Warum KV-Verhandlungen der Metaller:innen so wichtig sind

Die Arbeiterinnen spüren die Mehrbelastungen, da zusätzlich im ländlichen Raum und vor allem für Schichtarbeiterinnen die Kinderbetreuung schwierig zu organisieren ist.
© Markus Zahradnik
Der Abschluss der KV-Verhandlungen 2022 der Metaller:innen hat richtungsweisenden Charakter. Und er war wichtig. Denn die Beschäftigten spüren die Auswirkungen der Krise. Eine Reportage aus Kirchdorf a. d. Krems.
Höchste Präzision in Kirchdorf a. d. Krems: An der südlichen Ortsausfahrt der oberösterreichischen Bezirkshauptstadt findet sich das Betriebsgelände der TCG Unitech GmbH, die seit vier Jahren zur italienischen Carlo Gnutti Group gehört. Hier werden Hightech-Druckguss- und -Spritzguss-Verfahren angewandt und Öl- und Kühlmittelpumpen gefertigt – in weltweit führender Qualität. Doch auch hier sind die KV-Verhandlungen der Metaller:innen für die Beschäftigten enorm wichtig.

Metaller:innen und der Lohn: Dramatische Folgen der Inflation

Rund 1.050 Beschäftigte arbeiten hier oder – wie es Roswitha Grammer (56), die Betriebsratsvorsitzende der Arbeiter:innen, im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft in ihrem Büro ganz genau aufschlüsselt – „701 Arbeiter, 224 Angestellte und 124 Leasing-Arbeitskräfte, von denen wir per 1. Oktober 30 übernommen haben“. Sie halten das Betriebsgelände gut in Schuss. Auf die Besucher:innen machen sowohl das Freigelände als auch die Werkshallen einen properen Eindruck. In der Luft liegt der Duft von Gießerei und Metallspänen.

Ich habe in all den Jahren als
Gewerkschafterin noch nie so viele Probleme
wie jetzt mitbekommen. 

Roswitha Grammer, Betriebsratsvorsitzende

Diesen Eindruck vermitteln auch das Großraumbüro oberhalb der Werkshalle 20 und das etwa acht Quadratmeter große Büro der Betriebsrätin. Hier hat sie alles, was für ihre Tätigkeit erforderlich ist: Computer und Laptop, Drucker, Ablagen und einen Safe. Neben ihrem Arbeitsplatz stehen Fähnchen und Wimpel der Gewerkschaft. An die Wand hat sie die Organigramme der Abteilungen an dem Standort gepinnt, mit Fotos und Namen. Im Handy hat Roswitha, wie sie sagt, „die wichtigsten Nummern der Mitarbeiterinnen“. Auf die Besucher:innen wirkt es, als hätte sie fast alle Nummern der Belegschaft im Mobiltelefon und ruft die Arbeiter:innen durch, die wir in Kürze besuchen werden.

Von der einen in die nächste Krise

Roswitha Grammer hat kurzes graues Haar, sie trägt Jeans und ein schwarzes T-Shirt, auf dem mit weißem Faden „Betriebsrat“ eingestickt ist, darüber eine rote ärmellose Jacke der ProGe, ihrer Metallergewerkschaft. Sie wirkt dynamisch und energisch. Kein Wunder, dass zwei Drittel der Arbeiter:innen im Betrieb Gewerkschaftsmitglieder sind. Bei der Vorbereitung auf unseren Betriebsrundgang schildert sie die Probleme ihrer Metaller:innen. „Wir spüren die Mehrbelastung der arbeitenden Frauen. Der wirtschaftliche Druck durch mangelnde Planbarkeit, der ständige Wechsel zwischen Kurzarbeit und Mehrarbeit, das alles wird auf unseren Schultern ausgetragen,“ sagt Grammer, die im Verhandlungsteam der ProGe für Gießereien ist.

„Zusätzlich ist Kinderbetreuung im ländlichen Raum, aber vor allem für Schichtarbeiterinnen schwierig zu organisieren ist“ und natürlich weil ihre Damen mit der Teuerung enorme finanzielle Einbußen erleben. „Ich habe in all den Jahren als Gewerkschafterin noch nie so viele Probleme wie jetzt mitbekommen.“ Der Schulanfang war für viele Familien und alleinerziehende Mütter ein finanzieller Horror. „Trotz der derzeit wirtschaftlich guten Lage sind jetzt Angst und Unruhe weit verbreitet. Es sind Zukunftsängste“, wie sie schildert. Das Ergebnis der KV-Verhandlungen der Metaller:innen 2022 könnte diese Ängste etwa nehmen.

