Die große Schieflage: Krisengewinner und -verlierer

Fotos (C) Markus Zahradnik

Inhalt

  1. Seite 1 - Plötzlich ist der Preis-Shock da
  2. Seite 2 - Profite auf Kosten der Ärmsten
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Die Gas- und Strompreise gehen durch die Decke, die Mieten ebenfalls. Auch die Lebensmittel werden teurer. Findige Konzerne und Spekulanten verdienen sich eine goldene Nase. Und jetzt auch noch der Krieg. Droht die große Verarmung? Und was kann man dagegen tun?
Es gibt eine lustige Anekdote über ein Interview, das der „Spiegel“ mit dem legendären Philosophen Theodor W. Adorno führte. „Herr Professor“, hob der Fragensteller an, „vor zwei Wochen erschien die Welt noch in Ordnung“. Nüchterne Antwort des großen Geistes: „Mir nicht.“ Diese Geschichte passt gut in unsere Lage. Die Pandemie hatte ihre Verheerungen hinterlassen. Viele Branchen ächzten, und die Wohlhabenden sind dank ihrer starken Lobbys besser durch die Krise gekommen als Geringverdiener:innen, Saisonarbeiter:innen, Menschen in prekären Jobs oder Erwerbsarbeitslose. Krisengewinner auf der einen, arme Menschen auf der anderen Seite.

Die Reichen hatten ihre Vermögen noch einmal unerhört vergrößert, während normale Menschen unter steigenden Preisen oder rasant wachsenden Wohnkosten stöhnten. Frauen hatte es noch einmal besonders getroffen, weil sie – durchschnittlich gesehen – häufiger aus dem Erwerbsleben herausgefallen waren als Männer und zudem zusätzliche Aufgaben im Homeschooling oder der Betreuungsarbeit leisteten.

Krisengewinner in der Pandemie

Und dennoch schien die Welt „irgendwie“ in Ordnung, zumindest vergleichsweise: Trotz der Pandemie hatte sich der Arbeitsmarkt schnell erholt, die Arbeitslosigkeit war relativ niedrig, und für den Sommer wurde schon ein Rückgang der Arbeitslosigkeit auf Werte von rund 300.000 erwartet. Die große Pleitewelle war ausgeblieben. Allein die Teuerung von vier Prozent machte einige Sorgen. Selbst Gewerkschafter:innen und linke Ökonom:innen konnte man im lockeren Gespräch in gelöster Stimmung erleben. „Wir sind jetzt in einer Lage, in der auch die Löhne und Gehälter deutlich nach oben gehen werden, da es überall an Fachkräften mangelt“, war zu hören.

Und dann kam der 24. Februar, der die gesamte Existenz verdüsterte. Der Überfall der Putin-Armeen auf die Ukraine zerstörte nicht nur die labile Friedensordnung in Europa. Er hat Folgen, die noch gar nicht abzuschätzen sind – von der Gasversorgung über zerrissene Lieferketten, von den harten Russland-Sanktionen bis zur Zerstörung von Ernten und Lebensmitteln. Doch selbst so eine Katastrophe trifft nicht alle gleich. Auch hier gibt es Krisengewinner.

Kommt die dicke COVID-19-Rechnung erst?

Dabei war die Lage vorher auch nicht gar so rosig, sagt Jens Südekum, einer der führenden Wirtschaftsforscher Deutschlands. Der Professor an der Universität Düsseldorf sitzt im offiziellen Beratergremium des deutschen Wirtschaftsministeriums, und inoffiziell findet er auch von Kanzler Olaf Scholz abwärts stets ein offenes Ohr. Die „Frankfurter Allgemeine“ hat ihn einmal den „Ökonom der Mächtigen“ genannt, was für einen eher progressiven Wirtschaftsforscher ein seltenes Attribut ist. Nachdrücklich hatte er bei einer Anhörung vor dem deutschen Bundestag vor „so etwas wie einem ökonomischen Long COVID“ gewarnt. Südekum: „Die Investitionstätigkeit hat durch die Krise am stärksten gelitten, was lange nachwirken wird.“

