„Ich werde mich nicht rausdrängen lassen, ohne für bessere Bedingungen zu kämpfen“
Ajoki, 34, Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin
„Meine Familie ist seit Generationen im Ärzt:innenberuf tätig und das hätte auch mein Weg sein sollen. Ich habe deshalb ein Pflegepraktikum gemacht, das für das Medizinstudium nötig gewesen wäre, bin dann aber in der Pflege hängen geblieben. Ich habe mittlerweile viele Weiterbildungen gemacht und bin hochqualifiziert. Aber mein Beruf wird oft völlig falsch verstanden. Man geht davon aus, dass wir nur verbinden, waschen und beim Essen unterstützen, aber die wirkliche Pflegekunst und das Handwerk sind die magischen Momente mit den Menschen. Was wir alles für Menschen tun, wird häufig nicht gesehen.
Es gibt Patient:innen, die sind übergriffig und misstrauen allen, weil sie beispielsweise Demenz haben. Und dann kann es sein, dass man bei einem alten Mann sitzt, sich Zeit für ihn nimmt, und plötzlich erzählt er von seiner Kindheit. Als etwas in Wien 1945 die Rote Armee einmarschierte und er versuchte, seine Mutter zu beschützen. Ich durfte seine Tränen trocknen. Dafür bleibt immer weniger Zeit aufgrund von Sparmaßnahmen im Pflegebereich. Ich verstehe nicht, wieso es keine größeren Reaktionen der Gesellschaft darauf gibt, und warum hier niemand etwas tut. Ja, vielleicht kostet Sterben und Krank-Sein Geld, wenn die Menschen dabei gut betreut werden. Aber ist es uns das nicht wert? Dass die Angehörigen danach gut weiterleben können, weil sie wissen, dass die geliebte Person gut umsorgt wurde? Wenn wir uns Zeit nehmen können, erspart das Menschen Leid, vermeidbare Todesfälle und Krankentransporte. Dafür braucht es genug und gut ausgebildetes Personal. Ist das wirklich ein Punkt, wo wir als Gesellschaft sparen wollen? Wenn die Budgets für die Einrichtungen kleiner werden, müssen wir würdezentriertes Arbeiten kürzen.
Ich überlege wegen der Belastung jeden Tag einen anderen Beruf zu machen. Aber ich möchte mich nicht rausdrängen lassen, ohne für bessere Bedingungen zu kämpfen, weil ich diese Arbeit liebe. Der Pflegeberuf ist oft in der Gesellschaft unsichtbar – auch weil darin vor allem Frauen arbeiten. Aber ir Pflegepersonen müssen uns sichtbar machen – das nimmt uns niemand ab.“
