Kein altes Eisen: Wissenstransfer von Alt zu Jung

portrait of a 55 year old senior woman working on her laptop in her home
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In Österreich gehören rund 5,5 Millionen Menschen der Altersgruppe der 20- bis 65-Jährigen an. In den kommenden 20 Jahren verringert sich diese Zahl um 300.000, bei einer gleichzeitigen Erhöhung von Personen über 65 Jahren. Damit man ältere Arbeitskräfte länger und besser im Berufsleben halten kann, braucht es gezielte Maßnahmen von Unternehmen. Die Demografieberatung für Beschäftigte und Betriebe bietet dabei Unterstützung an.

„Die Kompetenz von unseren über 45-jährigen- Mitarbeiter*innen bringt Motivation für die jüngeren Kolleg*innen“, sagt Michael Ranzmaier auf der Pressekonferenz des Projekts der Demografieberatung für Beschäftigte und Betriebe. Er und seine Frau Sigrid führen das Hotel-Restaurant Hubertushof in Zeltweg, in dem von den 36 Angestellten ein Viertel über 45 Jahre alt ist. Die Demografieberatung ist ein vom Europäischen Sozialfonds (ESF) und dem Bundesministerium für Arbeit (BMA) finanziertes Projekt mit einem Budget von 25 Millionen Euro, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine generationsgerechte Arbeitswelt für Beschäftigte und Unternehmen zu schaffen. Für Arbeitsminister Martin Kocher ist der demografische Wandel eine der größten Herausforderungen unserer Zeit für den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft insgesamt. „Das Projekt der Demografieberatung ist ein Vorzeigeprojekt“, meint Kocher, denn „die mentale und psychische Belastung bei älteren Beschäftigten, die ihre Arbeit verlieren, ist höher als bei jüngeren.“ Im Rahmen der Demografieberatung sind 90 Berater*innen österreichweit im Einsatz. Rund 1.700 heimische Unternehmen nahmen in den vergangenen Jahren diese kostenlose Beratung in Anspruch. Das auf fünf Jahre angelegte Projekt befindet sich mittlerweile im vierten Jahr und verfolgt das Ziel, Bedingungen zu schaffen, um ältere Arbeitskräfte länger im Erwerbsleben zu halten, da aufgrund des demografischen Wandels weniger jüngere Fachkräfte nachkommen werden. Die Dienstverhältnisse älterer Dienstnehmer*innen sind meist stabiler als bei den jüngeren, und sie bleiben länger im Unternehmen. Darauf soll aufgebaut werden.

Das Projekt der Demografieberatung ist ein Vorzeigeprojekt, die mentale und psychische Belastung bei älteren Beschäftigten, die ihre Arbeit verlieren, ist höher als bei jüngeren. 

Martin Kocher, Arbeitsminister

 

Wissenstransfer von Alt zu Jung

„Der demografische Wandel wirkt sich auf Unternehmen, Arbeitskräfte und den Arbeitsmarkt aus“, sagt Alexandra Weilhartner, Programm-Managerin bei der Demografieberatung. „Die Babyboomer-Generation geht in den nächsten zehn Jahren in Pension. Das Bewusstsein für Gesundheitsförderung und altersgerechtes Arbeiten wird durch die Demografieberatung gestärkt und sensibilisiert“, meint Weilhartner.

