Nach historischer Inflation 2022: Warten auf Taten

Männer sitzen bei der Suppenküche und essen Suppe. Symbolbild für die Jahresinflation 2022.
Die Jahresinflation 2022 in Österreich lag bei 8,6 Prozent. Lebensmittel trugen gegen Jahresende verstärkt bei. | © Adobestock/kadebruehl
Statistik Austria hat die Zahlen zur Inflation 2022 in Österreich präsentiert. Die Preistreiber wechseln sich und eine spürbare Besserung lässt auf sich warten. Dabei gäbe es Maßnahmen.
Über das gesamte Jahr betrachtet lag die Inflation 2022 in Österreich bei 8,6 Prozent. Damit war sie so hoch wie zuletzt 1974 (9,5 Prozent). Im Jahresverlauf schwankten die Preissteigerungen zwischen 5,0 Prozent (Januar) und 11,0 Prozent (Oktober). Seit September ist die Inflation in Österreich zweistellig. Die größten Preistreiber waren Wohnung, Wasser, Energie und Verkehr. Die enorm steigenden Lebensmittelpreise haben vor allem in den letzten Monaten des Jahres die Inflation befeuert. Ihr Einfluss auf die Inflation ist stärker gestiegen als der aller anderen Produktgruppen. Doch die Regierung hätte Möglichkeiten, gegenzusteuern.

Inflation 2022 in Österreich so hoch wie zuletzt vor 48 Jahren

Die hohe Inflation 2022 ist natürlich kein rein österreichisches Problem. Im Euroraum lag die Preissteigerung bei durchschnittlich 8,4 Prozent. In Deutschland und Österreich lag sie bei 8,6 Prozent. Neben den Energiekosten haben enorme Unternehmensgewinne (die sogenannte Gewinn-Preis-Spirale) und automatisch mitwachsende Mieten haben die Preise angeheizt. Über das gesamte Jahr 2022 betrachtet sind hauptsächlich drei Produktgruppen zu Preistreibern geworden:

  • Wohnung, Wasser, Energie (verantwortlich für 2,4 Prozentpunkte der Jahresinflation): Die Kosten wuchsen um 12,6 Prozent. Vor allem die gestiegenen Kosten für Gas (+80,8 Prozent) und Heizöl (+89,7 Prozent) haben hier die Inflation hochgehalten.
  • Verkehr (verantwortlich für 2,2 Prozentpunkte der Jahresinflation): Die Preise für den Verkehr wuchsen um 16,2 Prozent. Zum einen, weil die Treibstoffpreise in die Höhe schossen (+42 Prozent). Zum anderen, weil wegen der Lieferkettenproblematik die Neuwagenpreise stiegen (+21,5 Prozent bei Gebrauchtwagen).
  • Lebensmittel (verantwortlich für 1,2 Prozentpunkte der Jahresinflation): Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke haben sich im Jahr 2022 um 10,7 Prozent verteuert. Weil ihre Teuerung im Jahr 2021 aber besonders gering war (nur +0.8 Prozent), ist der Faktor, um den die Preise wachsen, hier besonders hoch. Sie wuchsen 13,6-mal so stark wie im Vorjahr. Zum Vergleich: Bei der Energie beträgt der Faktor nur 3,6, beim Verkehr nur 2,4.
Eine Straßenbahn, oder Bim, steht in Wien an der Ampel. Daneben zwei Autos und ein Fiaker oder Pferdekutsche. Symbolbild für Inflation 2022 in Österreich.
Auch der Verkehr hat im Jahr 2022 enorm zur Teuerung beigetragen. Das Klimaticket wirkte immerhin preisdämpfend. | © Adobestock/Sasithorn

Antiteuerungsmaßnahmen wirken – wenn die Regierung sie umsetzt

Doch bei der Inflation 2022 in Österreich gibt es auch gute Nachrichten. So konnte Statistik Austria nachweisen, dass Antiteuerungsmaßnahmen der Regierung einen zumindest geringfügigen Effekt auf die Preissteigerungen haben – wenn sie mal umgesetzt werden. So hatte die Strompreisbremse beispielsweise im Dezember 2022 einen Einfluss von minus 0,2 Prozentpunkte auf die Inflationsrate. An einem ganzheitlichen Paket fehlt es allerdings. Aktuell wären Maßnahmen im Bereich der Lebensmittel dringend notwendig. Der Mikrowarenkorb – der die Produkte des täglichen Bedarfs umfasst – verteuert sich im Jahr 2022 um 9,9 Prozent. Das liegt vor allem daran, dass die Preise für Grundnahrungsmittel enorm gestiegen sind. Zu den großen Preistreibern in diesem Bereich gehören laut Statistik Austria:

  • Butter (plus 31 Prozent)
  • Mehl (28 Prozent)
  • Speiseöle (23,7 Prozent)
  • Milch (17,1 Prozent)
  • Fleischprodukte (16,6 Prozent)
  • Eier (15,6 Prozent)
  • Gefrorene Fische (14,3 Prozent)
  • Geflügelfleisch (14,3 Prozent)
  • Mineral- und Quellwasser (14,0 Prozent)
  • Kaffee (13,9 Prozent)

Die Preise für Lebensmittel wuchsen so stark, dass Produkte wie gefrorenes Gemüse (plus 7,0 Prozent), Obst (plus 5,3 Prozent), Schokolade (plus 5,8 Prozent) und Reis (plus 5,8 Prozent) von Statistik Austria bereits als „preisdämpfend“ geführt werden. Auch Spanien hatte das Problem. Eine Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel half hier vor allem Haushalten mit geringem Einkommen. In Österreich zeigten sich viele Maßnahmen als wenig zielführend.

„Die Senkung der Mehrwertsteuer kommt beim Endverbraucher an und senkt direkt die Preise, die im Handel gezahlt werden“, bewertet Ingolf Böttcher dieses Instrument gegenüber Arbeit&Wirtschaft. Er ist Leiter der Preisstatistik und in der Direktion Volkswirtschaft bei Statistik Austria. Er gibt jedoch auch zu bedenken, dass der Einfluss einer Mehrwertsteuersenkung bei einer einzelnen Produktgruppe nur einen geringen Einfluss auf die Gesamtinflation hätte. Zudem sei unklar, inwieweit der Handel entsprechende Steuersenkungen überhaupt weitergeben würde. So direkt diese Hilfe ankommen könnte, braucht es deswegen eine ganzheitliche Lösung, die auch ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian gefordert hat. Zusätzlich zur Mehrwertsteuersenkung liegt in Österreich beispielsweise die Idee der Einführung einer Anti-Teuerungskommission auf dem Tisch und wartet auf Umsetzung.

Inflation 2022 in Österreich: Preissteigerung bleibt hoch

Beim Ausblick auf das Jahr 2023 verweist Statistik Austria bei der Präsentation der Daten auf Schätzungen der Österreichischen Nationalbank. Diese geht von einer weiterhin hohen Inflation von 6,5 Prozent aus. Tobias Thomas, Generaldirektor Statistik Austria, glaubt ebenfalls nicht daran, dass die Inflation kurzfristig auf das Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) fallen würde. Mit Corona, der Klimakatastrophe, dem Krieg in der Ukraine und fragilen Lieferketten gäbe es aktuell viele negative Einflussfaktoren. Die Zinserhöhungen der EZB würden außerdem erst ein Jahr nach Einführung preisdämpfend wirken.

Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Domke Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.

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