Islands Sprung über den Gender-Pay-Gap – Drífa Snædal im Interview

Drífa Snædal ist seit 2018 Präsidentin des isländischen Gewerkschaftsbundes
Foto (C) Markus Zahradnik
Der weltweit geringste Gender-Gap, Nummer eins im Global Peace Index, mit Arbeitszeitverkürzung in den weltweiten Schlagzeilen – kann Island ein Vorbild bei Geschlechtergerechtigkeit und Arbeitnehmer:innenrechten sein? Ein Gespräch mit Drífa Snædal, der Präsidentin des isländischen Gewerkschaftsbundes.
Drífa Snædal ist seit 2018 Präsidentin des isländischen Gewerkschaftsbundes ASÍ. Die technische Zeichnerin und studierte Arbeitsrechtlerin ist die erste Frau in diesem Amt. Laut OECD waren im Jahr 2020 92,2 Prozent der unselbstständig Erwerbstätigen Mitglieder in Gewerkschaften.

Arbeit&Wirtschaft: Island ist in der Spitzengruppe vieler Rankings, die sich auf Lebensqualität und Glück beziehen. Gleichzeitig ist es das Land mit dem größten gewerkschaftlichen Organisationsgrad weltweit. Besteht da ein Zusammenhang? Machen starke Gewerkschaften Menschen glücklich?

Drífa Snædal (lacht): Vielleicht nicht so direkt – aber sie führen zu einer Gesellschaft, die es mehr Menschen ermöglicht, glücklich sein zu können.

Besonders interessant ist auch die Nummer-eins-Position im Gender-Gap-Index des Weltwirtschaftsforums seit mehr als zehn Jahren. In Island sind die Gleichstellung in allen Lebensbereichen, die Änderung traditioneller Rollenbilder und die Schließung des Gender-Pay-Gaps gesetzlich verankert. Kinderbetreuung und Karenzmodelle gelten international als Vorbild. Wie kam es dazu?

Der Schlüssel dazu ist die Zusammenarbeit von Frauen und Organisationen über Parteigrenzen hinweg. Island hat traditionell eine starke Frauenbewegung, die stetig Erfolge erzielt. Besonders hervorzuheben ist der Generalstreik der Frauen im Jahr 1975, der in der Folge auch den Weg zur weltweit ersten Wahl eines weiblichen Staatsoberhauptes im Jahr 1980 geebnet hat. Allerdings verstellt der Umstand, dass wir in vielen Bereichen eine Spitzenposition erlangt haben, den Blick auf die durchaus noch vorhandenen Problemfelder. „Gleiches Geld für gleiche Arbeit“ ist Gesetz, doch der eigentliche ergibt sich daraus, dass Frauen andere Tätigkeiten ausüben als Männer. Tätigkeiten, die im Vergleich schlechter honoriert werden.

Und wie begegnen Sie dem Problem? Durch die Heranführung von Frauen an MINT-Berufe?

 Arbeite ich zum Beispiel in der Pflege, habe eine ähnliche Ausbildungsstufe und vergleichbare berufliche Belastung wie etwa jemand im Straßenbau – warum ist die Bezahlung in meiner Branche so viel schlechter?

Drífa Snædal, Präsidentin des isländischen Gewerkschaftsbundes

Nein, von der anderen Seite. Wir haben nach Neuseeland geschaut: Dort gibt es seit Kurzem ein System, das das Lohnniveau in von Frauen dominierten Branchen auf jenes in Männerbranchen hebt. Arbeite ich zum Beispiel in der Pflege, habe eine ähnliche Ausbildungsstufe und vergleichbare berufliche Belastung wie etwa jemand im Straßenbau – warum ist die Bezahlung in meiner Branche so viel schlechter? Solche Bedenken werden von einem Gremium beurteilt und führen, wenn sie als zutreffend erachtet werden, zu einer Erhöhung des Einkommens. Dadurch konnten in Neuseeland etwa die Löhne im Bildungsbereich gesteigert werden, und wir planen einen Testlauf in Island.

Welche Zeitspanne muss vergehen, bis der Plan Früchte trägt? Wann wird eine isländische Pflegerin ebenso viel verdienen wie etwa ein Mitarbeiter in einem Kraftwerk? Erleben wir das noch?

(lacht, wird nachdenklich) Eine gute Frage. Was mich optimistisch stimmt: Durch die Verbesserung der Einkommenssituation wird auch für Männer der Anreiz größer, einen beruflichen Weg wie etwa in der Pflege einzuschlagen. Diese Verringerung der Geschlechtersegregation sollte die finanzielle Ungleichbewertung zusätzlich reduzieren.

Kollektivverträge und Gesetzgebung haben letztlich nur monetäre Möglichkeiten, um Gleichstellung zu fördern. Die Einkommensschere mag sich schließen, doch schließt sich auch die Schere in den Köpfen der Menschen im gleichen Ausmaß?