Grund für Südekums sorgenvolle Diagnose schon vor der Verschärfung durch die geopolitische Krise: Die Unternehmen hielten sich in den zwei COVID-19-Krisenjahren mit Investitionen zurück, trotz der staatlichen Hilfsgelder. Mit denen kamen manche gerade so über die Runden, andere verdienten sich eine goldene Nase. Aber die Investitionen gingen zurück, was in Situationen wirtschaftlicher Unsicherheit ganz selbstverständlich ist. Wer weitet schon die Produktionskapazitäten aus, wenn unklar ist, was in fünf Monaten sein wird? Normalerweise investieren Unternehmen, weil sie sich künftige Renditen erwarten. Auch die Länder und Kommunen haben sehr viel Geld für die COVID-Maßnahmen ausgegeben.

Krisengewinner: Preise für Nahrungsmittel steigen enorm.
In Europa lässt sich die Inflation
aus dem Preisanstieg bei einer Gütergruppe erklären:
aus den Energiepreisen.

Stagnation und Inflation: Plötzlich wird alles teurer

All das hat Folgen: Produktionsanlagen werden langsamer modernisiert, als das sonst der Fall wäre. Zusätzliche Arbeitsplätze, die ansonsten geschaffen worden wären, werden nicht geschaffen. Das führt zu weniger neuen Jobs, als ohne diese „Investitionslücke“ (Südekum) geschaffen worden wären. Südekums Botschaft: Der Staat müsse kraftvoll investieren und dürfe ja nicht den Fehler machen, die Budgets schnell sanieren zu wollen. Denn die Pandemie könnte noch eine verspätete Rechnung stellen: in Form einer Stagnation oder zumindest eines schwächelnden Wachstums.

Erstmals seit Langem machen steile Kostenanstiege – gemeinhin unter dem Namen „Inflation“ debattiert – echte Sorgen. Denn entgegen allgemeiner Auffassung hatten wir in den vergangenen Jahren mit Preisanstiegen eher geringe Probleme. Die Teuerung lag durchschnittlich unter zwei Prozent. Wirklich zu schaffen machte Familien und Haushalten der Mietanstieg bei Neuverträgen. Klar, auch Ausgaben für den täglichen Gebrauch, etwa der Großeinkauf im Supermarkt, wurden teurer – aber der Preisanstieg war flacher als in vielen früheren Epochen. Das Problem waren eher nicht steigende Preise, das Problem waren für viele stagnierende Einkommen.

Doch plötzlich ist das wieder anders. Schon in den ersten Monaten des Jahres betrug der Preisanstieg rund fünf Prozent. Bei uns in Europa lässt sich die Inflation aus dem Preisanstieg bei einer Gütergruppe erklären: aus den Energiepreisen. Und die werden zu einem erheblichen Teil „politisch“ gemacht. Deshalb spricht Südekum beispielsweise von der „Putin-Inflation“. Die Preise für Gas versechsfachten sich schon seit dem Herbst – und verdoppelten sich nach dem Überfall auf die Ukraine noch einmal. Deswegen ist sogar fraglich, ob all das viel mit klassischer „Inflation“ zu tun hat. Fachleute sprechen bei Preisauftrieben dieser Art lieber von „außerökonomischen Schocks“. Im Schatten dieses Schocks schrauben Krisengewinner allerdings auch an ihren Gewinnmargen.

Krisengewinner: Spekulationen und Inflation treiben die Preise für Energie und Lebensmittel nach oben
© Markus Zahradnik

Inflation – was ist das überhaupt?

Denn mit dem, was in Ökonomielehrbüchern über Inflation zu erfahren ist, hat die gegenwärtige Situation eher wenig zu tun. Klassischerweise entsteht Inflation dann, wenn die Wirtschaft aufgrund von Hochkonjunktur heiß läuft. Unternehmen investieren wie wild. Sie nehmen Kredite auf, erweitern ihre Maschinenparks, schaffen neue Stellen. Es gibt annähernd Vollbeschäftigung. Die Arbeitnehmer:innen können dann auch höhere Löhne und Gehälter durchsetzen. Sowohl die Preise als auch die Löhne steigen. Wenn die Preise zu sehr aus dem Ruder laufen, habe es dann irgendwann einmal negative ökonomische Folgen, so die Lehrbuch-Doktrin, da Unternehmen ihre künftigen Kosten nicht einmal mehr annähernd kalkulieren können und alles durcheinandergerät.