Die Herausforderungen, die auf Unternehmen zukommen, sind unterschiedlich, wie sich auch die Zeit des langen Lockdowns auf die Betriebe verschieden unterschiedlich auswirkte. „Bei uns war es stressig in der Corona-Zeit, da die Leute hauptsächlich zu Hause waren und viele ihre Wintergärten neu gemacht haben“, sagt Monika Thurnher, die geschäftsführende Gesellschafterin bei ALCO Wintergärten in Wien. Das seit 1985 bestehende Unternehmen hat 30 Mitarbeiter*innen aus 15 Nationen, und davon gehört die Hälfte den Generationen 45+ an. Um sich auch zukünftig gut am Markt positionieren zu können, holte sich das Unternehmen Unterstützung bei der Demografieberatung. Die führ ALCO zuständige Beraterin, Irene Szimak, hielt zu Beginn ihrer Beratungstätigkeit vor Ort sogenannte Fitnesscheck-Gespräche mit jüngeren und älteren Dienstnehmer*innen ab, ehe sie Workshops durchführte. „Beim Workshop schauten wir uns an, wie es heute läuft, wie es zukünftig laufen soll – und der dritte Schritt war zu schauen, wie wir diesen Gap überschreiten können“, sagt Szimak. Bei ALCO zeigen sich bereits erste Erfolge. „Es ist ein Verständnis entstanden, dass das Wissen weitergegeben werden muss, und auch neue Arbeitsmodelle sind im Entstehen. Dafür müssen die Jüngeren die Älteren allerdings auch unterstützen“, sagt ALCO-Geschäftsführerin Thurnher. Durch eine fundierte Erhebung der Altersstruktur im Unternehmen und in enger Zusammenarbeit mit den Führungskräften will man diesem Ziel näherkommen. „Der Wissenstransfer zu den jüngeren Mitarbeiter*innen soll funktionieren. Das erzeugt individuelle Wertschätzung unter den Generationen“, meint Szimak. In die gleiche Kerbe schlägt Gernot Mitter, Experte für Arbeitsmarktpolitik bei der AK Wien. Ihm ist es wichtig, ältere Dienstnehmer*innen als Senior Experts zu sehen, deren Wissen nicht so leicht ersetzt werden kann. „Besonders die Wissensweitergabe von den Älteren zu den Jüngeren in den Unternehmen ist wichtig. Daher ist es von Nöten, eine altersgerechte Arbeitswelt zu schaffen“, meint der AK-Experte. „Bei älteren Mitarbeiter*innen müssen die Unternehmen auch auf Erholungsphasen und Pausen achten. Denn physisch ist die Arbeit für sie deutlich anstrengender als für Personen unter 30. Und natürlich ist eine individuelle Arbeitszeitgestaltung eine wichtiger Punkt.“

Besonders die Wissensweitergabe von den Älteren zu den Jüngeren in den Unternehmen ist wichtig. Daher ist es von Nöten, eine altersgerechte Arbeitswelt zu schaffen.

Gernot Mitter, AK Wien

Der Lockdown als Chance

Eine andere Situation während der Lockdown-Zeit hatte der Hubertushof in Zeltweg. „Unsere Mitarbeiter*innen hatten noch wenig Erfahrung mit Seminaren und Workshops, aber wir haben die Zeit, in der wir geschlossen hatten, genutzt“, sagt Hotelmanager Ranzmaier. Beinahe die gesamte Belegschaft nahm an den Maßnahmen der Demografieberatung teil. Die Betreuerin Marion Lercher wählte für das 1998 von den Ranzmaiers übernommene Hotel einen etwas anderen Zugang. „Rund ein Drittel der Mitarbeiter*innen wurde zu Beginn über einen von mir entwickelten und für internetfähige Geräte aufbereiteten anonymen Online-Fragebogen befragt“, sagt Lercher. „Schon hier sah man die gegenseitige Unterstützung der Generationen. Die Jüngeren haben den Älteren geholfen im Handling der digitalen Endgeräte.“ Weiters gab es einen Generationenstammtisch und ein Generationenquiz, bei dem immer jüngere und ältere Kolleg*innen zusammenarbeiten mussten. Und schließlich baute man noch eine Kompetenzmatrix mit all dem Wissen der Mitarbeiter*innen auf. „Ein Wir-Gefühl ist durch diese sieben Monate eingezogen“, meint der sichtlich zufriedene Hotelmanager Ranzmaier. „Die gegenseitige Wertschätzung unter den Kolleg*innen ist auch für unsere Gäste toll.“ Der Hubertushof plant, in Zukunft weitere Fachkräfte auszubilden, um den Wissenstransfer von Alt zu Jung und umgekehrt zu stärken. Ähnlich sieht es auch AK-Experte Mitter: „Neben dem Finanziellen geht es genauso um nicht monetäre Anerkennung für ältere Beschäftigte, um das von ihnen erbrachte Engagement wertzuschätzen.“

Weitere Informationen für Beschäftigte und Betriebe finden sich auf der Homepage der Demografieberatung . Für 3. und 4. November 2021 ist eine Demografie-Tagung geplant. Auch hierzu gibt es Auskunft auf der Homepage.

Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in verschiedenen privatwirtschaftlichen Unternehmen. Mit Anfang 30 begann er Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren. Heute schreibt er vor allem für das Fußballmagazin Ballesterer und die Wiener Zeitung.