Sicherheitspersonal in Armutsfalle: Delogiert trotz 60-Stunden-Woche

Ein Wachmann beschützt ein Einkaufszentrum. Symbolbild für KV-Verhandlungen für das Sicherheitspersonal. Sie kriegen dank der Herbstlohnrunde mehr GEhalt.
Auch für die Bewacher gab es in der Herbstlohnrunde 2023 einen fairen Abschluss | © Adobe Stock/Bits and Splits
Für das Sicherheitspersonal stehen im November KV-Verhandlungen an. Es geht um mehr als nur mehr Geld. Es geht um ein Leben in Würde.
Auf dem Höhepunkt der Coronakrise zog sich das Sicherheitspersonal nicht ins Homeoffice zurück. Sie verteilten Masken vor Supermärkten oder Kontaktformulare vor Krankenhäuser. Einen Coronabonus gab es dafür vom Staat nicht. Dabei wäre der dringend notwendig. Denn mit einem Nettolohn von 1.300 Euro kamen Menschen schon vor der aktuellen Inflation kaum in Würde durchs Leben. Gernot Kopp ist stellvertretender Betriebsrats-Vorsitzender bei der Securitas SDL GmbH und gibt im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft einen Einblick in die Branche und die Forderungen für die KV-Verhandlungen.

Sicherheitspersonal: Wenn die Arbeit nicht zum Leben reicht

Sicherheitspersonal gibt es überall. Von der kleinen Lagerhalle bis zum Flughafen. Vom Portierdienst bis zur Werkssicherheit. Selbst der Feuerwehrdienst in der Hofburg gehört dazu. Insgesamt 16.000 Arbeitnehmer:innen vertritt die Gewerkschaft vida in diesem Sektor. Und wie kaum eine andere Branche sind diese Menschen auf erfolgreiche KV-Verhandlungen angewiesen. Und das nicht erst, seitdem die Energiepreise explodieren.

Feuerwehrleute mit Atemmaske geben sich die Hände. Symbolbild für KV-Verhandlungen für das Sicherheitspersonal.
Auch für Feuerwehrleute wird der Lohn mitverhandelt. | © Adobe Stock/qunica.com

„Wir haben häufig den Fall, dass Arbeitnehmer:innen bei dem Betriebsrat anrufen und sagen, dass sie Unterstützung bei der Miete oder sonst für die Alltagskosten brauchen. Die haben teilweise schon Delogierungsandrohungen in der Hand“, berichtet Kopp aus seinem Alltag als Arbeitnehmer:innen-Vertreter.

Hintergrund ist der zu geringe Lohn. Mehr als die Hälfte des Sicherheitspersonals wird nach der geringsten Stufe im Kollektivvertrag bezahlt. Das sind gerade einmal 1.704 Euro brutto für eine 40-Stunden-Woche. Deswegen arbeiten die meisten Personen in der Branche deutlich mehr. So können sie sich mit einem Mehrarbeitszuschlag den Lohn etwas aufbessern. Auch bei den Metaller Verhandlungen 2022 stehen derzeit hitzige Verhandlungen an, 

Sicherheitspersonal: Konto im Minus trotz 60-Stunden-Woche

Dass sich die aktuelle Debatte auf die Inflation konzentriert, ist für Kopp kaum mehr als eine Randerscheinung. Denn die Probleme, die viele Menschen jetzt erfahren, ist für das Sicherheitspersonal seit Jahren Alltag. „Die Gewerkschaft hat eine Umfrage gemacht, wofür die Mitarbeiter:innen das Weihnachts- und Urlaubsgeld verwenden. Knapp 90 % gaben an, dass sie damit das Minus auf dem Konto ausgleichen“, berichtet Kopp. Und weiter: „Alles ist teurer geworden, aber ein Leben mit durchschnittlich 1.300 Euro netto ging sich schon vor der Teuerung nicht aus.“

Ein Grund für die geringe Bezahlung ist, dass es sich nicht um einen Ausbildungsberuf handelt. Wer am Flughafen arbeiten will, der muss eine fünfwöchige Schulung durchlaufen. Die größten vier Sicherheitsfirmen in Österreich bieten außerdem ein dreitägiges Basistraining an. Doch selbst das absolvieren viele Arbeitnehmer:innen nicht, wenn sie bei kleineren Firmen arbeiten müssten. So muss das Sicherheitspersonal am Flughafen lernen, wie die Röntgenstraße zu bedienen ist und wie mit den Menschen dort umgegangen werden muss. Auch Österreichs Gerichte haben Röntgenstraßen – hier gibt es aber kaum Schulungen.

Das beste Sicherheitspersonal, nicht das billigste

Das liegt auch daran, dass sich selbst bei öffentlichen Ausschreibungen im Bereich der Sicherheitsmaßnahmen das Billigstprinzip durchgesetzt hat. „Bei öffentlichen Ausschreibungen fordern wir das Bestbieter-Prinzip. Dabei müssen auch Punkte wie Ausbildung der Mitarbeiter:innen, Bezahlung und Arbeitsbedingungen berücksichtigt werden. Es kann nicht sein, dass der billigste den Zuschlag kriegt“, so Kopp.

Es gäbe Fälle, in denen Angestellte noch nicht einmal die eigentlich obligate Sicherheitsüberprüfung hätten. Die müsste nämlich postalisch beim Innenministerium beantragt werden, was Wochen dauern könnte. Müssten Firmen aber kurzfristig einen Auftrag ausführen, würde Sicherheitspersonal ohne Überprüfung oder Training eingesetzt. „Wer eine gelbe Weste sieht, auf der ‚Security‘ steht, geht davon aus, dass diese Person eingeschult ist und genau weiß, was zu tun ist. Das ist aber oft nicht der Fall, ganz im Gegenteil, oft sind die Mitarbeiter:innen mit der Gefahrensituation überfordert und alleine gelassen!“

Klare Forderungen des Sicherheitspersonals

In die KV-Verhandlungen geht das Sicherheitspersonal deswegen mit klaren Forderungen. Der kollektivvertragliche Mindestlohn muss auf 2.000 Euro angehoben werden. In einer zweiten Stufe – die mit einer fundierten Ausbildung zusammenhängt – muss der Lohn auf 2.500 Euro angehoben werden. Aktuell ist es so, dass Berufseinsteiger den gleichen Lohn bekommen wie Menschen, die bereits seit zwanzig Jahren in der Firma sind. Müssen die Angestellten zusätzlich eine bestimmte Ausbildung durchlaufen – für den Flughafen oder eine Betriebsfeuerwehr – soll der Lohn 3.000 Euro betragen.

Dazu kommen Forderungen, die der Verbesserung der Arbeitsbedingungen dienen sollen. Aktuell hat das Sicherheitspersonal zum Beispiel keinen Anspruch auf freie Wochenenden. Das müsse sich ändern, betont Kopp. Ein oder zwei freie Wochenenden pro Monat müssten verpflichtend sein. Außerdem müsste die Planbarkeit erhöht werden. Beispielsweise durch Dienstpläne, die bereits mehrere Wochen vorher verteilt werden. So könnten die Arbeitnehmer:innen Familienaktivitäten und Arztbesuche planen.

Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Domke Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde.

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