KV-Verhandlungen: „Nicht immer reichen gute Argumente aus“

Ein Mann schweißt in einer Werkstatt.
Bei Kollektivvertragsverhandlungen prallen unterschiedliche Interessen aufeinander, und am Ende geht es um ein Gesamtpaket, das weit mehr umfasst als die Lohnerhöhung. | © Adobe Stock/Gorodenkoff
Wie gelingen schwierige Kollektivvertragsverhandlungen? Reinhold Binder, Chefverhandler der Metaller auf Arbeitnehmer:innenseite, gibt Einblick.
Kollektivverträge regeln in Österreich weit mehr als Löhne und Gehälter. Sie legen Mindeststandards für ganze Branchen fest – von Arbeitszeiten und Überstunden über Zulagen bis zu Urlaubsregelungen. Doch wie wird ein Kollektivvertrag eigentlich verhandelt?

Reinhold Binder kennt den Prozess aus nächster Nähe. Als Vorsitzender der Produktionsgewerkschaft PRO-GE und Chefverhandler der Metaller:innen eröffnet er üblicherweise die Herbstlohnrunde. In diesem Jahr sind andere Branchen am Zug: Für die Metallindustrie wurde im Vorjahr ein Abschluss für zwei Jahre vereinbart. Im Gespräch erklärt Binder, was erfolgreiche KV-Verhandlungen ausmacht, wo die größten Konflikte liegen und was er anderen für schwierige Verhandlungsrunden rät.

Reinhold Binder
ist Bundesvorsitzender der Produktionsgewerkschaft PRO-GE und seit 2023 Chefverhandler der Arbeitnehmer:innenseite für den Metaller-KV, das Metallgewerbe und die Elektro- und Elektronikindustrie.

Wie laufen Kollektivvertragsverhandlungen ab?

Reinhold Binder: Kollektivverträge werden in der Regel zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden für eine Branche verhandelt. Die gewerkschaftlichen Verhandlungsteams sind dabei unterschiedlich groß, aber Betriebsrät:innen und Jugendvertrauensrät:innen sind immer Teil davon. Sie sind der direkte Draht zu den Betrieben und den Belegschaften und bereits bei den Vorbereitungen und der Erstellung des Forderungsprogramms eingebunden.

Das ist einerseits wichtig, um ein umfassendes Bild zu bekommen, wie es der Branche wirtschaftlich geht, wie das vergangene Jahr gelaufen ist und wie sich zum Beispiel die Auftragslage entwickelt. Zum anderen entscheidet das Verhandlungsteam nach jeder Runde gemeinsam über die nächsten Schritte oder stimmt über einen Abschluss ab. Diese solidarische Art und Weise, Lohnverhandlungen zu führen, verbessert natürlich die Position der Arbeitnehmer:innen bei den KV-Runden und sorgt so für mehr Augenhöhe bei den Gesprächen.

Gibt es eine Strategie, mit der sich Hindernisse aus dem Weg räumen lassen?

Eine generelle Strategie für alle Branchen gibt es nicht, sie sind ja sehr unterschiedlich: Handelt es sich etwa mehrheitlich um Großbetriebe oder wird für Kleinbetriebe verhandelt? Wird für den Export produziert oder geht es um Dienstleistungen im Inland? Auch der gewerkschaftliche Organisationsgrad und die Verhandlungskultur der jeweiligen Kollektivvertragspartner spielen eine Rolle. Man darf nicht vergessen, dass bei Lohn- und Gehaltsverhandlungen sehr unterschiedliche Positionen aufeinanderprallen. Wir wollen viel für die Arbeitnehmer:innen herausholen und die Unternehmer:innen wollen so wenig wie möglich hergeben.

Reinhold Binder ist seit vielen Jahren bei den Verhandlungen rund um Kollektivverträge und teilt seine Erfahrungen. | © Markus Zahradnik

Was passiert, wenn Verhandlungen festgefahren sind?

Zwar gelingt es meistens, sich in intensiven Verhandlungen so weit anzunähern, dass ein Abschluss möglich wird. Aber nicht immer reichen dafür nur gute Argumente aus. Das ist dann der Zeitpunkt, direkt die Kolleg:innen in den Betrieben zu informieren und über die weiteren Schritte zu beraten. Stoßen die Forderungen und Anliegen der Beschäftigten weiter auf taube Ohren, dann kann aus solidarischen Lohnverhandlungen auch ein solidarischer Lohnkampf werden.

Worum wird bei KV-Verhandlungen gerungen, neben Löhnen und Gehältern?

Es geht bei einem Kollektivvertragsabschluss um ein Gesamtpaket. Die Knackpunkte sind am Ende zwar immer die Lohn- und Gehaltserhöhungen, aber Kollektivverträge bestimmen einen großen Teil des Arbeitsalltags. In Verhandlungen geht es daher auch um Zulagen und Überstundenregelungen, um die Erhöhung der Lehrlingseinkommen oder etwa Verbesserungen bei den Arbeitszeiten. Das wird zwar oft wenig beachtet, aber die Weiterentwicklung des sogenannten Rahmenrechts ist immer auf den jeweiligen Forderungsprogrammen zu finden.

Die Durchsetzung dieser Forderungen ist übrigens genauso hart wie beim Geld. Vor allem beim Thema Arbeitszeit ist der Widerstand auf Arbeitgeberseite spürbar stark. Trotzdem gelingt es uns, in den verschiedenen Branchen zum Beispiel Arbeitszeitverkürzungen umzusetzen, die leichtere Erreichbarkeit der sechsten Urlaubswoche zu verhandeln oder zum Beispiel die Pflegefreistellung für Eltern von Kindern mit Behinderung auszudehnen.

Warum ist es wichtig, dass Kollektivverträge zwischen Branchen unterscheiden?

Die verschiedenen Kollektivverträge sorgen für gleiche Mindeststandards für alle Beschäftigten einer Branche. Das schützt etwa vor Lohndumping und verhindert, dass Unternehmen durch schlechtere Arbeitsbedingungen konkurrieren. Hinzu kommt, dass jede Branche eigene Anforderungen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen hat. So unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen in der Industrie stark vom Tourismus oder vom Gesundheitsbereich.

💸 Das Leben ist deutlich teurer geworden. Und ausgerechnet die Beschäftigten sollen bei den Löhnen zurückstecken?

Für Roman Hebenstreit, Vorsitzenden der Gewerkschaft vida, ist das keine Option: https://bit.ly/4AYPMp8

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— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 10. Oktober 2026 um 10:00

Wie verhandelt man, wenn eine Branche wirtschaftlich stark unter Druck steht?

In den letzten Jahren hat die Mehrheit der Betriebe in der Metallindustrie mit enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten gekämpft. Die Folge waren massive Produktions- und Auftragsrückgänge. Wir haben dadurch mehr als 20.000 Arbeitsplätze verloren. Erfolgreiche Kollektivvertragsverhandlungen haben für diese Branche daher bedeutet, einen Krisenabschluss auf Zeit zu schaffen, der Nulllohnrunden verhindert und Beschäftigung sichert. Dies ist uns gelungen.

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