Sarah von TCG Unitech GmbH im Portrait. Symbolbild für Metaller Lohn.
„Jetzt, wo Autofahren teurer geworden ist, fahre ich wenig, und es beteiligen sich die Mitfahrer an den Kosten“, so Sarah, gelernet Mechatronikerin.

Alexandra Wachter (50) wohnt in Sierning, 30 Kilometer vom Unitech-Werk entfernt. Sie überprüft bei der Endkontrolle fertige Bauteile, bevor sie an die Kunden geliefert werden. Von zu Hause in die Arbeit und wieder retour fährt sie 1.200 Kilometer pro Monat. „Ohne Pendeln wäre ich arbeitslos“, sagt die alleinerziehende Mutter. Ihr ausgelernter Sohn ist Landschaftsgärtner und macht gerade Zivildienst. „Mit den 360 Euro, die er dort verdient, hüpft er nicht recht weit“, wie seine Mutter sagt. „Ich bin sein Bankomat und mitunter auch der für meine Tochter“, einer Einzelhandelskauffrau, die Alexandra Wachter bei der Gründung ihres Haushalts unterstützt. Daher gibt es in ihrem Leben das Loch-auf-und-Loch-zu-Prinzip: Mit den gestiegenen Heizkosten hat sie für die Pellets ihr Sparbuch aufgelöst. „Zwei Jahre sparen waren für’n Hugo“, wie sie verbittert sagt, „denn Zack-Bumm war das Geld weg. Vergangenes Jahr habe ich noch weniger als die Hälfte für Brennstoffe und das Beheizen der Mietwohnung gezahlt.“

Wegen Corona: 300 Euro weniger Lohn

Auch die ganze Corona-Situation „war ein Wahnsinn für uns – 300 Euro weniger Nettolohn im Monat. Das spürt auch eine Metallerin empfindlich. Zeitweise haben wir nicht mehr gewusst, wie es weitergeht. Wir haben Urlaube verbraucht, ohne auf Urlaub fahren zu können.“ Viele Kolleg:innen sind sogar wegen ihres Urlaubs ins Minus gegangen. Alles in allem kein Spaß, „obwohl wir im Vergleich zu einer Friseurin oder Verkäuferin ganz gut verdienen. Und die 500 Euro Klimabonus der Regierung sind in meinen Augen ein Witz – das haben wir Steuerzahler:innen uns selbst gezahlt“. Noch ein Kritikpunkt: „In anderen europäischen Ländern gibt es seit einem halben Jahr einen Preisdeckel für Energie, bei uns denkt die Regierung nur lange nach – sonst nichts.“ Und jetzt, wo alle Preise schon enorm gestiegen sind, wird noch die CO2-Steuer eingeführt, das „ist an Dreistheit nicht zu überbieten“, grollt die Arbeiterin.

Roswitha Grammer von TCG Unitech GmbH im Gespräch über den Lohn von Metaller:innen. Symbolbild: KV-Verhandlungen der Metaller.
„Der wirtschaftliche Druck durch mangelnde Planbarkeit, der ständige Wechsel zwischen Kurzarbeit und Mehrarbeit, das alles wird auf unseren Schultern ausgetragen“, sagt Roswitha Grammer.

In der Lagerhalle ein paar Meter weiter treffen wir Yasemin (51), Verpackerin. Sie arbeitet seit vier Jahren bei Unitech als Vollzeitkraft. Sie wohnt mit ihren drei Kindern und ihrem arbeitslosen Mann im 20 Kilometer entfernten Vorchdorf. Die älteste Tochter ist ausgezogen und hat inzwischen eine eigene Familie gegründet. 25 bis 30 Minuten verbringt Yasemin täglich in ihrem PKW – in eine Richtung. Sie arbeitet Drei-Schicht – also Frühschicht, Spätschicht und Nachtschicht. „Es ist alles teuer jetzt. Das ganze Leben ist teuer“, sagt sie. Kollektivvertragsverhandlungen sind dringend notwendig. Doch die gestalten sich trotz Rekordgewinnen enorm schwierig.

