„Ich lerne jeden Tag ein bisschen mehr über Österreich.“

Zwischen Behördengängen, Sprachkursen und Schichtdienst entstand für Yasser Alfaraj ein neues Leben in Wien. An seiner Seite stand dabei immer die Sozialarbeiterin Monika Weinrichter.
Yasser Alfaraj kam vor vier Jahren aus seiner Heimat Syrien nach Österreich. Heute spricht er Deutsch auf B1-Niveau und hat eine fixe Arbeitsstelle an der VHS Ottakring. Sozialarbeiterin Monika Weinrichter vom Demontage- und Recyclingzentrum (DRZ) hat den 30-Jährigen bei seinem Neustart begleitet. Das DRZ ist ein Projekt der Wiener Volkshochschulen, das vom AMS Wien gefördert wird. Im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft erzählt Alfaraj vom Einstieg in den Arbeitsmarkt als Flüchtling und Weinrichter von den Herausforderungen auf dem Weg dorthin.

Chancengeber:innen #5
Alfarajs Neustart in Österreich und 22 weitere Erfolgsgeschichten wurden vom Dachverband für Soziale Unternehmen Wien im Buch „Chancengeber:innen #5 – Von Menschen, die eine neue Jobchance bekommen und denen, die sie dabei unterstützen“ zusammengefasst.

„Vollzeit arbeiten und eine Sprache lernen ist anstrengend, aber ich bin glücklich“

Yasser Alfaraj: „Ich habe eine fixe Arbeitsstelle als Reinigungskraft in der VHS Ottakring. In meiner Heimat war ich ursprünglich Klimaanlagentechniker, aber ich bin sehr froh diesen Job zu haben. Es macht Spaß, ich habe meistens meine Ruhe und mein Direktor, Herr Thomas Laimer, ist sehr nett. Er hat zu mir gesagt, dass ich weiterhin so gut Deutsch lernen soll, dann könnte ich vielleicht Haustechniker werden. Ich könnte mir einen technischen Beruf in der Zukunft gut vorstellen. Vorher muss ich aber noch besser Deutsch lernen. Ich bin bereits zur Prüfung für das Sprachniveau B1 angemeldet. Eine neue Sprache zu lernen und nebenbei Vollzeit zu arbeiten ist anstrengend, aber es ist notwendig. Zusätzlich habe ich auch mit dem Führerschein begonnen.

Dass ich bis hierhergekommen bin, habe ich dem DRZ und Frau Weinrichter zu verdanken. Wenn ich ein Problem hatte, konnte ich immer zu ihr gehen und sie hat mir gesagt, dass alles in Ordnung ist. Vor dem Job in der VHS habe ich beim DRZ gearbeitet. Die Ausschreibung habe ich damals online gefunden und mich beworben. Nach einer Vorbereitungsphase durch das Arbeitsmarktservice konnte ich dann eine befristete Stelle antreten. Die zuständige Outplacerin im DRZ hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, in der Reinigung zu arbeiten, und ich habe sofort gesagt: Ja, warum nicht. Ich war froh, eine Arbeit zu haben.

Ich habe davor für ein paar Wochen als Küchenhilfe in einem ukrainischen Flüchtlingsheim im zweiten Bezirk hier in Wien gearbeitet und das war viel zu stressig für mich. Mir ist die Ruhe beim Putzen lieber. Nach einigen Monaten beim DRZ ergab sich ein Job in der VHS Meidling, was für mich ideal war. Nach einer weiteren Station in der VHS Landstraße bin ich hier nach Ottakring gekommen und diese Stelle ist unbefristet. Ich bin hier sehr glücklich und verstehe mich gut mit allen. Trotzdem ist es immer noch schwer, in Österreich Fuß zu fassen. Aber hier in Wien gefällt es mir viel besser als in Knittelfeld in der Steiermark. Dort habe ich meine ersten zehn Monate in Österreich verbracht und hatte viel weniger Möglichkeiten.

