Neun von zehn Beschäftigten gehen krank in die Arbeit

Eine Frau hat eine Erkältung und liegt mit dem Handy in der Hand auf der Couch. Symbolbild für krank in die Arbeit.
Dass Menschen trotz Erkältung in die Arbeit gehen, ist keine Ausnahme mehr. | © Adobestock/StockPhotoPro
Eine Umfrage der Arbeiterkammer kam zu dem Ergebnis, dass 90 Prozent der Arbeitnehmer:innen krank in die Arbeit gehen. Vor allem in der Gastronomie. Hoher Druck und schlechte Arbeitsbedingungen zwingen sie dazu.
Chefs, die ihre kranken Beschäftigten drängen, zurück in die Arbeit zu kommen. Kündigungen, die im Krankenstand eintrudeln. Kollegen, die ohne Hilfe der kranken Angestellten überfordert sind. Der Druck auf Arbeitnehmer:innen im Krankenstand wächst. Entsprechend viele gehen in die Arbeit, obwohl sie nicht fit sind. 90 Prozent der Befragten einer Umfrage der Arbeiterkammer (AK) gaben, auch krank in die Arbeit zu gehen. „Damit ist der sogenannte Präsentismus für Beschäftigte die Regel, statt die Ausnahme“, fasst Ines Stilling, Bereichsleiterin Soziales der AK Wien, die Situation zusammen.

Krank in die Arbeit ist die Regel

„Arbeitnehmer:innen, die krank sind, sollen sich in Ruhe auskurieren können. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht“, erklärt Stilling. Neun von zehn Beschäftigten gingen auch krank in die Arbeit. Die Gründe hierfür seien auf den enormen Druck zurückzuführen. So ist der häufigste Grund dafür, dass die Beschäftigten die Kolleg:innen „nicht im Stich lassen“ wollen (61 Prozent). Dahinter folgt mit 43 Prozent der Grund, dass die Kolleg:innen sonst die Arbeit nicht schaffen. „Arbeitnehmer:innen übernehmen damit ein hohes Maß an Verantwortung, um den Betrieb nicht zu gefährden – eine Verantwortung, die eigentlich bei den Unternehmen liegt“, mahnt Stilling.

Portrait von Ines Stilling, Bereichsleiterin Soziales der AK Wien. Sie gab eine Pressekonferenz zum Thema krank in die Arbeit.
Der hohe Arbeitsdruck treibe die Beschäftigten auch krank in die Arbeit, erklärt Ines Stilling von der Arbeiterkammer.

Und bei der Problematik geht es nicht alleine um die kranke Person. „Wer krank arbeiten geht, schadet nicht nur sich selbst, sondern steckt auch Kolleg:innen und Kund:innen an“, führt Stilling weiter aus. Das gilt vor allem in der Gastronomie und im Handel. Dort gibt es besonders viel Kontakt mit Kund:innen. Es herrscht aber auch ein besonders hoher Arbeitsdruck. Deswegen gehen in diesen Branchen ­– mit 96 Prozent – überdurchschnittlich besonders viele Beschäftigte krank in die Arbeit.

Druck von oben zwingt Menschen, krank in die Arbeit zu gehen

Es ist vor allem der Druck von den Führungskräften, die kranke Beschäftige in die Arbeit treibt. So hat jeder fünfte Beschäftigte im Hotel- und Gastgewerbe schon einmal die Androhung einer Kündigung erhalten. Jeder siebte (entspricht 14 Prozent) in dieser Branche wurde während eines Krankenstandes sogar schon einmal entlassen. Kein Wunder, dass zwei Drittel der Angestellten in diesem Sektor sagen, dass sie bei Erkältungssymptomen auch ohne negativen Coronatest in die Arbeit gehen. Im Handel sind es mit 64 Prozent fast genauso viele.

Beinahe die Hälfte der Befragten (49 Prozent) gaben an, dass die Führungskräfte sie im Krankenstand kontaktieren würden. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Rund 37 Prozent erkundigen sich nach der Länge des Krankenstandes. 24 Prozent haben Fragen zur Arbeit.  Bei etwa 17 Prozent fragen die Vorgesetzten nach dem Grund für den Krankenstand. Aber auch die Aufforderung, trotzdem ins Büro zu kommen (fünf Prozent) oder krank von zu Hause aus zu arbeiten (fünf Prozent) sind nicht selten.

Beschäftigte im Krankenstand besser schützen

Arbeitsrechtliche Fragen zum Krankenstand seien ein „Dauerbrenner“ bei der Rechtsberatung der AK, gibt Ludwig Dvořák einen Einblick in die Praxis. Er ist Bereichsleiter Arbeitsrechtliche Beratung und Rechtsschutz der AK Wien. „Auffallend ist, dass Branchen, die über Arbeitskräftemangel klagen, Arbeitsbedingungen haben, die kranke Mitarbeiter:innen in die Arbeit treiben.“

Gemeinsam mit der Umfrage präsentieren Stilling und Dvořák auch drei Forderungen, deren Umsetzung die Situation kranker Beschäftigter deutlich verbessern würde. So müsse es erstens einen Kündigungsschutz im Krankenstand geben. Zweitens brauche es eine gesetzliche Regelung, nach der Zeitausgleich während eines Krankenstandes nicht konsumiert werden kann. Bei Krankheit im Urlaub werde schließlich auch schon so verfahren. Und drittens dürfe Homeoffice vom Unternehmen nicht dafür missbraucht werden, die Beschäftigten anzuweisen, von daheim aus krank zu arbeiten.

Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Domke Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.

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