„Jede Woche muss ich tanken.“ Und 800 Euro monatlich gibt sie fürs Kochen aus, um die fünf Münder voll zu bekommen – das sind um ein Drittel oder fast 270 Euro mehr als noch vor zwei Jahren, rechnet sie vor. Von ihrem Metaller-Lohn zahlt sie auch noch den Kredit für das Haus ab, in dem sie wohnt. „Und am Ende bleiben uns nur noch mehr Kosten.“ Zwei Jahre haben Yasemin und ihre Familie auf Urlaub verzichtet. Stattdessen trudeln ihr „mehr und noch mehr Zahlscheine ins Haus“. Gleichzeitig geht der Arbeiterin nach Corona und vier Quartalen mit Kurzarbeit allmählich die Kraft aus.

In der Inflation wird auch bei Metaller:innen der Lohn knapp

So oder so ähnlich geht es auch Marica (57). Sie ist seit fünf Jahren bei Unitech. Ihr Arbeitsplatz befindet sich neben fünf weiteren Kontrollerinnen und Verpackerinnen. Sie ist alleinstehend und hat ihren geleasten Wagen vor zwei Jahren zurückgegeben. Für offenbar zu viele gefahrene Kilometer musste sie 6.000 Euro nachzahlen. „Winterreifen, Ölwechsel, Reparaturen und all das. Ich hätte heute aus wirtschaftlichen Gründen Angst, ein Auto zu besitzen.“

Sie kommt seither zu Fuß in die Arbeit, und trotzdem reicht ihr Nettogehalt für die Ausgaben mitunter nicht bis zum Monatsletzten. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll: Vor zwei Jahren ist meine Küche plötzlich in sich zusammengekracht. Ich habe jetzt die dritte Waschmaschine in zwei Jahren, dazu kommen die Miet- und Heizkosten, die sich in den vergangenen fünf Jahren von 300 auf 560 Euro fast verdoppelt haben. Und dann ist da noch der Kredit, der auch immer teurer wird“ und den sie bis zum Antritt ihrer Pension abstottern will. Um diese finanzielle Last abzuwerfen, versucht sie Überstunden zu machen, „so viel ich kann, aber manchmal streiken die Augen. Und mehr Gehalt würde mir zwar helfen, aber wenn eine Lohnerhöhung kommt, ist die Frage, wie viel bleibt mir dann netto?“ Von Massagen, Maniküren oder Pediküren kann Marica nur träumen, weil „sich dieser Luxus für mich einfach nicht ausgeht“.

Eine Metaller:in von TCG Unitech GmbH arbeitet an einer Maschine. Symbolbild für die Lohnverhandlungen von Metaller:innen.
Der Job bei TCG Unitech GmbH macht Spaß. Doch der Lohn der Metaller:innen muss sich an die aktuellen Gegebenheiten anpassen.

Rechts von Maricas Arbeitsplatz werkt Ivette (29). Sie ist in der 23. Woche schwanger. Geburtstermin ist Anfang Februar. Sie hat ihr Wirtschaftsstudium in der ungarischen Stadt Szeged abgeschlossen und empfindet Österreich „viel besser als ihre Heimat“, zum Beispiel weil die Teuerung in Österreich erheblich niedriger ist. Sie und ihr Mann, der ebenfalls bei Unitech in der Nachbarhalle arbeitet, wollen in Österreich bleiben: „Ich habe zwar ein bisschen Angst vor der Zukunft, auch wenn das Leben in Österreich sicherer ist als in Ungarn und auch besser für Kinder, aber die Angst ist da“, wie sie sagt. Und mit Kindern ändert sich bekanntlich sehr viel im Leben.

Auch bei Metaller:innen: Lohn reicht nicht für Ersparnisse

Das weiß auch Anita (28). Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten in der Nachbargemeinde von Kirchdorf – in Micheldorf: „Ich jammere ständig zu Hause, weil Miete, Versicherung, Kredit, Heizung, Strom, Lebensmittel, Tanken und alles andere laufend teurer werden. Aber mein Freund empfindet das alles nicht als so tragisch, weil wir noch nicht verzichten.“ Nicht verzichten? „Naja, wir haben die Heizung zurückgedreht, und wir gehen weniger oft essen. Zum Glück koche ich gern.“ Was sie in der schwieriger werdenden Zeit gut findet: „Dass wir uns die steigenden Kosten teilen.“ So sieht das auch Roswitha (53), eine verheiratete Arbeiterin, die im ausbezahlten Eigenheim lebt und hofft, „dass die Gewerkschaft bei den Lohnverhandlungen viel für uns erreicht und dass sich die Teuerung verlangsamt – sonst wird uns nichts von den Erhöhungen bleiben“. Doch die KV-Verhandlungen der Metaller 2022 gestalten sich schwierig.

