„Ich würde mir wünschen, die Regierung würde einen Tag mit uns verbringen“
Andrea*, Senior:innenbetreuerin und Demenzbegleiterin, 40 Jahre alt
„Ich bin Pflegeassistentin und habe eine zusätzliche Ausbildung, um mit Menschen mit Demenz arbeiten zu können. Als Kind bin ich bei meiner Oma in Serbien aufgewachsen, meine Eltern waren ,Gastarbeiter:innen’ in Österreich. Schon von klein auf hatte ich diese besondere Beziehung zu älteren Menschen. Ich habe mich auch um meine Großeltern gekümmert, als diese älter wurden. Mit 17 bin ich dann nach Wien gekommen. Um besser Deutsch zu lernen, habe ich angefangen ehrenamtlich in der Caritas Socialis zu arbeiten. Aus dem Ehrenamt wurde dann die Möglichkeit einer Ausbildung zur Pflegeassistentin. Diese Richtung war immer meine Berufung. Gleichzeitig ist der Job sehr fordernd, denn gerade im Demenzbereich haben viele Patient:innen psychiatrische Vorgeschichten.
Damit die Arbeit gut funktioniert, bauen wir enge Beziehungen zu den Bewohner:innen auf. Dafür braucht es Zeit. Es ist wunderschön, dass sie uns so viel von ihrem Leben anvertrauen. Manchmal fehlen uns aber die Mitarbeiter:innen. Dann müssen wir Prioritäten setzen und entscheiden, was wir machen und was nicht, damit wir uns um alle kümmern können. Wenn jemand von den Mitarbeiter:innen krank wird oder auf Urlaub ist, dann schaffen wir es nicht, alle To-dos zu bewältigen. Dann bekommt nicht jede:r Patient:in und Klient:in die Aufmerksamkeit, die er oder sie braucht.
Einen Tag in der Pflege
Ich würde mir wünschen, dass die Politiker:innen in der Regierung, die über Budgets entscheiden, einen Tag mit uns verbringen würden, und sich anschauen, was es heißt, auf Minimalbesetzung zu arbeiten. Es geht in unserem Beruf nicht nur um das Abarbeiten von Aufgaben. Wir wollen da sein können, wenn es zählt – etwa einem Sterbenden die Hand halten, wenn er seine letzten Atemzüge macht, und keine Angehörigen da sein können. So eine qualitative Arbeit mit Menschen kostet aber Zeit.
Natürlich gibt es auch Momente, die unglaublich anstrengend sind. Ich frage mich aber nie, ob ich etwas anderes machen sollte. Die Dankbarkeit der Bewohner:innen ist so groß, sogar die Nonverbale! Wenn ihre Augen zu lächeln beginnen, wenn wir in den Raum kommen, dann ist das etwas Besonderes.
Es ist schwer zu beschreiben, wie sich der Job anfühlt. Es ist eine Mischung aus Freude, Liebe, Dankbarkeit, Nähe, Traurigkeit, Erschöpfung und Hoffnung, die immer präsent ist – auch an schlechten Tagen. Und gerade in der Arbeit mit alten Menschen, muss man damit umgehen können, dass es immer wieder Todesfälle gibt. Und wenn man jemanden länger betreut hat, tut das auch weh. Dann traurig zu sein, ist normal und menschlich. Wir Kolleg:innen halten uns in solchen Momenten gegenseitig an der Hand und nehmen Abschied. Da dürfen auch Tränen fließen.”
„Ich werde mich nicht rausdrängen lassen, ohne für bessere Bedingungen zu kämpfen“
Ajoki, 34, Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin
„Meine Familie ist seit Generationen im Ärzt:innenberuf tätig und das hätte auch mein Weg sein sollen. Ich habe deshalb ein Pflegepraktikum gemacht, das für das Medizinstudium nötig gewesen wäre, bin dann aber in der Pflege hängen geblieben. Ich habe mittlerweile viele Weiterbildungen gemacht und bin hochqualifiziert. Aber mein Beruf wird oft völlig falsch verstanden. Man geht davon aus, dass wir nur verbinden, waschen und beim Essen unterstützen, aber die wirkliche Pflegekunst und das Handwerk sind die magischen Momente mit den Menschen. Was wir alles für Menschen tun, wird häufig nicht gesehen.
Es gibt Patient:innen, die sind übergriffig und misstrauen allen, weil sie beispielsweise Demenz haben. Und dann kann es sein, dass man bei einem alten Mann sitzt, sich Zeit für ihn nimmt, und plötzlich erzählt er von seiner Kindheit. Als etwas in Wien 1945 die Rote Armee einmarschierte und er versuchte, seine Mutter zu beschützen. Ich durfte seine Tränen trocknen. Dafür bleibt immer weniger Zeit aufgrund von Sparmaßnahmen im Pflegebereich. Ich verstehe nicht, wieso es keine größeren Reaktionen der Gesellschaft darauf gibt, und warum hier niemand etwas tut. Ja, vielleicht kostet Sterben und Krank-Sein Geld, wenn die Menschen dabei gut betreut werden. Aber ist es uns das nicht wert? Dass die Angehörigen danach gut weiterleben können, weil sie wissen, dass die geliebte Person gut umsorgt wurde? Wenn wir uns Zeit nehmen können, erspart das Menschen Leid, vermeidbare Todesfälle und Krankentransporte. Dafür braucht es genug und gut ausgebildetes Personal. Ist das wirklich ein Punkt, wo wir als Gesellschaft sparen wollen? Wenn die Budgets für die Einrichtungen kleiner werden, müssen wir würdezentriertes Arbeiten kürzen.
