Denn eines ist klar: Wir leben in einer Zeit der Umbrüche – und Digitalisierung, technologischer Fortschritt, Wirtschafts- und Umweltkrisen betreffen alle Lebensbereiche, vor allem aber auch die Arbeitswelt. Unternehmen sind bemüht, in diesen Umbrüchen zu bestehen, wobei die Verlockung groß ist, die Hauptlast dafür auf den Schultern der Beschäftigten abzuladen. Da kann gerade jetzt die betriebliche Mitbestimmung – ein althergebrachtes Feature der österreichischen Sozialpartnerschaft – eine wichtige Rolle spielen.
Arbeitsdruck: Betriebsrat gefragt
Das zeigt auch das Strukturwandelbarometer 2026. Dabei handelt es sich um eine jährlich von der AK Wien und dem ÖGB in Auftrag gegebene Studie. Mit ihr werden rund 1.000 Betriebsratsvorsitzende aus ganz Österreich befragt, die 600.000 Beschäftigte in den Unternehmen vertreten. Philipp Ovszenik arbeitet im Referat für Organisation, Koordination und Service im ÖGB. Dreimal hat er bereits an der Studie mitgearbeitet. „Jedes Mal sagen die Betriebsrät:innen, dass Arbeitsdruck und Arbeitsverdichtung immer weiter steigen“, betont er.
Was das konkret heißt, weiß Michael Heiling, Experte in der Abteilung Betriebswirtschaft der AK Wien: „Arbeitsverdichtung bezeichnet das Phänomen, dass mehr Arbeitsergebnisse in weniger Zeit geliefert werden müssen.“ Das könne etwa bedeuten, dass mehr Produkte in derselben Zeit hergestellt oder mehr Klient:innen im selben Zeitraum wie bislang versorgt werden müssen, während aber gleichzeitig Personal eingespart werde.

Eine Konsequenz ist, dass der Druck, krank arbeiten zu gehen, steigt. Gleichzeitig nehmen die Krankenstände zu, wie die Studie festhält: „Diese Befunde deuten darauf hin, dass Produktivität vielfach über die Intensivierung der Arbeit erreicht wird, während die nachhaltige Absicherung der Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten hinterherhinkt.“
Dabei tue dies auch den Unternehmen nicht gut, sagt Ovszenik. „Wenn die Beschäftigten zufrieden sind, sind sie gesünder. Sie sind weniger im Krankenstand, leistungsfähiger und produktiver.“ Eine Lösung könnte sein, mehr Personal anzustellen. Doch gerade hier hakt es. Die Bereitschaft, bestimmte Personengruppen einzustellen, sei vergleichsweise gering. Laut Strukturwandelbarometer weisen 35 Prozent der Betriebe aus Sicht der Befragten keine oder nur eine geringe Bereitschaft auf, Langzeitarbeitslose einzustellen. Bei Arbeitnehmer:innen im Alter von über 50 Jahren seien es 29 Prozent. Bei Menschen mit Betreuungspflichten würden 17 Prozent der Unternehmen „Nein“ sagen. Zumindest teilweise scheint der Arbeitskräftemangel also hausgemacht zu sein.
Brückenfunktion
Und hier hat die Belegschaftsvertretung eine Schlüsselrolle. Durch die Organe der betrieblichen Mitbestimmung, insbesondere die Betriebsräte, ermöglicht sie Kommunikation zwischen Beschäftigten und Führungskräften. „Kommunikation ist das große Thema“, sagt Ovszenik. „Mehr Mitsprache bedeutet mehr Fairness, und dies führt wiederum zu mehr Zufriedenheit unter den Beschäftigten.“ Und Unternehmen täten angesichts des Fachkräftemangels gut daran, diesen Aspekt nicht zu unterschätzen, denn: „Gute Kommunikation im Betrieb steigert die Attraktivität als Arbeitgeber.“
Wie Führungskräfte die betriebliche Mitbestimmung sehen, zeigt eine Befragung im Auftrag der AK Wien vom Dezember 2025: Sie befragte 1.000 Führungskräfte, jeweils zur Hälfte aus Betrieben mit und ohne Betriebsrat. Das Ergebnis: Dort, wo Betriebsräte existieren, werden sie von Führungskräften überwiegend positiv bewertet. So nehmen 84 Prozent der Führungskräfte in Betrieben mit Betriebsrat die Zusammenarbeit als sehr oder eher wertschätzend wahr. In Betrieben ohne Betriebsrat sinkt die positive Einstellung deutlich. Insgesamt befürwortet aber etwas mehr als die Hälfte aller Führungskräfte diese Institution der Sozialpartnerschaft.
Mögliche Schwierigkeiten
Doch es gibt Fallstricke. So schätzen die Befragten zwar das Kommunikationstalent der Betriebsrät:innen, aber: „Die Hälfte der Führungskräfte ohne Betriebsrat würde eine Vertrauensperson einem gewählten Betriebsrat vorziehen, stellt also das Informelle vor das Formelle“, heißt es in der Studie. Außerdem scheint die Skepsis dann groß zu sein, wenn es um Mitsprache bei Entscheidungen von betriebswirtschaftlicher Relevanz geht, also bei dornigen Themen wie Einsparungen oder Stellenabbau.
Das Arbeitsklima hat sich verschlechtert, der
Arbeitsdruck ist gestiegen, die Arbeit wird dichter. (Quelle: Strukturwandelbarometer 2026 – Befragung von 1.500 Betriebsratsvorsitzenden)— Gewerkschaft PRO-GE (@gewerkschaftproge.bsky.social) 8. Juli 2026 um 11:30
„Es scheint, als hätten manche Führungskräfte zwar gerne Ansprechpersonen in den verschiedenen Abteilungen, diese sollen aber möglichst keine Rechte haben“, sagt Heiling von der AK Wien. Doch das eine geht nicht ohne das andere. „Firmen mit Betriebsrat können viele Probleme besser kollektiv lösen“, ist er überzeugt. „Gerade in Fragen der Produktivität haben sie ein sehr gutes Sensorium. Und tatsächlich fördern Betriebsräte auch die informelle Mitbestimmung im Betrieb.“ Wo beides gestärkt wird, könnten auch die Nesseln von Arbeitsdruck vom Betriebsrat angepackt werden.