Profunde Kenntnisse des Arbeits- und Sozialrechts gepaart mit gutem Willen und Konsensbereitschaft reichen nicht, wenn Unternehmen die Daumenschrauben anziehen, rechtliche Möglichkeiten bis zum Anschlag dehnen und abwarten, wie der Betriebsrat reagiert. Während des Abstrampelns im Hamsterrad zwischen Herbeischaffen fachlicher Expertise, Strategieentwicklung, Abstimmungen im Gremium und Informationssichtung ist im Nacken stets der heiße Atem der Belegschaft zu spüren, die auf Ergebnisse und Lösungen wartet. Damit es sportlich bleibt, sind meistens mehrere große Themen zeitgleich zu bearbeiten. Dazu kommt das übliche Alltagsgeschäft, von Anfragen zur Neuregelung der Altersteilzeit bis zu kollektivvertraglichen Bestimmungen über Zuschläge. Zwischendurch ruft ein Jungvater am Rande der Verzweiflung an, weil seine Karenz demnächst endet, aber bei aller Anstrengung kein Kinderbetreuungsplatz aufzutreiben ist.
Während die einen Kolleg:innen auf Antworten zu den großen Fragen warten, würden andere gerne wissen, warum der Betriebsausflug noch nicht ausgeschrieben ist, warum der Snackautomat seit drei Wochen ungefüllt bleibt und warum der Kaffee aus dem Automaten plötzlich ungenießbar ist. Glockenhell herauszuhören: Was tut der Betriebsrat eigentlich den lieben langen Tag? Der fragt sich Stunden später: Was blieb vom langen Tag?
Nicht freigestellte Betriebsrät:innen üben sich im täglichen Spagat zwischen Arbeitsaufgaben und Einsatz für die Belegschaft, leisten objektiv Großartiges. Und zu dem Ganzen nagen subjektiv die Zweifel, ob allen und allem Genüge getan wurde. Auch das belastet.
Belastung Betriebsrat
Wenn wir über beanspruchende Berufe und Tätigkeiten sprechen, kommen Betriebsrät:innen nicht vor. Übrigens auch nicht, wenn von Ehrenämtern die Rede ist. Wir müssen das – wieder einmal – selber lösen. Manche Gewerkschaften bieten bereits Supervision an, nicht immer sind die Plätze ausgebucht. Ein häufig genannter Grund für die Nicht-Teilnahme ist – ja, richtig geraten – Zeitmangel. Belasteten Kolleg:innen raten wir selbstverständlich, sich zurückzunehmen, auf sich zu schauen, nicht permanent verfügbar zu sein, die eigenen Bedürfnisse wahr- und ernst zu nehmen. Dabei vergisst man oftmals auf sich selbst. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, sich vor einen Spiegel zu stellen und der aufopfernden Person, die herausschaut, genau das mitzuteilen.
Es wird zu wenig „gehackelt”?
📈 Die Daten sprechen eine andere Sprache. In Österreich steigt die Produktivität, während gleichzeitig mehr und länger gearbeitet wird.
Wie hoch der Druck in vielen Betrieben ist und warum Beschäftigte gerade jetzt starke Betriebsrät:innen brauchen. ⬇️
— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 15. September 2026 um 18:00
Auch dem Gesetzgeber gilt es etwas zu sagen: Es ist höchst an der Zeit, die Regelung für Freistellungen von Betriebsrät:innen anzupassen. Er setzt die Schwelle für eine zweite Freistellung mit 700 Beschäftigten viel zu hoch an. Er muss auch Teilfreistellungen ermöglichen und den Anspruch auf administrative Assistenz klarer regeln.