Starke Frauen für starke Anliegen

Foto (C) ÖGB-Verlag/Michael Mazohl
Melitta Aschauer-Nagl, Leiterin AK-Bildung, und Ingrid Moritz, Leiterin Frauen und Familie in der AK Wien
Ob es um mehr Chancengleichheit oder die Gleichberechtigung der Geschlechter geht: Für das und noch viel mehr setzen sich zwei starke AK-Frauen ein.

Inhalt

  1. Seite 1 - Engagement für Chancengerechtigkeit
  2. Seite 2 - Kritik an der Frauenpolitik der Regierung
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Wollt ihr einen Kaffee? Kommt, ich zeige euch meinen Lieblingsort in der Arbeiterkammer! Melitta Aschauer-Nagl führt uns von ihrem Büro auf die Terrasse der AK-Bibliothek, auch wenn es ein wenig nach Regen aussieht. Sie hat ein altes Buch bei sich. Die Bibliothek ist einer ihrer Wirkungsbereiche. Sie leitet den Bereich Bildung und die Abteilungen Konsumentenschutz und Kommunalpolitik mit insgesamt 83 MitarbeiterInnen. 1958 in St. Pölten geboren, wächst sie in Aspang am Wechsel auf. Nach der Hauptschule gelingt ihr der Wechsel auf eine Wiener Handelsakademie. „Ich bin eines der seltenen Beispiele für Bildungsdurchlässigkeit in Österreich“, erzählt sie stolz. Sie studiert Jus und ist in ihrer Familie die erste Frau mit Universitätsabschluss. Heute unterstützt sie First-Generation Students: „Sie fragen nach günstigem Wohnraum, Inskription und Möglichkeiten zur Kinderbetreuung.“

Im österreichischen Bildungssystem hängt vieles von Bildungs­­­grad, Herkunft und Einkommen der Eltern sowie vom Lernumfeld ab.

Aschauer-Nagl engagiert sich für Chancengerechtigkeit – das österreichische Bildungssystem hält sie für sehr ungerecht. „Es hängt viel von Bildungsgrad, Herkunft und Einkommen der Eltern sowie vom Lernumfeld ab. Schulkinder, deren Eltern nur Pflichtschulabschluss haben, liegen gegenüber Akademikerkindern nach acht Jahren um 27 Lernmonate zurück.“ Die Expertin plädiert für den AK-Chancenindex als Basis zur Mittelverteilung: Schulen mit vielen Kindern aus bildungsfernen Familien sollen mehr gefördert werden. Zudem fordert sie ein stärkeres Angebot an verschränkten Ganztagsschulen mit Lern- und Freizeitblöcken.

Geprägt hat Melitta Aschauer-Nagl ihre Arbeit in Brüssel, wo sie 1991 das Büro der Arbeiterkammer aufgebaut hat. „Wir haben Übergangsfristen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit erreicht und uns erfolgreich eingesetzt, dass höhere österreichische Standards etwa im Konsumentenschutz erhalten bleiben und nicht auf EU-Durchschnitt gesenkt werden.“ Genau diese Besserstellung stelle nun die Regierung infrage, kritisiert sie. Zurück in Wien leitete sie von 1997 bis 2010 die Abteilung EU & Internationales, seither den Bereich Bildung.

Viel beschäftigt

Aschauer-Nagls Bereich umfasst Bildungseinrichtungen bis zur Hochschule. Ihre MitarbeiterInnen führen Studien durch, begutachten Lehrpläne und organisieren Berufsorientierung für Jugendliche durch Seminare, Planspiele und Messen. „Bei einer Messe im Herbst können 14-Jährige in viele Berufe hineinschnuppern.“ Kürzlich lag eine Verordnung zur Feststellung der Schulreife auf Aschauer-Nagls Tisch, die sie erfreut zur Kenntnis nahm. „Wenn das Kind seine Muttersprache altersgemäß spricht und alle anderen Voraussetzungen erfüllt, dann ist es schulreif. Damit geht die Bundesregierung von Deutsch als Schulreifekriterium im Interesse der Kinder ab.“

Auch die berufliche Aus- und Weiterbildung von ArbeitnehmerInnen zählt zu den Schwerpunkten. Im Vorjahr wurden bundesweit fünf Millionen Euro in den Bildungsgutschein investiert. Eine Maßnahme der Regierung empört Aschauer-Nagl: dass berufstätige Studierende ab dem Wintersemester 2018 Studiengebühren zahlen müssen, wenn sie die Mindeststudienzeit und Toleranzsemester überschreiten. „Das benachteiligt jene, denen die Eltern kein Studium zahlen können.“ Auf Aschauer-Nagls Schreibtisch häufen sich Anliegen, denn ihr Bereich umfasst viele Themen. Beim KonsumentInnenschutz geht es um Ansprüche der Passagiere bei Flugverspätungen, in der Kommunalpolitik um den Erhalt von Grünraum in der Stadt, MitarbeiterInnen der Geschichtsforschung wiederum interviewen im Gedenkjahr Zeitzeugen zur Geschichte der ArbeiterInnenbewegung.

Während des Gesprächs auf der Terrasse nimmt Aschauer-Nagl das alte Buch zur Hand. Es ist ihr Lieblingsbuch aus der AK-Bibliothek, eine Erstausgabe der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“. „Marie Jahodas Team thematisierte erstmals das sinnstiftende Element von Arbeit und die sozialen Folgen von Arbeitslosigkeit.“ Bis heute lässt sich daraus (leider) noch viel ableiten.

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  1. Seite 1 - Engagement für Chancengerechtigkeit
  2. Seite 2 - Kritik an der Frauenpolitik der Regierung
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Über den/die AutorIn

Sandra Knopp und Udo Seelhofer

Sandra Knopp und Udo Seelhofer

Sandra Knopp ist freie Journalistin für verschiedene Radio und Printmedien, und hat die Themen Arbeitsmarkt, Soziales und Gesellschaftspolitik als Schwerpunkte. Udo Seelhofer war früher Lehrer und arbeitet seit 2012 als freier Journalist. Seine Schwerpunkte sind Gesellschaft, soziale Themen und Religion. Im Team wurden sie beim Journalismuspreis „Von unten“ 2017 für ihre Arbeit&Wirtschaft Reportage „Im Schatten der Armut“ ausgezeichnet.