Was ist Arbeitsdruck?
Arbeitsdruck entsteht, wenn die Anforderungen steigen und Zeit oder Handlungsspielraum fehlen. Mangelt es an Personal, werden Dienstpläne kurzfristig geändert oder wird ständige Erreichbarkeit erwartet, steigt der Druck im Arbeitsalltag. Arbeitsverdichtung bezeichnet das Phänomen, dass mehr Arbeitsergebnisse innerhalb einer bestimmten Zeit geliefert werden müssen. Das könne etwa bedeuten, dass mehr Produkte in derselben Zeit hergestellt oder mehr Klient:innen im selben Zeitraum wie bislang versorgt werden müssen, während aber gleichzeitig Personal eingespart werde, sagt Michael Heiling, Experte in der Abteilung Betriebswirtschaft der AK Wien.

Zu viel Druck auf der Arbeit: Was kann ich tun?
Diese vier Schritte helfen, die Belastung anzusprechen und Veränderungen einzufordern.
- Belastung erfassen: Notieren Sie Ihre täglichen Arbeitszeiten, Überstunden und ausgefallene Pausen. Wenn Sie nach Feierabend ständig erreichbar sein müssen, ist das ein Warnsignal. Halten Sie fest, wenn die Arbeitsmenge in der regulären Arbeitszeit kaum zu schaffen ist. Schreiben Sie auf, wenn Fristen unrealistisch sind oder sich Termine überschneiden.
- Prioritäten klären: Vereinbaren Sie ein Gespräch mit Ihrer Führungskraft und bereiten Sie sich darauf vor. Überlegen Sie, woher die Überlastung kommt: Ist gerade besonders viel zu tun oder haben Sie dauerhaft zu viele Aufgaben? Sprechen Sie darüber, wie sich die Belastung auf Ihre Arbeit und die Zusammenarbeit im Team auswirkt. Überlegen Sie vorher, welche Aufgaben zuerst erledigt werden müssen und welche warten können. Prüfen Sie, ob Aufgaben verschoben oder anders im Team verteilt werden können. Die Führungskraft soll Prioritäten und verschiebbare Aufgaben verbindlich klären.
- Gemeinsam handeln: Wenden Sie sich, wenn vorhanden, an Ihren Betriebsrat. Der Betriebsrat kann Rückmeldungen aus der Belegschaft bündeln und gemeinsame Ursachen bei der Geschäftsführung sichtbar machen.
- Entlastung überprüfen: Vereinbaren Sie Folgetermine, in denen Sie prüfen können, ob die beschlossenen Veränderungen tatsächlich einen positiven Effekt hatten. Können Sie Pausen jetzt leichter einhalten? Werden Dienstpläne seltener kurzfristig geändert? Lassen sich die Aufgaben leichter innerhalb der vereinbarten Arbeitszeit erledigen?
Individuelle Gespräche können Veränderungen anstoßen, eine dauerhafte Entlastung bringen aber erst passende Arbeitsbedingungen.
Welche Ursachen hat hoher Arbeitsdruck?
Arbeitspsychologin Veronika Jakl beschreibt drei Kategorien von Arbeitsdruck. Jenen durch die Tätigkeit an sich, wenn man sich als Pflegekraft zum Beispiel von Patient:innen anschreien lassen, aber dennoch immer freundlich bleiben müsse. Jenen durch schlechte Arbeitsorganisation, wenn man etwa erst kurzfristig seinen Dienstplan erfahre oder viele Überstunden machen müsse. Und schließlich den Druck durch ein schlechtes Sozialklima, wenn man das Gefühl habe, sich mit niemandem austauschen zu können.
Der Arbeitsrechtler Martin Gruber-Risak von der Universität Wien beobachtet zudem ein stark zunehmendes Phänomen in der Arbeitswelt. „Der Trend geht von der Input- zur Outputkontrolle.“ Soll heißen: Früher hätten die Anwesenheit und die Arbeit an sich als Maßstab gegolten, heute schaue man sich an, was Mitarbeiter:innen an Ergebnissen bringen. Bei Verkäufer:innen würde jeder Verkauf auf die einzelnen Mitarbeiter:innen gebucht, in der Gastronomie auf die Kellner:innen. Es reiche aber auch schon längst nicht mehr, im Büro an seinem Schreibtisch zu sitzen.