Ich überlege wegen der Belastung jeden Tag einen anderen Beruf zu machen. Aber ich möchte mich nicht rausdrängen lassen, ohne für bessere Bedingungen zu kämpfen, weil ich diese Arbeit liebe. Der Pflegeberuf ist oft in der Gesellschaft unsichtbar – auch weil darin vor allem Frauen arbeiten. Aber ir Pflegepersonen müssen uns sichtbar machen – das nimmt uns niemand ab.“

„Wenn weiter Personal reduziert wird, geht es nur mehr ums warm, satt und sauber halten – und so könnte ich nicht arbeiten“
Marion, 56 Jahre alt, Pflegeassistentin Geriatrie und Hospiz
„Eigentlich wollte ich immer Krankenpflegerin werden, aber ich bin bei meiner Oma aufgewachsen und die hatte Mindestpension, und wir konnten uns die Ausbildung nicht leisten. Also habe ich eine Friseur:innenlehre gemacht, habe meinen – mittlerweile verstorbenen – Mann kennen gelernt, und wir haben unseren Sohn bekommen. Er ist hörbehindert zur Welt gekommen, und so kam ich mit der Pflege mehr in Kontakt. Ich habe dann die Ausbildung zur Pflegeassistentin gemacht und arbeite jetzt in der Geriatrie und im Hospiz. In diesem Beruf möchte ich auch in Pension gehen.
Ich bin nicht jeden Tag im Hospiz – einer spezialisierten Einrichtung zur Begleitung und Pflege von unheilbar kranken Menschen, deren Lebensende absehbar ist – und darüber bin ich auch froh, weil es einen unheimlich ausbrennt. Die Bewohner:innen sind jünger, es ist emotional viel belastender und man arbeitet ganz anders. Hier steht nicht Körperpflege im Vordergrund, sondern sozusagen die „letzte Reise”. Wir besprechen ihren Abschied aus der Welt auch mit den Menschen, fragen, welche Musik sie hören wollen, was sie anziehen möchten, was am Nachtkästchen neben dem Sterbebett stehen soll. Wir hatten mal einen Herrn, der wollte auf der Terrasse sterben, und wir haben das möglich gemacht. Er saß dann dort mit einem Glas Wein und einer Zigarette. Es ist ein unglaubliches Privileg, jemandem in seinen letzten Momenten die Hand halten zu dürfen. Wenn jemand verstirbt, ist es mein Ritual, diese Person dann noch zu waschen.
Unsere Arbeit wird aber komplizierter: Wir müssen immer mehr dokumentieren, immer mehr Papierarbeit machen. Das ist wichtig, aber ich verschiebe das oft auf den Abend und mache Überstunden, um in meiner Arbeitszeit ganz für die Patient:innen da sein zu können. Mir ist der Mensch wichtiger als der Computer. Der Personalmangel ist jetzt schon ein Problem. Wird das Personal weiter reduziert, dann geht es nur mehr ums warm, satt und sauber halten, der Mensch kommt da zu kurz. Und so könnte ich nicht arbeiten.“

„Der Job bedeutet auch, sich um die Seele zu kümmern“
Lesly und Yeison, Ehepaar und Pflegepersonen aus Kolumbien, seit zwei Jahren in Österreich
„Wir haben uns während der Ausbildung in Kolumbien kennen gelernt, sind beide diplomierte Krankenpfleger:innen und haben eine kleine Tochter. Wir haben vor etlichen Jahren erfahren, dass es die Möglichkeit gibt, nach Österreich zu kommen. Als ein Job fixiert war, haben wir einen Deutschkurs begonnen und ein Jahr lang in Kolumbien bis zu fünf Stunden täglich Deutsch gelernt, neben unserer Arbeit in der Pflege. Weil die Bedingungen dort schwierig sind, sind wir nach Österreich gekommen.
In Kolumbien arbeiten wir anders als hier: Dort sind wir diplomierte Krankenpfleger:innen und damit höher ausgebildet. Wir übernehmen etwa mehr Aufgaben, machen alles außer Medikamente zu geben und verbringen weniger Zeit mit administrativen Sachen. Hier arbeiten wir auch als diplomierte Krankenpfleger:innen. Am Anfang war es nicht leicht, die Kultur und auch das Gesundheitssystem in Österreich zu verstehen. Insgesamt mögen wir es hier aber sehr und möchten gerne auch langfristig bleiben. Wir wurden von Anfang an toll aufgenommen, und unsere Kolleg:innen sind wie eine Familie für uns. Trotzdem fragen uns ältere Patient:innen immer wieder, wieso wir hier in Österreich sind. Man spürt dann ihren Rassismus. Unsere Kolleg:innen unterstützen uns dann immer. Und wir erzählen den Patient:innen gerne von unserer Heimat, zeigen Fotos und kümmern uns um sie. Daraus entstehen schöne Gespräche.
Pflegearbeit ist extrem herausfordernd – doch vor Jahrhunderten waren die Bedingungen noch weitaus schlimmer. Vieles hat sich dank gewerkschaftlicher Kämpfe verbessert. Ein Blick in die Geschichte zeigt, warum der Einsatz für faire Arbeitsbedingungen bis heute so wichtig ist:
Was uns von den österreichischen Kolleg:innen unterscheidet, ist, dass wir viel körpernaher pflegen. So haben wir das in Kolumbien gelernt. Wir arbeiten etwa mit respektvollen Umarmungen und Berührungen. Das hilft uns über die Sprachbarrieren hinweg. Nur jemanden zu waschen und ihm Essen zu geben, ist nicht, was den Beruf ausmacht. Es geht darum, sich wirklich zu kümmern – auch um die Seele.“
* Name von der Redaktion geändert