Palaver arbeitet an der Rezeption eines Campingplatzes im Zillertal, engagiert sich aber auch als Gewerkschafter und kommt in dieser Funktion in ganz Tirol herum. 350 Stellplätze hat der Campingplatz, zudem gibt es Apartments und Suiten. Am meisten ist im Sommer und im Winter los, aber es gibt auch Betriebsferien, wenn gerade keine Saison ist. Die Kernbelegschaft – etwa die Hälfte des Personals – ist ganzjährig angestellt, beim Reinigungspersonal gibt es auch viele der für die Branche so typischen Saisonarbeitskräfte.
Diverse Branche
Sofern man überhaupt etwas in dieser Branche als „typisch“ bezeichnen kann, denn je mehr man sich mit dem Tourismus beschäftigt, desto verschwommener wird das Bild: Tourist:innen, das sind Städtereisende, die zum Eurovision Song Contest nach Wien fahren, genauso wie Radfahrer:innen, die durch das Burgenland strampeln, die Reisegruppe aus Korea oder China, die in Bataillonsstärke in Hallstatt im Salzkammergut einfällt, oder Ausflügler:innen, die einen Tagestrip in die Südsteiermark unternehmen.

Und Tourismuswirtschaft, das sind die Stadthotels, die das ganze Jahr voll sind, aber auch die Skigebiete in irgendeiner Talenge, in der nichts los ist, sobald der Schnee schmilzt.
Ebenso vielfältig sind am Ende die Kollektivvertragsverhandlungen im „Tourismus“, denn diese betreffen mehr als 200.000 Beschäftigte in Hotellerie und Gastronomie, und zu diesen zählen Hüttenwirt:innen am Berg genauso wie Kellner:innen in Innenstadtcafés, deren Stammgäst:innen alles Mögliche sind, aber eher keine „Tourist:innen“. Wer dagegen am Skilift als Saisonkraft arbeitet, gehört rein formal nicht in diese Branche, sondern als Beschäftigte:r der Seilbahnen zu den Kolleg:innen vom „Eisenbahnwesen“.
Harte Arbeitsbedingungen
Was sich generell festhalten lässt, ist, dass die Arbeitsbedingungen im Tourismus in der Regel hart sind. Viele Betriebe befinden sich in Regionen, die nicht sehr dicht besiedelt sind – man muss oft zum Arbeitsplatz umziehen.
Vieles ist Saisonarbeit, also eine Beschäftigung, auf der man selten ein ganzes Leben aufbauen will. Wer als Rezeptionist:in anheuert, sieht sich schnell als „Mädchen für alles“, oft ist besonders in der Früh- und Spätschicht am meisten los. Mit der „Freizeit“ dazwischen kann man nicht viel anfangen. Wochenendarbeit ist branchenimmanent. Zwölf freie Sonntage im Kalenderjahr sind laut KV Pflicht. In der Realität kann man sich auf die nicht immer verlassen. Dass Dienstpläne langfristig festgelegt werden sollten, ist vielerorts totes Recht, das nur auf dem Papier besteht. Je kleiner das Unternehmen, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Betriebsrat gibt. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Tourismus haben Migrationshintergrund, die Einkommen zählen zu den niedrigsten überhaupt.
Nicht zuletzt begegnet sich die arbeitende Bevölkerung im Tourismus in verschiedenen Rollen: Die einen arbeiten in der Branche, die anderen suchen Erholung vom Arbeitsleben. Was für die „Kund:innen“ Erholung ist, ist aber für diejenigen, die ihnen eine schöne Zeit bereiten, oft mit Ausbeutung und Prekariat verbunden.