Ob zu Hause im Homeoffice oder am Schreibtisch im Büro, über die App Microsoft Teams sei immer transparent, ob man verfügbar sei oder nicht. „Dann wird dokumentiert, wie schnell reagiert wird. Und es kann auch sein, dass dann nicht Vorgesetzte aktiv werden, sondern ein Computerprogramm Mitarbeiter:innen sagt: ‚Uns ist aufgefallen, du hast heute noch nichts verkauft.‘“
Wann macht Arbeit krank?
Immer mehr Arbeitnehmer:innen würden merken, dass die Balance zwischen ihrer geleisteten Arbeit und der Anerkennung durch den:die Arbeitgeber:in nicht mehr stimme. Johanna Klösch spricht hier von einer „Gratifikationskrise“ und verweist auf das Effort-Reward-Imbalance-Modell. Sie ist Arbeitspsychologin und Referentin in der Abteilung Sicherheit, Gesundheit und Arbeit in der Arbeiterkammer Wien (AK). Demnach erwarten Arbeitnehmer:innen für ihre Arbeit Gegenleistungen wie Wertschätzung, ein gutes Gehalt, gute Arbeitsbedingungen oder Aufstiegsmöglichkeiten. Wenn es dies alles aber nicht in einem adäquaten Ausmaß gebe, könne das krank machen. Genau deshalb sei es so wichtig, dass Arbeitgeber:innen ihrer Fürsorgepflicht gegenüber den Beschäftigten nachkommen und faire Arbeitsbedingungen vorliegen.

Wie erleben Beschäftigte den Arbeitsdruck?
Arbeitsdruck im Handel
Die Arbeit im Supermarkt sei sehr belastend, erzählte Gabriele Jäckel, Handelsangestellte aus Wien, gegenüber Arbeit&Wirtschaft im Jahr 2022. Der Arbeitsdruck sei gestiegen, erklärte Jäckel, die auch als Betriebsrätin tätig ist: „In der Corona-Zeit wurde der Druck enorm. Es war immer mehr zu tun, aber es gab immer weniger Personal. Und wir mussten uns ständig von den Kund:innen beschimpfen lassen. Manchmal hatten wir die ganze Woche keinen freien Tag, weil durch Corona, aber auch andere Krankheiten viele Mitarbeiter:innen ausgefallen sind. Und ich war eine von denen, die immer Ja gesagt haben, obwohl ich eigentlich nicht mehr konnte.“
Irgendwann war der Arbeitsdruck zu viel für sie. Jäckel erlitt einen Herzinfarkt. Nach ihrer Genesung kehrte sie dennoch rasch an ihren Arbeitsplatz zurück – um kurze Zeit später in ein Burnout zu rutschen. „Wenn ich nur daran gedacht habe, in die Arbeit zu fahren, habe ich Panikattacken bekommen.“ Nun nahm sie sich Zeit zu genesen, machte eine ambulante Reha, ging in Psychotherapie. Nach sieben Monaten im Krankenstand entschied sie sich, wieder arbeiten zu gehen, allerdings nur mehr Teilzeit. „Ich wollte nicht kaputt sein, wenn ich dann in Pension gehe. Der Beruf ist anstrengend, man schleppt viel, es fehlt Personal. Corona ist zwar vorbei, aber die Leute sind immer noch ungehalten und aggressiv. Es geht um die Teuerungen.“

Aus ihrer Betriebsratsarbeit weiß sie, dass es auch anderen Kolleg:innen genauso geht wie ihr. „Eine Kollegin hat auch Probleme mit dem Herzen bekommen. Eine andere kämpft mit einem Problem mit dem Fuß. Die Jungen halten das noch aus, aber sehr viele sagen, der Stress, wenn ständig jemand ausfällt, ist schon groß.“
Arbeitsdruck im Gesundheitsbereich
Neben dem Handel ist der Gesundheitsbereich eine Branche, in der händeringend nach Mitarbeiter:innen gesucht wird. Gottfried Feiertag ist Vorsitzender des Zentralbetriebsrats der niederösterreichischen Gesundheits- und Pflegezentren. Rund 27.000 Menschen sind hier beschäftigt – von der Reinigungskraft über Haustechniker:innen bis zu Pflegepersonal und Mediziner:innen.
