Dos und Don’ts bei KV-Verhandlungen

Bild mit dem Schrifttext "Dos & Donts" bei KV Verhandlungen
Kollektivvertragsverhandlungen laufen nach – ungeschriebenen – Regeln ab.
Jede Branche hat ihren eigenen Stil, Kollektivvertragsverhandlungen zu führen. Wir haben bei Metallern und im Handel hinter die Kulissen geschaut.
Kollektivvertragsverhandlungen laufen nach – ungeschriebenen – Regeln ab. Diese können von Branche zu Branche differieren. Wie stark eine Gewerkschaft in den Gesprächen mit den ArbeitgeberInnen auftreten kann, hängt allerdings immer vom Rückhalt in den Betrieben ab. Gewerkschaftsintern spricht man dann von Organisationsgrad. Soll heißen: Je mehr ArbeitnehmerInnen in einer Branche gewerkschaftlich organisiert sind, desto mehr ArbeitnehmerInnen werden auch zu Kampfmaßnahmen bereit sein, wenn Forderungen nicht erfüllt werden.

Als diesbezüglich besonders starke Branche gelten die Metaller. Sie haben eben die heurigen Kollektivvertragsverhandlungen erfolgreich zu Ende gebracht – dennoch lief heuer vieles zäher als in früheren Jahren. Sieben Runden hat man gebraucht, es gab aber auch schon Jahre, in denen nur drei Runden nötig gewesen waren, erzählt Peter Schleinbach von der Produktionsgewerkschaft (PRO-GE) im Gespräch mit A&W Online. „Die Anzahl der nötigen Runden lässt sich nicht voraussagen. Wie es vorangeht, ist ja immer Verhandlungssache.“

Die Forderungsübergabe

Noch vor der ersten Verhandlungsrunde übergeben die Metaller, die in sechs Gruppen – jeder Fachverband verhandelt einzeln – mit der ArbeitgeberInnenseite um einen Abschluss ringen, dem Gegenüber ihre Forderungen. Auch im Handel übermitteln die ArbeitnehmervertreterInnen den ArbeitgeberInnen ihre Wünsche vorab, sagt der Handels-KV-Verhandler Franz Georg Brantner.

Kollektivvertragsverhandlungen sind eben nicht einfach eine Formsache, hier schauen beide Seiten darauf, möglichst vorteilhaft auszusteigen.

Franz Georg Brantner verhandelt den Handels-KV

Die ersten Verhandlungsrunden

In der ersten Verhandlungsrunde werden die einzelnen Forderungen präzisiert. Und dann braucht es einmal mehr, einmal weniger Runden, bis sich beide Seiten einigen. Im Handel waren es in der Vergangenheit meist vier Runden mit je zwei Tagen und nach sechs bis acht Wochen lag eine Einigung am Tisch. Heuer ziehen sich die Verhandlungen, der Einfluss des neuen Arbeitszeitgesetzes ist spürbar.

Eine, wie man auf gut Wienerisch sagt, „gmahte Wiesn“ ist es aber nie, wie Brantner betont. Kollektivvertragsverhandlungen sind eben nicht einfach eine Formsache, hier schauen beide Seiten darauf, möglichst vorteilhaft auszusteigen.

Der gute Ton

Hart in der Sache, höflich im Ton: Wenn etwa die Metaller während der Verhandlungen einen Streik in Aussicht stellen oder sogar Warnstreiks abgehalten werden, heißt das nicht, dass in den Verhandlungen zuvor verbal die Fetzen geflogen sind. „Einerseits sagen wir dem Gegenüber natürlich nicht, was wir konkret vorhaben“, so Schleinbach. Man ziehe sich zurück, um die ArbeitnehmerInnen in den Betrieben über den bisherigen Verhandlungsfortgang zu informieren.

In den Verhandlungen bemühen wir uns aber um eine zurückhaltende Rhetorik, Beleidigungen haben da nichts zu suchen.

Peter Schleinbach, PRO-GE

Und dann falle eben etwa die Entscheidung, zu streiken. „In den Verhandlungen bemühen wir uns aber um eine zurückhaltende Rhetorik, Beleidigungen haben da nichts zu suchen.“ Auch Brantners Erfahrung ist, dass man durch verbale Ausfälle in der Regel wenig erreicht.

Abstimmung in der Branche

Wichtig ist immer der Rückhalt der ArbeitnehmerInnen, für die der jeweilige Kollektivvertrag gerade ausverhandelt wird. Dazu gehört ständiger Kontakt das ganze Jahr über, nicht nur während der Kollektivvertragsverhandlungen, macht Schleinbach klar. Eine wichtige Rolle spielen hier aktive BetriebsrätInnen.

Während der KV-Verhandlungen ist es sowohl bei den Metallern als auch im Handel so, dass große Teams das eigentlich Verhandlungsteam unterstützen. Schon zuvor werden in KV-BetriebsrätInnenkonferenzen – im Handel nehmen hier etwa 300 BetriebsrätInnen aus ganz Österreich teil – die Forderungen der Branche abgestecken und gemeinsam formulieren.

Kampfmaßnahmen können von den VerhandlerInnen nur zur Durchsetzung von Interessen eingebracht werden, wenn diese dann in den Betrieben auch mitgetragen werden.

Franz Georg Brantner, GPA-djp und Betriebsratsvorsitzender Herba-Chemosan

Während der Verhandlungen kann das Kernteam immer wieder das größere ArbeitnehmerInnen-Team vor Ort informieren und Feedback einholen. Andererseits können auch in besonders brenzligen Situationen sehr kleine Teams auf ArbeitnehmerInnen- und ArbeitgeberInnen-Seite versuchen, doch noch zu einer Lösung zu finden.

Kampfmaßnahmen

Klar ist: Kampfmaßnahmen können von den VerhandlerInnen nur zur Durchsetzung von Interessen eingebracht werden, wenn diese dann in den Betrieben auch mitgetragen werden. Im Handel wird man also eher auf Betriebsversammlungen oder Straßendemonstrationen setzen, bei den Metallern scheut man sich auch nicht, zu streiken.

Der KV-Abschluss

Ein KV-Abschluss ist mehr als die Zahl der prozentualen Erhöhung.

Was beiden Branchen gemein ist, ist das mediale Interesse an den KV-Abschlüssen. Der Metaller-Abschluss gilt als Marke für die darauffolgenden KV-Verhandlungen in anderen Branchen. Im Handel wird wiederum für mehr als 400.000 Menschen verhandelt, wie Brantner erläutert. Von diesem KV-Ergebnis sind viele ArbeitnehmerInnen betroffen. Und so gehört eine breite Berichterstattung zum Auftakt der Verhandlungen ebenso dazu wie die – manchmal nächtliche – mediale Verkündung des Verhandlungsergebnisses.

Was die KV-VerhandlerInnen dabei manchmal verzagt: Ein KV-Abschluss ist mehr als die Zahl der prozentualen Erhöhung. Oft interessiert aber nur die, sowohl medial als auch viele ArbeitnehmerInnen.

Über den/die AutorIn

Alexia Weiss

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2014 erschien ihr bisher letzter Roman ENDLOSSCHLEIFE (Verlag Iatros).