Keine Einzelfälle
Dabei sind das Reisen und die Freizeit ja genau das, was das Leben schön macht. Aber manchmal liegen das Hässliche und das Schöne nah beieinander. „Ich war schockiert“, sagt Gewerkschafter Palaver über den Fall, der vor einiger Zeit für Schlagzeilen sorgte: Vorgesetzte des Interalpenhotels in Telfs haben Berichten des Investigativmagazins „Dossier“ zufolge Lehrlinge sexistisch und rassistisch beleidigt und körperlich attackiert. Am Ende wurde der Küchenchef entlassen. Gerade eben flogen bei einem Hotel in Landeck illegale Beschäftigung und mutmaßlicher Menschenhandel auf. Erstaunlich oft gibt es „Einzelfälle“, die die Branche nicht nur in ein düsteres Licht rücken, sondern eine Spirale in Gang setzen: Je schlechter der Ruf, desto schwerer ist es, neue Mitarbeiter:innen zu finden – und umso mehr Stress haben die Beschäftigten.
Dabei ist der Tourismus auch die Visitenkarte der Nation. Im Juli 2023 etwa gab die Popsängerin P!nk, die US-amerikanische Songwriterin mit 50 Millionen verkauften Alben, in Wien ein Konzert. Die Mountainbikes ihrer Familie wurden gestohlen, aber ein niederösterreichisches Start-up bot spontan Hilfe an. So konnte sie mit Mann und Kindern doch noch einen herrlichen Österreich-Urlaub machen: „Wachau Valley Vine Region“, postete sie auf ihrem Instagram-Account und kam ins Schwärmen: „Danube River beauty“, „incredible Day“. Den Tag ließ sie mit „Riesling“ ausklingen. 470.000 Likes gab es dafür. Das ist Tourismus-Werbung, die unbezahlbar ist. Niederösterreich verkündete gerade, das Bundesland wolle „Radeldorado“ werden.
Tourismus als Erlebnis
Tourismus, das ist ein Wirtschaftszweig, aber auch mehr als das: Unternehmen wir eine Reise, steigen wir aus dem Alltag aus. Im besten Fall erweitern wir sogar unseren Horizont. Bei Freizeiterlebnissen laden wir unseren Akku auf, wie man das gerne ausdrückt. All das, der Erlebnischarakter, der kleine Luxus, das lässt sich in ökonomische Begriffe fassen, geht aber auch über das bloß Ökonomische hinaus. Die Geschichte des Urlaubs ist laut Historiker:innen wie Selina Todd oder Eric J. Hobsbawm eine Geschichte des Aufstiegs der arbeitenden Klassen: Kaum hatten Gewerkschaften bessere Löhne und gesetzliche Freizeit durchgesetzt, begannen die Arbeiter:innen, in die Ferien zu fahren. Die Sozialgeschichte des Urlaubs ist auch eine Geschichte vom Aufstieg des einstigen „Proletariats“ in die Mittelklasse. Der „Urlaub“, das ist auch der Ausbruch aus der rein materiellen Existenz.
Andererseits ist der Tourismus eine Branche, die zentral ist für die österreichische Wirtschaft. Laut Studien der Arbeiterkammer arbeiten dort aber auch besonders viele Beschäftigte im Niedriglohnsegment. So zeigten Untersuchungen der AK Wien, dass im Jahr 2024 „bei rund sieben Prozent der unselbstständig Beschäftigten (rund 240.200 Personen) der Bruttostundenlohn unter dem Niveau von 13,46 Euro pro Stunde und bei rund 14 Prozent (rund 452.900 Personen) unter dem Niveau von 15,14 Euro pro Stunde lag“. 2.250 Euro brutto für Vollzeit oder noch weniger seien dabei im Tourismus „besonders häufig“. Umstritten ist sogar der Beitrag des Tourismus zur Wirtschaftsleistung. Mal ist von rund 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu lesen, mal von 5,6 Prozent, mal von 7,3 Prozent. Sind all diese Berechnungen also reiner Voodoo?

Eine Frage der Definition
Oliver Fritz ist vielleicht der beste Kenner der makroökonomischen Bedeutung des Tourismus für Österreich, und er kommt, stellt man ihm diese Frage, gleich ins Sprudeln: „Die Zahlen werden sehr gerne falsch interpretiert“, sagt der Forscher des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO.
