzeit erwerbstätig sind, bleiben, dann sinkt der Gender-Pay-Gap, aber es hat keine Fortschritte in Sachen Gleichstellung gegeben.

Wie ist Vermögen zwischen den Geschlechtern verteilt?

In Österreich besteht zwischen Frauen und Männern ein Vermögensunterschied von 30 Prozent. Insgesamt hat das oberste Prozent den größten Teil des Vermögens, und Frauen gehören so gut wie nie zu diesem obersten Prozent. Die Geschichte, dass man sich Vermögen erarbeiten könne, ist tatsächlich nur eine Geschichte, denn in Österreich ist Vermögen stark vererbt. Interessanterweise erben Männer mehr als Frauen trotz der Diskriminierungsfreiheit im Erbschaftsrecht, da Unternehmen durch Vererbung nicht zerschlagen werden dürfen. Und landwirtschaftliche Betriebe, die in Österreich sehr relevant sind, werden in der Regel in männlicher Linie vererbt. Am Vermögensunterschied sieht man, wie sich Ungleichheit zwischen den Geschlechtern potenziert. Wenn wir uns den Pensions-Gap ansehen, der mit dem Gender-Pay-Gap und dem Vermögens-Gap zusammenhängt und der ja auch bei über 40 und bis zu 50 Prozent liegt, dann sieht man, dass Frauen am Ende viel weniger zur Verfügung haben. Das resultiert im Gegenteil von Vermögen – nämlich in Altersarmut.

Männer gelten immer noch als Familienernährer,
Frauen als die, die dazuverdienen.

Katharina Mader, Ökonomin

Wir leben in einer Gesellschaft, in der sämtliche Ressourcen sehr ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt sind – nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Wie sieht es denn aus mit der Arbeitsverteilung in den Haushalten und wie verändert sich die Situation durch die Corona-Krise?

In allen Wirtschaftskrisen der letzten Jahrzehnte konnten wir sehen, dass Risiken und Belastungen in die Privathaushalte und dabei vorrangig an Frauen ausgelagert wurden. Das war auch diesmal so: Alleinerzieherinnen hatten im ersten Lockdown 15-Stunden-Tage. Und neun Stunden davon haben sie unbezahlt gearbeitet. Bei Frauen in Paarhaushalten waren es 14 Stunden und davon sogar 9,5 Stunden unbezahlte Arbeit. Es macht also keinen Unterschied, einen Partner im Haushalt zu haben oder nicht, wenn es darum geht, wie groß die Belastungen von Frauen sind. Das hat mit Geschlechterrollen zu tun: Männer gelten immer noch als Familienernährer, Frauen als die, die dazuverdienen. Das hat sich in der Krise noch zugespitzt. Es war schnell klar, wessen Job der wichtigere ist, wer zu Hause einen Arbeitsplatz hat und wer zwischen den Kindern am Küchentisch oder Sofa gearbeitet hat. Wer die Tür zumachen konnte und wer in der Nacht gearbeitet hat, wenn die Kinder im Bett waren, weil es ja „eh nur ein paar Stunden“ sind und „nur“ der Dazuverdienst. In der Krise wurde sehr schnell klar, wer in Familien den „wichtigen“ Job und das Anrecht darauf hat, erwerbstätig zu sein, und wer die Kinder übernehmen muss. Über 70 Prozent der Frauen, die wir gefragt haben, gaben an, dass sie auch schon vor der Krise für die Kinderbetreuung zuständig waren – für die Organisation, dafür, die Kinder in die Schule zu bringen, zu wissen, wann Schularbeiten sind usw. Jetzt sind sie dafür zuständig, danebenzusitzen und zu unterrichten.

Was bedeutet dieses Zurückdrängen von Frauen aus der Erwerbsarbeit auf ökonomischer Ebene?

Das können wir noch in keiner Weise abschätzen. Wir wissen nicht, wie viele Frauen wir wieder in Beschäftigung kriegen, wie viele langzeitarbeitslos werden oder nie mehr in die Berufe und Löhne zurückkommen, in denen sie davor gearbeitet haben. Wir haben keine Ahnung, was das für die Lebenseinkommen von Frauen insgesamt beziehungsweise für Altersarmut bedeutet, welche volkswirtschaftlichen Effekte diese vielen Belastungen und die Zunahme an psychischen Erkrankungen haben werden. Wir können also noch überhaupt nicht abschätzen, wo uns da überall noch gleichstellungspolitische Baustellen erwarten. Jede Krise schickt uns ein Stück weit in vergangene Kämpfe zurück.

Welche Maßnahmen braucht es, um manche dieser negativen Effekte abzufedern?

Was mit der gestiegenen Arbeitslosigkeit von Frauen einhergeht: dass Mütter auf dem Arbeitsmarkt noch einmal ein ganzes Stück unattraktiver geworden sind, da niemand sie einstellen will, wenn in zwei Wochen der Kindergarten wieder schließen könnte. Das zu bremsen wäre die wichtigste arbeitsmarktpolitische Maßnahme für Frauen. Einige Uraltkonzepte sind jetzt noch einmal relevanter geworden – beginnend bei verpflichtend geteilten Karenzzeiten bis zur lange erhobenen Forderung nach flächendeckender qualitätsvoller Kinderbetreuung. Wir müssen uns außerdem über die Pflege von alten und pflegebedürftigen Menschen Gedanken machen. Es braucht strukturelle Bedingungen, in denen man nicht auf das Konstrukt der 24-Stunden-Pflege zurückgreifen muss. Der Staat nimmt sich aus der Verantwortung und verschiebt sie in den schlecht bezahlten Bereich, auf Migrantinnen. Wir alle werden diese Pflege irgendwann brauchen. Wir müssen uns die Frage stellen: Wie soll man mit mir umgehen, wenn ich alt bin, und was brauchen die Menschen, die mich pflegen, um diese Arbeit auch qualitätsvoll auszuführen?

Außerdem braucht es eine Arbeitszeitreduktion. Die ist Vorbedingung dafür, dass sich Paare unbezahlte Arbeit besser teilen können. Allerdings: In Ländern, in denen die Arbeitszeit verkürzt wurde und gleichzeitig keine gleichstellungspolitischen Maßnahmen gesetzt wurden, hatte sie keinen Effekt auf die Verteilung von unbezahlter Arbeit. Es braucht also parallel dazu Anreize oder Sensibilisierung, unbezahlte Arbeit in Haushalten gleich zu verteilen.

Wir müssen endlich verstehen, dass das Private politisch ist. Die Sensibilisierungskampagne von Helga Konrad aus dem Jahr 1995 „Ganze Männer machen halbe-halbe“ könnte man wahrscheinlich eins zu eins noch mal spielen und sie würde Augen öffnen.

Über den/die Autor*in

Beatrice Frasl

Beatrice Frasl hat Anglistik und Amerikanistik und Gender Studies studiert und ist feministische Kulturwissenschafterin, Podcasterin("Große Töchter", "She Who Persisted"), Lektorin an der Universität Wien und Aktivistin. Sie schreibt aktuell an ihrer Doktorarbeit im Bereich Gender Studies/Popkulturforschung und immer wieder auch für Medien im In- und Ausland, publiziert wissenschaftlich und hält Vorträge und Workshops zu Themen Feminismus, Geschlecht, Genderforschung und Queer Studies.