Diese Ungleich-Denke ist tatsächlich ein härterer Brocken als die Ungleich-Bezahlung. Ich habe oft das Gefühl, dass Misogynie immer neue Wege findet, um sich zu manifestieren. In den letzten Jahren gab es Änderungen an der Abtreibungsgesetzgebung, etwa eine Ausweitung der Fristenregelung. Wie frauenfeindlich die Rhetorik war, die dem Anliegen selbst innerhalb des Parlaments entgegengebracht wurde, hat mich ehrlich überrascht. Eine gemeinsame Initiative der Frauen über Parteigrenzen hinweg hat aber auch diese Gesetzesinitiative zum Erfolg geführt. Besonders wichtig sind uns die Verringerung der geschlechtsspezifischen Gewalt und die Schaffung eines sicheren Lebensumfelds. Wir versuchen, das Konzept der nationalen Sicherheit so zu erweitern, dass es ausdrücklich auch die Sicherheit von Frauen umfasst – im Privaten und am Arbeitsplatz.

Besonders wichtig sind uns die Verringerung der geschlechtsspezifischen Gewalt und die Schaffung eines sicheren Lebensumfelds.

Island ist ein kleines Land – warum unternimmt es vergleichsweise große Anstrengungen in Hinblick auf Gleichstellung?

Für mich persönlich geht es dabei um Gerechtigkeit, Unabhängigkeit und Lebensglück. Für Menschen, denen diese Dinge nicht so viel bedeuten, gibt es aber noch ein gewichtiges Argument: Die Forschung deutet darauf hin, dass Gleichstellung dem wirtschaftlichen Erfolg zuträglich ist. Island will es sich nicht leisten, die Hälfte der Bevölkerung an der Schaffung von Wohlstand zu hindern.

Sie haben den Frauenstreik von 1975 erwähnt, der eine Zeitenwende in der isländischen Geschichte markiert. In den folgenden Dekaden gab es immer weniger Streiks, doch deren Zahl hat in den letzten Jahren wieder zugenommen. Woran liegt das?

Einerseits haben sich die Gewerkschaften erneuert. Neue, radikalere Köpfe haben zu einer kompromissloseren Vorgangsweise geführt, die nun auch statistisch messbare Früchte trägt, etwa in der Schließung des Gender-Gaps in ganz bestimmten Bereichen, die bestreikt wurden. Andererseits werden auch die Arbeitgeber:innen immer brutaler in der Behandlung Einzelner, aber auch in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Das Gesundheitssystem müsse privatisiert werden, eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes sei schlecht für die Wirtschaft … Sie kennen das vielleicht ebenfalls.

Wir wurden von der Bankenkrise besonders hart getroffen und suchen bis heute nach Balance. Das Pendel hätte auch in eine andere, weniger auf Gleichstellung und Gerechtigkeit bedachte Richtung ausschlagen können. In so einer Situation sind Gewerkschaften, die so viel Gewicht haben wie hierzulande, ein wichtiger Stabilisierungsfaktor.

Diese Polarisierung ist ein globaler Trend, doch Island ist auch in einer speziellen Situation: Wir wurden von der Bankenkrise besonders hart getroffen und suchen bis heute nach Balance. Das Pendel hätte auch in eine andere, weniger auf Gleichstellung und Gerechtigkeit bedachte Richtung ausschlagen können. In so einer Situation sind Gewerkschaften, die so viel Gewicht haben wie hierzulande, ein wichtiger Stabilisierungsfaktor. Abgesehen von unserer Rolle bei Kollektivvertragsverhandlungen, Rechtsberatung und Streiks sind wir eine tragende Säule des isländischen Sozialstaats.

Im Sommer war Island mit der Einführung der 4-Tage-Woche in den internationalen Schlagzeilen. Wie läuft die Umsetzung?

Bei den Journalist:innen, die dies so berichtet haben, war wohl eher der Wunsch die Mutter des Gedankens. Eigentlich geht es um eine Arbeitszeitverkürzung auf 36 Wochenstunden. Das ist aber nur ein Zwischenschritt, bei den nächsten KV-Verhandlungen im kommenden Jahr drehen wir die Schraube weiter.

Die Verringerung der Wochenarbeitszeit verbessert die Work-Life-Balance und Gesundheit von Arbeitnehmer:innen, reduziert krankheitsbedingte Fehlzeiten und steigert die Effizienz.

Die Verringerung der Wochenarbeitszeit verbessert die Work-Life-Balance und Gesundheit von Arbeitnehmer:innen, reduziert krankheitsbedingte Fehlzeiten und steigert die Effizienz. Außerdem wirkt sie sich durch verändertes Konsumverhalten und geringeres Verkehrsaufkommen positiv auf die Umwelt aus: Das sind Faktoren, denen sich die Arbeitgeber:innenseite nicht verschließen kann.

Über den/die Autor*in

Markus Zahradnik

Markus Zahradnik ist der Fotograf der Arbeit&Wirtschaft, setzt unsere Interviews, Reportagen und andere Motive in Szene – und zeichnet für unsere Videos verantwortlich. Gleichzeitig ist er studierter Journalist und weiterhin inhaltlich an Wirtschaft und Gesellschaftspolitik interessiert, was sich in ausgewählten Fällen in Form von Texten niederschlägt.

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