Rechnet man alles zusammen, also die Einnahmen aus Gastgewerbe, Bewirtung, Hotellerie, Unterbringung sowie der gesamten Freizeitwirtschaft in Österreich und addiert dazu noch die Vorleistungen (etwa der Bäckereien, die an die Hotels ihre Semmeln liefern), dann kommt man auf einen Anteil von 14 Prozent der Gesamtwertschöpfung oder mehr. Zu bedenken ist aber: Der Zillertaler Schüler, der einen Tag Ski fahren geht, ist genauso wenig ein Tourist, wie der Wiener Professor, der in seinem Stammcafé das Mittagsmenü einnimmt und die Tageszeitung liest.
„Wo ich fremd bin, bin ich Tourist, und das bin ich auch in Krems“, lacht Fritz. „Wir können etwa rechnen, dass fast 100 Prozent der Hotelgäst:innen anderswoher kommen. In der Gastronomie sind es eher rund 50 Prozent.“ Ist angesichts von steigenden Preisen und Reallohnverlusten der Urlaub der neue Luxus? „Nein“, sagt Oliver Fritz, „der Urlaub war früher Luxus, heute investiert ein Großteil der Bevölkerung das Geld, das übrig bleibt, in den Urlaub.“ Aber: „In den letzten Jahren sind die Menschen sparsamer geworden.“ Deswegen ist der Tourismus auch nicht mehr die Konjunkturlokomotive, die er einmal war.
Wir können etwa rechnen, dass fast 100 Prozent der Hotelgäst:innen anderswoher kommen. In der Gastronomie sind es eher rund 50 Prozent.
Oliver Fritz, Forscher WIFO
Krisen treffen den Tourismus
Die aktuellen Weltkrisen sind ein zusätzliches Unsicherheitspotenzial für den Tourismus. Was, wenn die Fernreisenden ausbleiben, weil das Kerosin knapp und Flugreisen teurer werden? „Dann wird das womöglich durch Gäst:innen aus Deutschland ausgeglichen, die Reisen nach Tunesien oder Bali bleiben lassen und dafür nach Österreich kommen.“ Tourismus hat für das gesamtösterreichische BIP eine große Bedeutung, aber die größte Bedeutung hat er für die Regionen. Fritz: „Er findet sehr oft dort statt, wo es wenig Industrie gibt. Ohne ihn wäre die regionale Ungleichheit größer. Manche Gegenden wären regelrecht entvölkert.“ Und besonders die entlegenen Gebiete werden gerade wieder zum Sehnsuchtsort.
Neue Vorlieben
Reisen ist aber auch Arbeit, das fängt schon bei der Dienstreise an. Und für manche ist Reisen auch ein Beruf, etwa für Martin Amanshauser, Reiseautor und -journalist. Gerade hat er sein neues Buch herausgebracht: „Halbwegs vollständiges Reisehandbuch“ heißt es selbstironisch. „Das Reisen verändert sich, und die Corona-Pandemie war ein Schub“, sagt er. „Die Tourismusindustrie versorgt uns ja mit organisierter Gleichförmigkeit, indem sie vielen Tausenden Menschen dieselben Erlebnisse anbietet, zugleich verkauft sie das als ‚Einzigartigkeit‘.“
Immer mehr Menschen setzen heute auch auf Nachhaltigkeit, und es boomt das, was Amanshauser den „Einsamkeitstourismus“ nennt – etwa wenn Paare sich ein Chalet mieten oder ein Baumhaus. Ein anderer langfristiger Effekt von Corona: der Boom der Wohnmobile; und immer mehr Menschen fahren in den Norden statt in den Süden. Amanshauser führt buchstäblich ein Leben „an der Grenze“, und in seinem Buch hat er lustige Geschichten über schnarchende Busreisende oder nervige Businessreisende zu erzählen und gibt wertvolle Tipps: „Soll man eigentlich früh buchen wie in den Nullern oder möglichst spät wie in den Neunzigern?“
Amanshauser hat noch etwas anderes herausgefunden: Die Reise ist seit jeher eher als Mühsal angesehen worden, erst in neuerer Zeit als Erholung. Das Wort „reisen“ ist etymologisch mit „Aufbruch“ bzw. „Erhebung“ verbunden und verweist auf „Kriegszüge“. Das englische „travel“ stammt vom französischen „travailler“, also „arbeiten“. Das althochdeutsche „urloub“ wiederum meinte nichts anderes als die Erlaubnis, sich temporär von seinem Arbeitsplatz entfernen zu dürfen, etwa wenn ein:e nahe:r Angehörige:r verstorben ist. Es war bis vor wenigen Jahrhunderten selbst für Könige mühselig, sich von ihrem Heimatort zu entfernen. Einfache Leute gingen höchstens zu Fuß auf die Walz – oder sie wanderten aus, um anderswo bessere Arbeitsstellen zu finden.