Frau Weinrichter hat mir auch geholfen, eine Gemeindewohnung zu finden. Ich habe vorher mit fünf Personen zusammen in einer schimmligen Wohnung gewohnt. Jetzt lebe ich alleine im 14. Bezirk. Das genieße ich sehr, auch wenn ich vieles für die Wohnung erst nach und nach kaufen konnte. Kühlschrank, Sofa, Waschmaschine – das sind alles Investitionen.

Wenn ich Urlaub habe, besuche ich meinen Bruder, der in Magdeburg in Deutschland lebt. Er hat eine Frau und eine Tochter und arbeitet in einem Kindergarten. Er sagt auch immer zu mir: ,Lern Deutsch! Das ist das Wichtigste.’ Meine Schwester wohnt in Stockholm und sie hat vier Kinder. Ich habe hier in Wien keine Familie, aber ich habe im Deutschkurs ein paar Freunde gefunden und wir unternehmen ab und zu etwas gemeinsam. Außerdem koche ich gerne oder gehe manchmal ins Fitnessstudio.“

„Selten sind Menschen so korrekt und motiviert wie Yasser“

Monika Weinrichter: „Ich habe Herrn Alfaraj vor zwei Jahren im DRZ kennengelernt, wo ich als Sozialarbeiterin tätig bin. Das DRZ ist eine Abfallbehandlungsanlage, die als sozialökonomischer Betrieb vom AMS Wien den Auftrag hat, Personen mittels eines befristeten Dienstverhältnisses in den 1. Arbeitsmarkt zu vermitteln. Die Beschäftigten im DRZ verwerten und reparieren Elektroaltgeräte, was einen nachhaltigen Aspekt hat und gleichzeitig Menschen zurück in den Arbeitsmarkt führt.

Herr Alfaraj hat in der Reinigung angefangen und ich habe ihn von Anfang an als sehr tüchtig erlebt. Er wollte immer alles richtig machen. Einmal kam es zu einer Rückzahlung wegen einer Überschneidung von Mindestsicherungsbezug und durch die Job-Vorbereitungsmaßnahmen erhöhten AMS-Bezug und er wollte sofort zurückgeben, was er „zu viel“ bekommen hat, obwohl das bürokratisch in dem Moment nicht möglich war. Selten sind Menschen so korrekt und motiviert.

Herr Alfaraj hat große Fortschritte mit der deutschen Sprache gemacht und ich freue mich, dass er schon mutiger geworden ist. Am Anfang war er sehr zurückhaltend und ist durch seine Ruhe auch positiv aufgefallen. Er war sofort bereit in der Reinigung mitzumachen, was nicht selbstverständlich ist, aber er hat die Chance genutzt und war lernbereit. Ich weiß, dass der Aufgabenbereich anspruchsvoll ist, und Herr Alfaraj hat sich schnell angepasst, obwohl es sein erster Job in dem Bereich war.

#AMS-Zahlen April:
Arbeitslose und Beschäftigte mit geringen Qualifikationen stehen am Arbeitsmarkt massiv unter Druck – trotz Fachkräftemangels. Besonders auf Lehrabschlussniveau fehlen bald viele Fachkräfte.
📚 „Qualifizierung sichert Zukunft & Chancen“, so Renate Anderl 1/2

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— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 4. Mai 2026 um 11:46

Zum Glück konnten wir auch seine Wohnsituation schnell verbessern. Die Wohnverhältnisse waren wirklich schlimm, und ich war froh, dass der Antrag für eine Gemeindewohnung so schnell durchgegangen ist. Abgesehen davon, dass wir Menschen dabei unterstützen auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, ist auch die soziale Arbeit wichtig. Darum unterstützen wir, wie in Alfarajs Fall, auch bei der Wohnsituation. Manchmal helfen wir bei Schuldenregelungen oder besorgen einen Therapieplatz auf Krankenschein – je nachdem, was gebraucht wird. Ich wünsche Yasser Alfaraj auf jeden Fall, dass er gesund bleibt und Karriere macht.“

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Über den/die Autor:in

Anna Gugurell

Anna Gugerell ist freie Journalistin und Medienmanagerin aus Wien. Sie schreibt über Veränderungen in der Arbeitswelt und Nachhaltigkeit genauso gerne wie über neue Lokale oder Feminismus und konzipiert Printmagazine.

Foto: Joseph Krpelan

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