„Der Arbeitsdruck hat stark zugenommen“, erzählte auch er 2022 Arbeit&Wirtschaft. Zum einen hätten sich die Anforderungen an die Arbeit stark verändert, auch durch Patient:innen und Bewohner:innen beziehungsweise deren Angehörige. Gleichzeitig sei das Personalkorsett eng, und kurzfristige Ausfälle etwa durch Erkrankungen führen dazu, dass jene, die gerade im Dienst seien, die Menschen, die sie pflegen und behandeln, trotzdem bestmöglich betreuen wollen und daher oft auf Pausen verzichten. „Dazu kommt das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen und keine Freizeit mehr zu haben, in der man abschalten kann. Man muss dauernd damit rechnen, dass das Telefon läutet und ein Dienst zu übernehmen ist.“ Psychiatrische Diagnosen in der Belegschaft hätten zugenommen: „Die einen schlittern in ein Burnout, andere ziehen sich innerlich zurück.“
Was hilft gegen Arbeitsdruck im Betrieb?
„Der betriebliche Fokus muss hier immer auf der Prävention liegen, damit es gar nicht so weit kommt“, betont Klösch. Die Arbeitsgeschwindigkeit und die Verdichtung der Arbeit hätten deutlich zugenommen. „Der Mensch hat natürlich vorgegebene Leistungsgrenzen – die Arbeit ist immer dem Menschen anzupassen und nicht umgekehrt.“ Burnout und Stress würden oft den Beschäftigten als persönliches Problem umgehängt, kritisiert sie zudem. Dabei liege es aber in der Verantwortung der Arbeitgeber:innen, psychisch gesunde Arbeitsbedingungen sicherzustellen. Arbeits- und Organisationspsycholog:innen könnten dabei mit dem erforderlichen Know-how unterstützen. „Insofern ist es wichtig, diese im Arbeitnehmer:innenschutzgesetz gleichberechtigt mit den Arbeitsmediziner:innen und Sicherheitsfachkräften zu verankern und mit den gleichen Rechten und Pflichten auszustatten“, so Klösch.
Österreichs Produktivität ist seit 2019 um 3,5 Prozent gestiegen – häufig durch Arbeitsverdichtung. 🔨
Eine Befragung von 1.500 Betriebsrät:innen zeigt, Produktivitätssteigerungen sind eher durch Prozessoptimierungen und die Weiterbildung von Beschäftigten zu erzielen als durch Arbeitsdruck. 🎓📈
— A&W Blog (@aundw.bsky.social) 9. Juli 2026 um 09:22
Seit 2013 sieht das Arbeitnehmer:innenschutzgesetz vor, dass Betriebe nicht nur körperliche, sondern auch psychische Belastungen evaluieren und in der Folge verpflichtend Schutzmaßnahmen ergreifen müssen. Arbeitspsychologin Jakl nimmt seit vielen Jahren genau solche Evaluierungen vor. Doch nicht alle Arbeitgeber:innen halten sich an diese Bestimmung des Arbeitnehmer:innenschutzgesetzes, bedauert Klösch. Ablesen kann man das etwa daran, dass etwa 54 Prozent der österreichischen Betriebe angeben, über keinen Maßnahmenplan zur Vermeidung von arbeitsbedingtem Stress zu verfügen. Das zeigt eine Erhebung der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz von 2024. Ein solcher Maßnahmenplan sollte sich eigentlich aus der Arbeitsplatzevaluierung ergeben.
Individuell lässt sich das Problem von steigendem Arbeitsdruck nicht lösen, betont Arbeitsrechtler Gruber-Risak. Vielmehr hilft hier die Solidarität der Belegschaft. Der Betriebsrat, der etwa betreffend Datenerfassung zur Leistungskontrolle Betriebsvereinbarungen abschließt, kann zudem einer digitalen Überwachung so gut wie möglich einen Riegel vorschieben. „Es ist ein systemisches Problem“, sagt der Arbeitsrechtler, „deshalb ist die kollektive Lösung sehr wichtig.“
Diese Seite wurde am 29.09.2026 überarbeitet.