Arbeitsbedingungen verbessern
Womit sich auf bizarre Weise der Kreis zur Gegenwart schließt. „Die Tourismusbetriebe beklagen einen Facharbeiter:innenbedarf, aber im Grunde brauchen sie zumeist keine Fachkräfte, sondern einfach billige Arbeitskräfte. Und deshalb favorisieren sie Arbeitnehmer:innen aus dem Ausland“, sagt Silvia Hofbauer, Arbeitsmarktexpertin bei der Arbeiterkammer. Und längst reicht der Zuzug aus den EU-Mitgliedsländern nicht mehr aus. Deshalb soll der Markt für Saisoniers immer mehr geöffnet werden. „Dabei ist der Arbeitskräftemangel auch hausgemacht.“
Manche Dinge sind branchenimmanent, sagt Hofbauer, etwa das hohe Maß an Wochenendarbeit oder die Abhängigkeit von der Saisonarbeit. Wer eine:n Partner:in oder Familie hat, für den:die ist es nicht attraktiv, in Tourismusregionen zu arbeiten und die ganze Saison nicht nach Hause zu kommen. Verlässliche Dienstpläne und Freizeit sowie bessere Bezahlung würden helfen – eine gute Unterkunft auch.
Zusammenspiel zwischen Arbeitgeber:in und Arbeitnehmer:in
„Uns wird von Unternehmer:innen berichtet, die offen sagen: ‚Die Österreicher:innen kann ich nicht nehmen, die gehen nicht zu dritt ins Gemeinschaftszimmer‘“, erzählt Hofbauer. Arbeitslose ohne direkte Betreuungspflichten müssen auch eine Stelle annehmen, bei der eine Unterkunft im 5-Bett-Zimmer zur Verfügung gestellt wird. Wer die Übersiedlung ablehnt, wird vom AMS vom Geldbezug für sechs Wochen gesperrt. Aber, so Hofbauer: „Das Berufsleben funktioniert doch nur, wenn es für beide Seiten einigermaßen zufriedenstellend ist.“ Die Unternehmen müssten sich mehr anstrengen. Es könnten auch mehr Stellen in Ganzjahresposten umgewandelt werden, „indem man die Beschäftigten in der Zwischensaison in Fortbildungen schickt, gerade im Tourismus sind Sprachen beispielsweise wichtig“.
Ufff – was für eine hohe Handyrechnung nach Thailand-Urlaub!! 🫨
Wer im Urlaub aus Thailand, UK oder der Türkei Fotos schicken, Videos ansehen oder mit daheim videotelefonieren will, sollte sich vor der Abreise genau anschauen, welches Datenpaket er nutzt. Warum? Mehr Infos 🔽— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 22. Juni 2026 um 11:45
Das sieht auch der Gewerkschafter Robert Palaver am Tiroler Campingplatz so. „Dass man bei den KV-Verhandlungen bisher nicht einmal einen Inflationsausgleich anbietet, das geht nicht. Zumindest der Ausgleich der Inflation muss möglich sein“, sagt er. Wenn man nur eine Spur über KV bezahlen würde, wenn man sich auf die zwölf arbeitsfreien Sonntage im Jahr verlassen könnte, dann fände man auch leichter dauerhaft Personal, ist sich Palaver sicher. Er und seine Kolleg:innen bekommen seit knapp zwei Jahren einen „Wochenendbonus“. Und solche Benefits braucht es dringend. Gerade die junge Generation findet die Branche nicht mehr sonderlich attraktiv. „Unser Chef hat vor allem nach Corona zeitweise nicht mehr gewusst, wo er die Leute herbekommen soll.“