Eine Frau arbeitet bei TCG Unitech GmbH an einer Werkbank. Symbolbild für KV-Verhandlungen der Metaller.
Vor allem Frauen haben es in der Branche oft schwer, da Care-Arbeit und Beruf verbunden werden müssen.

Die Steirerin Tanja Gruber (33) hat einen sechsjährigen Sohn, und sie ist Alleinerzieherin. Sie hat ihre Laufbahn mit einer Facharbeiter:innenausbildung im Lebensmittelgroßhandel begonnen. Ihre zweite Lehre hat sie in der metallverarbeitenden Industrie absolviert. „Die Einkommen beider Branchen sind nicht vergleichbar. Die metallverarbeitende Industrie bezahlt deutlich besser.“ Tanja Gruber wird bei Unitech als Prozesstechnikerin eingesetzt. Sie rüstet Maschinen um, bestückt sie, tauscht Werkzeuge, behebt Störungen, prüft Teile – eine anspruchsvolle Arbeit in einer Männerdomäne. Sie ist die einzige Frau in ihrer 20 Mann starken Abteilung. Ihr Arbeitsplatz ist an 16 Maschinen in einer von drei Hallen. Ihr Gehalt ist gut, aber zu niedrig, um Ersparnisse aufzubauen. Von ihrem Salär muss sie etwa die Nachmittagsbetreuung für ihren Sohn bestreiten: Sie investiert monatlich 120 Euro für seine Betreuung inklusive Mittagessen.

Die Krisen belasten vor allem Mütter

Auch die vielen Tage, an denen Pädagoginnen im Kindergarten Konferenzen abhalten, beeinträchtigen den Arbeitsalltag von alleinerziehenden Müttern. Tanja Gruber zum Beispiel muss bei Bedarf nach kurzfristigen Betreuungsalternativen suchen. „Für mich bedeutet das in der Praxis, meist zu Hause bei meinem Kind bleiben zu müssen. Ich muss Urlaub oder Zeitausgleich oder Pflegeurlaub nehmen“ – und auch das belaste das familiäre Budget. Sie habe ja nur zwei Wochen Pflegeurlaub. Hinzu komme, dass der Kindergarten fünf Wochen Urlaub im Jahr verbraucht. Bei Krankheiten ihres Sohnes mehren sich die Fehlstunden im Betrieb. „Das ist teuer, und das muss ich wieder hereinarbeiten. Das ist anstrengend“, sagt sie.

Eine Frau an einer Werkbank in der Industrie bei TCG Unitech GmbH. Symbolbild für KV-Verhandlungen der Metaller.
Die Arbeiterinnen spüren die Mehrbelastungen, da zusätzlich im ländlichen Raum und vor allem für Schichtarbeiterinnen die Kinderbetreuung schwierig zu organisieren ist.

Und auch sie spürt die Teuerung – große Anschaffungen wie etwa „meine neue Matratze hätte ich ohne die finanzielle Unterstützung meiner Eltern nicht kaufen können. Und es ist alles so teuer geworden, dass ich nichts ansparen kann, selbst wenn man so gut verdient wie ich“.

Sarah (19) ist noch unbeschwert. Sie kann sich ihre Träume erfüllen – dazu gehören das Trainieren im Fitness-Center und ihre drei Autos. Die gelernte Mechatronikerin ist seit vier Jahren im Unternehmen und arbeitet seit Mai als einzige Druckguss-Technologin inmitten von 100 Kollegen im Werk. Auch sie verdient als Facharbeiterin gutes Geld. Sie wohnt bei ihrer Mutter zur Miete und hat, abgesehen von ihren Hobbys, „kaum Ausgaben“. Und doch: Jetzt, wo auch Autofahren teurer geworden ist, fährt Sarah weniger, und fast jeder, den sie mitnimmt, beteiligt sich an den Unkosten. Und einer der drei Wagen wird kommendes Jahr der Teuerung zum Opfer fallen und verkauft werden.

Loch auf – Loch zu!

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