Social-Media: Im Bann der Scheinwelt

Social-Media-Apps sind speziell so konstruiert, dass sie süchtig machen. Was bedeutet das für die Jugend von heute?
Social-Media-Apps sind speziell so konstruiert, dass sie süchtig machen. Was bedeutet das für die Jugend von heute? | © Silke Müller
Ein berauschender virtueller Raum lockt Kinder und Jugendliche jeden Tag stundenlang auf Social-Media-Plattformen, was gravierende Folgen für ihre Gesundheit hat. Wie kann man süchtig machende Technologien eindämmen?
Anna-Sophie Standl lebte eine Zeitlang in Chicago und hatte einen erfolgreichen Blog mit beachtlicher Follower:innen-Zahl. Die Influencerin war für Kooperationen gefragt und kam viel in der Welt herum. „Ich hatte ein cooles Leben“, sagt sie. Doch vor acht Jahren erlitt sie im Alter von 30 Jahren einen Schlaganfall. Auf die Frage ihres Arztes, ob sie unter Stress leide, fiel ihr erst nichts ein. Nach einer Onlinerecherche realisierte sie: „Ich hatte extremen digitalen Stress. Ich war so viel am Handy, dass nicht mehr ich das Handy benutzt habe, sondern das Handy mich.“

Danach veränderte Standl ihre Onlinenutzung radikal und absolvierte eine Ausbildung zum Mentalcoach. Je mehr sie sich mit digitaler Überforderung beschäftigte, desto klarer wurde ihr, „wie schlimm es ist, wenn schon Kids diesen Stress die ganze Zeit spüren“. Heute sensibilisiert die 38-Jährige mit ihrem Unternehmen disconnect.me in Workshops vor allem Kinder und Jugendliche. Mittlerweile aber auch Eltern, Lehrkräfte sowie Mitarbeiter:innen in Betrieben, für einen gesunden Umgang mit Social Media. Sie besucht Klassenzimmer um Klassenzimmer, von der dritten Volksschule bis zur Oberstufe.

Folgen für die Psyche

Wie wichtig diese Arbeit ist, zeigen die Folgen von früher und übermäßiger Social-Media-Nutzung. „Die Kinder bewegen sich zu wenig, schlafen wenig, ernähren sich schlecht, haben kaum Hobbys. Manche haben – wie ich früher – einen Handydaumen, eine Entzündung in der Daumenkapsel vom Swipen, Tappen und Scrollen“, sagt Standl. Die schlimmsten Folgen seien aber Depressionen: „Die entstehen, weil man sich online mit anderen Menschen vergleicht und nicht so aussieht oder nicht das Gleiche hat oder kann wie sie.“

Eine Umfrage im Rahmen des MentalHealth-Projekts „Gesund aus der Krise“ unter 324 Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen lieferte im April erschreckende Ergebnisse. 82 Prozent der Befragten beobachten, dass Kinder und Jugendliche die digitale Nutzung nicht mehr selbstständig beenden können. 75 Prozent sagen, das Körperbild von Kindern und Jugendlichen sei sehr stark (33 Prozent) oder stark (42 Prozent) von Social Media beeinflusst.

Aktuell gibt es weder geltendes EU- noch österreichisches Recht, das Heranwachsende vor den Gefahren von Plattformen wie TikTok, Snapchat, Discord, Roblox und Co. ausreichend schützt. Ein Social-Media-Verbot in Frankreich für unter 15-Jährige wurde im August vom dortigen Verfassungsrat gekippt. In Australien, wo ein solches (bis 16) schon existiert, halten sich nur 6 Prozent daran. Alle anderen umgehen die Regelung und nutzen weiterhin soziale Medien. Immerhin wurde eine EU-weite Regelung angekündigt, und Österreich will ab 2027 Plattformen mit suchtfördernden Funktionen für unter 14-Jährige sperren.

Multiplizierte Überforderung

Mit sogenannten „Addictive Designs“, also suchtfördernden Praktiken der Plattformen, setzt sich auch die Studie „ADDICT“ von AK und IHS auseinander, die im Februar erschienen ist. Untersucht wurde, wie SocialMedia-Anbieter anhand ihrer Suchtrisiken beurteilt werden können. Süchtig machende Designelemente und Funktionen wurden identifiziert, benannt und danach bewertet, wie stark sie zwanghaftes Verhalten fördern. Die entwickelte Taxonomie ermöglicht es, Plattformen in ein Ampelsystem je nach Suchtrisiko einzuordnen. TikTok und Instagram wurden als Fallbeispiele untersucht. Mit alarmierendem Ergebnis: Bei TikTok sind nur neun Designelemente im grünen Bereich, zwei im gelben und 44 im roten. Bei Insta ähnlich: Die Taxonomie ergab zehnmal Grün, fünfmal Gelb und 40-mal Rot.