In einer solchen Situation sollten Notenbanken die Leitzinsen erhöhen, was Kredite verteuert, manche Investitionen unrentabel macht (und damit verhindert), also auch die Konjunktur abwürgt. Mit diesem Zinshebel steigen die Notenbanken quasi auf die Bremse. Aber mit dieser klassischen Inflation hat unsere Teuerungswelle nichts zu tun. Weder gibt es überhitzte Investitionen noch Vollbeschäftigung und auch keine Lohnabschlüsse von fünf, sechs oder gar sieben Prozent. Auch wenn derzeit hart verhandelt wird. Alles, was es gibt, sind steigende Energiepreise – und auf die hat die Zinspolitik der Notenbanken (bei uns: der Europäischen Zentralbank) null Auswirkungen. Würde man die Zinsen erhöhen, gäbe es mehr Arbeitslosigkeit, aber dennoch höhere Preise. Am Zinsrad zu drehen wäre also eher weniger schlau.

Maßnahmen gegen die Inflation statt Krisengewinner

Was also tun? Über diese Frage ist in der westlichen Ökonom:innenzunft, in Europa und den USA, in den letzten Monaten ein hart ausgetragener Kampf ausgebrochen, der geradezu in verbale Raufereien ausgeartet ist. Im Zentrum dieser Debatte steht die 34-jährige, in Nürnberg geborene und in Massachusetts lehrende deutsche Ökonomin Isabella Weber, die die alten Herren ihres Fachs ordentlich in Aufregung versetzte, als sie im „Guardian“ die Geschichte selektiver Preiskontrollen als Instrument der Inflationsbekämpfung in Erinnerung rief. Ich erreiche sie telefonisch frühmorgens in Massachusetts. „Geradezu panisch“, wäre die Reaktion auf ihre Vorschläge gewesen, erzählt sie, obwohl die „sehr vorsichtig waren. Weder habe ich flächendeckende Preiskontrollen vorgeschlagen, schon gar keine Planwirtschaft. Sondern selektive Preiskontrollen zur Diskussion vorgeschlagen, die in der Geschichte immer wieder in Krisensituationen eingesetzt wurden.“ In den Augen vieler Ökonom:innen hat Weber die heilige Kuh des Marktliberalismus infrage gestellt, nämlich die freie Preisfindung auf freien Märkten.

Krisengewinner: Portraitfoto von Isabelle Weber. Sie setzt sich in der Krise bei hoher Inflation für Preiskontrollen ein.
Ökonomin Isabelle Weber setzt sich für Preiskontrollen ein. | © VERBUND

Derweil haben ihre Ideen schnell recht viele Anhänger gewonnen. Webers Argumente: Aufgrund der Pandemie sind Lieferengpässe entstanden und Lieferketten zerrissen, und damit ist ein Gütermangel entstanden, der sich auf Märkten nicht so einfach beheben lasse. Dazu gibt es mehr und mehr Hinweise, dass ganze Branchen die Gunst der Stunde nützen, um höhere Profite zu machen. Viele Konzerne haben „nicht einfach nur erhöhte Kosten weitergegeben“, so Weber, sondern die Gelegenheit genützt, „um ihre Margen zu erhöhen“. Das Problem ist, dass in die Höhe schnellende Preise die Barrieren für das Angebot, wie zum Beispiel Stau an Häfen oder Krieg, nicht aus der Welt schaffen, und das betrifft auch die Gaspreise, die durch den Schock der russischen Invasion nun „explodieren“.

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Über den/die Autor*in

Robert Misik

Robert Misik, 54, ist Journalist, Ausstellungsmacher und Buchautor. Jüngste Buchveröffentlichung: "Die falschen Freunde der einfachen Leute" (Suhrkamp-Verlag, 2020). Er kuratierte die Ausstellung "Arbeit ist unsichtbar" am Museum Arbeitswelt in Steyr. Für seine publizistische Tätigkeit ist er mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet, 2019 erhielt er den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft.

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