Saisonarbeit: „Alles ein Topfen“

vida-Gewerkschafter Berend Tusch ortet in der Saisonarbeit oft „Mogelpackungen“ und fordert strukturelle Veränderungen.
(C) Markus Zahradnik
Der Saisonarbeit im Tourismus eilt ein Ruf voraus: unmenschliche Arbeitsbedingungen für einen Hungerlohn. Wie lange geht das noch gut?
Aufrufe in den sozialen Medien, ob jemand ein Interview zu einem bestimmten Thema geben möchte, sind meist eine mühsame Angelegenheit. Anders beim Thema Tourismus. Hier scheint das Mitteilungsbedürfnis groß zu sein. „Das Leben ist kein Ponyhof“, ist noch einer der höflicheren Kommentare. Ein User kommentiert: „Alles ein Topfen.“

Schlechte Bezahlung, unbezahlte Überstunden, kaum Ruhezeiten, ein rauer Umgangston – kaum eine Branche hat einen schlechteren Ruf als die Saisonarbeit in den Hütten, Wirtshäusern und Hotels hierzulande. Ernst zu nehmende Bemühungen, an den Arbeitsbedingungen etwas zu ändern, beobachtet Berend Tusch, vida-Vorsitzender des Fachbereichs Tourismus, bei „maximal einem Drittel der Betriebe“.

Anna kennt die anderen zwei Drittel. Nachdem sie ihrem letzten Arbeitgeber einmal „die Wahrheit“ über die dortigen Arbeitsbedingungen gesagt hatte, möchte die Mitte-20-Jährige ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Die Gastro kennt Anna im wahrsten Sinne des Wortes von Kindesbeinen an. Das Haus, in dem die Tirolerin aufgewachsen war, steht neben einem Hotel. „Ich habe schon als Kind die Köche genervt“, erinnert sie sich. Der Berufsweg war vorgezeichnet: „Ich werde Köchin.“ Nach der Schule machte sie die Doppellehre zur Gastronomiefachfrau, zwei Jahre Küche, zwei Jahre Service. Das war anfangs „gewöhnungsbedürftig“, teilweise „schroff“, aber in Ordnung. Schließlich wusste Anna, auf was sie sich einließ. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie vier Winter und einen Sommer als Saisonniere in verschiedenen Betrieben. „Es ist nicht alles schlecht“, beteuert sie. Zehn- oder Zwölf-Stunden-Schichten sind ihr „total egal“. Sie schwärmt von Kund:innen, die mit der Zeit zu Freund:innen wurden. „Eigentlich liebe ich die Gastro“, sagt Anna.

Trotz allem. Denn die Tirolerin kennt auch die Schattenseiten. Offiziell für 40 Wochenstunden angemeldet, arbeitete sie zu Hochzeiten das Doppelte. Bei einem Gehalt von maximal 1.800 Euro netto. Dazu kommen aggressive, alkoholisierte Arbeitskolleg:innen, Schreiereien. Überarbeitete, cholerische Chefs. Drogenmissbrauch. Einmal wurde sie in der Küche fast zusammengeschlagen.

So wie jetzt kann es
nicht mehr weitergehen.

Anna, Gastronomiefachfrau

Zwischen den Saisonen, jeweils von April bis Juni, ging Anna stempeln. Das Monatsgehalt beträgt dann 1.200 Euro. Um ihre Pension sorgt sich die Mitte-20-Jährige bereits heute.

Gewerkschafter Tusch beobachtet, wie sich die Situation in der Branche seit Jahren zuspitzt. Vielerorts sei der Betrieb nur aufrechtzuerhalten, weil das Lohngefälle zu den österreichischen Nachbarländern derart hoch ist. „Solange ein Lehrer in Ungarn 400 Euro pro Monat verdient, werden sich Menschen finden, die bereit sind, diese Bedingungen zu akzeptieren“, ist sich Tusch sicher.

In der Branche brauche es dringend strukturelle Veränderungen. Tusch fordert faire und transparente Rahmenbedingungen für Angestellte: „Oft haben wir es hier mit Mogelpackungen zu tun.“ Es müsse von vornherein geregelt sein, wie Überstunden, Feiertage und Wochenendarbeit entlohnt werden. Auch Ruhezeiten müssten klarer definiert und die Sechs-Tage-Woche abgeschafft werden.

Zackbumm, gekündigt

Manche Betriebe seien durchaus bereit, sich anzupassen. „Aber weil es halt immer schon so war …“, herrsche bei vielen Hoteliers und Gastronom:innen nach wie vor Stillstand. Vorschläge, etwas zu ändern, gebe es genug – „aber so mancher Gastronom hat eben lieber einen Oberklasse-SUV vor der Tür stehen statt anständigen Arbeitsbedingungen im eigenen Haus“. Wenn die derzeitige Zuspitzung etwas Gutes habe, dann, dass es so zu einem Umdenken kommen könnte. „Denn so wie jetzt kann es nicht mehr weitergehen.“

Falls sie kommen, für Anna werden diese Reformen zu spät kommen. Für sie ist das Kapitel Saisonarbeit abgeschlossen. Wegen der Bezahlung, den Arbeitsbedingungen, der Pension – und der Unsicherheit: In der Corona-Pandemie kündigte sie ihr Arbeitgeber von einem Tag auf den anderen, „zackbumm“. Seither arbeitet sie in einer Bäckerei. Exakt 38,5 Stunden pro Woche. Die Wochenenden sind frei, abends auch. Am Gehalt hat sich im Vergleich zu früher wenig verändert. „Ein Lottosechser“, schmunzelt Anna.

Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.

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