Endlos wird neuer Content vorgeschlagen, man kann immer weiter und weiter scrollen, ohne an ein Ende zu kommen.

Louise Beltzung, AK Wien

Funktionen, die süchtig machen

Louise Beltzung, Referentin der Abteilung Konsument:innenpolitik der AK Wien, bringt ein Beispiel für eine suchtfördernde Funktion: „Endlos wird neuer Content vorgeschlagen, man kann immer weiter und weiter scrollen, ohne an ein Ende zu kommen.“ Auch Onlineshops wie Shein wenden dieses Prinzip an. „Würde ein Supermarkt so funktionieren, wäre das wie in einem Horrorfilm: Man geht durch einen Gang nach dem anderen, und es kommen immer mehr Gänge. Die Überforderung, die durch große Regale entstehen kann, wäre multipliziert.“ Das Suchtpotenzial wird auch über kleine Funktionen erhöht. Zum Beispiel, dass man eine Seite „wie bei einem einarmigen Banditen“ mit einer Wischbewegung von oben nach unten aktualisieren kann. Ebenso Benachrichtigungen am Smartphone, die vorgeben, dass jemand auf der App auf einen wartet, sowie „Streaks”, also Belohnungssysteme, die sich auf null setzen, sobald man einen Tag nicht aktiv ist.

Beltzung kritisiert, dass die meisten suchtfördernden Praktiken nicht abgestellt werden können: „Mit welcher Rechtfertigung gibt es keine Funktion, um so etwas zu pausieren?“ Dies in Kombination mit der scheiternden Moderation der Plattformen sei „perfide“. Die ADDICT-Studie will eine Vorlage für politische Aushandlungsprozesse sein, insbesondere für den frühestens für Herbst erwarteten Digital Fairness Act der EU-Kommission. „Jetzt wissen wir, worüber wir sprechen: Es gibt Namen und Definitionen für die Designs, und man kann darüber verhandeln, ob dieses oder jenes für Minderjährige oder auch für alle abstellbar sein muss“, sagt Beltzung.

Anna-Sophie Standl hält Workshops zu einem gesunden Umgang mit Social Media.
Anna-Sophie Standl hält Workshops zu einem gesunden Umgang mit Social Media. | © Antje Wolm

Weiter sensibilisieren

In ihren Workshops vermittelt Standl indes jungen Menschen, „welche Tricks SocialMedia-Plattformen anwenden, damit wir so lange wie möglich am Bildschirm bleiben“. Auch Spielsucht, Cybermobbing und sexuelle Gewalt im Internet thematisiert sie altersgerecht. Wer jünger als 16 ist, sollte Social Media aus ihrer Sicht gar nicht nutzen. Das Reflexionszentrum im Gehirn sei noch nicht reif genug, um vernünftig damit umzugehen. Selbst Tablets hätten in Klassen nichts verloren, denn auch dort lassen sich süchtig machende Apps installieren – Laptops würden ausreichen.

#SaferInternetDay – #PG “Wie Insta & Co. süchtig machen” zum Nachsehen, alle Infos sowie Studien 🔽

[image or embed]

— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 10. Februar 2026 um 11:21

Solange es keine effizienten Gesetze gibt, hilft nur der Versuch, den Umgang mit Social Media bewusst zu gestalten. Standl zeigt jungen Menschen daher weiterhin, wie sie den Algorithmus trainieren können, damit er ihnen weniger schädliche Inhalte anzeigt. Sie erklärt, warum es hilft, den Bildschirm auf Schwarz-Weiß zu stellen. Und sich in der U-Bahn ganz normale Menschen anzuschauen, anstatt sich am Smartphone in soziale Medien zu vertiefen, wo Menschen perfekt erscheinen, obwohl sie das nicht sind.

Mehr lesen

Sie brauchen einen Perspektivenwechsel?

Dann melden Sie sich hier an und erhalten einmal wöchentlich aktuelle Beiträge zu Politik und Wirtschaft aus Sicht der Arbeitnehmer:innen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.
Mit dem Absenden dieses Formulars stimme ich der Verarbeitung meiner eingegebenen personenbezogenen Daten für den Zweck der Versendung und Verwaltung des Newsletters sowie des Gewinnspiels zu. Diese Zustimmung kann jederzeit widerrufen werden. Details dazu finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Über den/die Autor:in

Alexandra Rotter

Alexandra Rotter hat Kunstgeschichte in Wien und Lausanne studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin in Wien und schreibt vor allem über Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie und Zukunft.

Sie brauchen einen Perspektivenwechsel?

Dann melden Sie sich hier an und erhalten einmal wöchentlich aktuelle Beiträge zu Politik und Wirtschaft aus Sicht der Arbeitnehmer:innen.



Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder. Mit dem Absenden dieses Formulars stimme ich der Verarbeitung meiner eingegebenen personenbezogenen Daten gemäß den Datenschutzbestimmungen zu.