Verteilungsgerechtigkeit: Des einen Leid, des anderen Dividende

Teure Lackschuche gegenüber von alten Turnschuhen. Arm gegen reich. Symbolbild für Verteilungsgerechtigkeit.
Die Profite der einen ist die Gewinn-Preis-Spirale der anderen. Die Krise hat eben auch Profiteure. | © Adobe Stock/v.poth
Die Auswirkungen der Inflation werden zu einer Frage der Verteilungsgerechtigkeit, denn in der Krise gibt es nicht nur Verlierer:innen, sondern auch viele Gewinner:innen. Eine Gegenüberstellung.
Längst ist die aktuelle Teuerungskrise auch zu einer Machtfrage geworden. Denn während vor allem Arbeitnehmer:innen unter der Inflation leiden, machen viele Unternehmen Rekordgewinne. Doch die Maßnahmen gegen die Teuerung sind nicht fair finanziert. Unternehmen und Überreiche leisten einen viel zu geringen Beitrag. Von Verteilungsgerechtigkeit keine Spur. Dass es auch eine verteilungsgerechte Wirtschaftspolitik geben kann, legen Markus Marterbauer und Martin Schürz im Interview dar. Die größten Ungleichheiten, denen sich die Politik dringend widmen muss, stellt Arbeit&Wirtschaft nebeneinander.

Steigende Kosten vs. Profite

Während die Kosten wegen der Inflation in ÖSterreich immer weiter stiegen, machen die Unternehmen enorme Profite. Symbolbild für die Verteilungsgerechtigkeit.Das Ausmaß der Inflation in Österreich hat nicht nur Arbeitnehmer:innen, sondern auch viele Experten Überrascht. Die Preise für Benzin, Gas und Heizöl explodierten förmlich. Im September war die Preissteigerung mit 10,5 Prozent sogar zweistellig. Hintergrund war zunächst Russlands Krieg in der Ukraine. Der machte den Import der Rohstoffe teuer. Doch dabei blieb es nicht. Denn viele Unternehmen nutzten die Situation, um ihre Gewinnmargen drastisch zu erhöhen. Steigende Energiepreise waren nur vorgeschoben.

Auch die unterbrochenen Lieferketten, die ebenfalls für die Inflation verantwortlich gemacht werden, wirkten sich oft anders aus, als allgemein geglaubt wird. Ein Beispiel ist die europäische Autoindustrie, die von den Problemen stark profitierte. Auf der einen Seite gaben die Hersteller an, nicht ausreichend Halbleiter zu bekommen, um alle bestellten Fahrzeuge (Autos, Lkw, Motorräder, Gabelstapler…) fertigen zu können. Auf der anderen Seite verbauten sie die Halbleiter, die sie auf dem Markt kriegen konnten, in margenstarke Premiumprodukte ein. Die steigenden Margen und Gewinne heizten über die Gewinn-Preis-Spirale die Inflation noch zusätzlich an.

Fehlende Ersparnisse vs. Rekordgewinne

Haushalte können kein Geld mehr sparen, Aktiengesellschaften in Österreich schütten aber so viel Dividende aus, wie nie zuvor. Symbolbild für die Verteilungsgerechtigkeit.Die Hälfte aller Haushalte wird in diesem Jahr keine Rücklagen bilden können. Viele werden – eher im Gegenteil – Ersparnisse aufbrauchen müssen. Legen sie sonst etwas für die Pension zur Seite oder sparen für Enkelkinder, wird im Jahr 2022 dafür einfach kein Geld mehr übrigbleiben. Zumindest bei denen, die von ihrer Arbeit leben müssen. Wer Kapitaleinkommen hat, ist davon nicht betroffen.

Denn die ATX-Konzerne machte inmitten multipler Krisen zum ersten Mal mehr als zehn Milliarden Euro Gewinn. Drei Milliarden Euro davon werden als Dividende ausgeschüttet. Den größten Profit machte dabei der Mineralölkonzern OMV (zwei Milliarden Euro). Auch der Verbund (874 Millionen Euro) gehört zu den Spitzenverdienern. Auch Immobilienbesitzer:innen freuen sich. Denn die Inflation treibt automatisch auch die Mieten nach oben, die parallel mit der Preissteigerung angepasst werden dürfen (nicht müssen). Auch das triebt die Inflation weiter an.

Sinkende Löhne vs. explodierende Managergehälter

Reallohnverlust für Arbeitnehmerinnen, aber Gehaltssteigerung für Manager. Symbolbild für die Verteilungsgerechtigkeit.Österreichs Arbeitnehmer:innen müssen aktuell einen historischen Reallohnverlust von 4,2 Prozent. Weil die Preise steigen, die Löhne aber nicht. Damit steigt auch die Armutsgefährdung in Österreich an. Der Wohlstandsbericht 2022 hat einen deutlichen Rückschritt statt einer Weiterentwicklung der Gesellschaft als Ganzes gemessen. „Verteilungskonflikte zwischen Krisengewinner:innen und -verlierer:innen werden sich weiter zuspitzen“, prognostiziert der Bericht. Die Verteilungsgerechtigkeit werde also abnehmen.

Kein Wunder. Denn die Lohnverluste sind sehr einseitig verteilt. Während Arbeitnehmer:innen deutlich weniger in der Tasche haben, können sich Spitzenmanager:innen über üppige Zuwächse freuen. Wie das passieren kann, lässt sich am Beispiel von Pierer Mobility (u.a. KTM) leicht nachzeichnen. Trotz enormer Profite bekam das Unternehmen zwischen 2019 und 2021 insgesamt 45 Millionen Euro an Staatszuschüssen. Unter anderem eben Coronahilfen. Im Jahr 2022 gab es dann 11 Millionen Euro Dividende und um 30 Prozent höhere Bezüge für den Vorstand.

Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Domke Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.

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