Südkorea: Weltweit erster Streik gegen humanoide Roboter

Drei Männer bei einem Streik in Südkorea. Sie halten eine Faust in die Luft. Symbolbild für den Streik gegen Roboter.
Wer entscheidet darüber, wie neue Technologien eingesetzt werden? Im Hyundai-Werk in Südkorea kam es zum wohl ersten Streik gegen Roboter. | © APA-Images/AFP/JUNG YEON-JE
Erstmals verhandeln Kollektivvertragspartner in Südkorea über Regelungen zum Einsatz humanoider Roboter in der Produktion. Dem vorangegangen war ein massiver Streik der Hyundai-Arbeiter:innen.
Atlas ist 1,90 Meter groß, wiegt 90 Kilogramm und wuchtet bis zu 50 Kilogramm durch Fabriken. Mehr noch: Im Hyundai Motor-Werk im südkoreanischen Ulsan treibt er seine vermeintlichen Kolleg:innen auf die Barrikaden.

Der humanoide Roboter hat zweifellos beeindruckende Fähigkeiten. Er ist digital mit der Produktionssoftware der Fertigungshalle verbunden und kann Signale aus seiner Umwelt wahrnehmen, um daraus selbständig zu lernen und das Erlernte in sein Handeln zu integrieren. Laut Hersteller soll er binnen eines Tages neue Aufgaben erlernen können. Hüfte, Taille, Nacken und sämtliche Extremitäten lassen sich um 360 Grad drehen. Weltbekannt wurde Atlas spätestens, als er bei der FIFA WM in den USA vor 80.000 Stadion-Besucher:innen Torjubel bekannter Fußballstars aufführte und anschließend dem Schiedsrichter den Spielball überreichte.

Menschliches, Allzumenschliches

Die Beschäftigten im Hyundai-Werk Ulsan sehen durch die ausgeprägten Fähigkeiten des Roboters ihre Arbeitsplätze bedroht. Wohl nicht zu Unrecht, bereits im Mai kündigte Hyundai an, in den kommenden Jahren weltweit 25.000 solcher Atlas-Roboter in der Produktion einsetzen zu wollen. Laut Expert:innen ist Atlas einer der kognitiv und körperlich mächtigsten seiner Art.

Bei den alljährlichen Lohnverhandlungen forderte die südkoreanische Gewerkschaft der Metaller (KMWU) daher Beschäftigungsgarantien und klare Regeln für den Einsatz von KI und Robotern. Bis eine solche Vereinbarung unterzeichnet ist, solle kein Roboter die Werkshalle von Hyundai betreten, so die Gewerkschaft.

Hyundai nur der Anfang?

Nachdem Verhandlungsrunde um Verhandlungsrunde scheiterte, legten die Hyundai-Arbeiter:innen Mitte Juli zwei Stunden vor Schichtende die Arbeit nieder. 87 Prozent der Beschäftigten stimmten für den Streik. An insgesamt neun Juli-Tagen standen die Räder im Hyundai-Werk für einige Stunden still, weitere Eskalationsschritte folgten im August. Laut dem Branchenmagazin Forbes handelt es sich dabei um den weltweit ersten Streik von Menschen gegen den Einsatz von Humanoiden.

Das deutsche Handelsblatt sieht im Konflikt in Ulsan „einen Vorgriff auf eine Auseinandersetzung, die der ganzen Branche bevorsteht“. Hyundai ist bis dato das einzige Industrieunternehmen, das im großen Stil humanoide Roboter einsetzt. Doch viele andere Hersteller, etwa BMW, Mercedes, Toyota oder Tesla, planen ähnliche Schritte.

Humanoide Roboter tragen Pakete durch eine Arbeitshalle.
Hyundai will humanoide Maschinen vor allem in der Produktion nutzen. | © Adobe Stock/Gorodenkoff

Neue Technik, alte Muster

Drohen in Österreich ähnliche Auseinandersetzungen? Der Einsatz humanoider Roboter in der Produktion ist in Österreich, in Europa allgemein, viel weniger Thema als es medial vielleicht den Anschein hat, betont Patrick Bauer, Fachexperte in der Gewerkschaft PRO-GE. Einerseits sind die rechtlichen Bestimmungen in Europa, insbesondere durch den „AI-Act“ der EU, strenger. Andererseits seien humanoide Roboter in der Produktion längst nicht so effizient, wie sie vielleicht von einer gut geölten Marketingmaschinerie präsentiert werden, so Bauer.

Herkömmliche Roboter übernehmen in Fabriken meist einzelne, hochspezialisierte Arbeitsschritte – und sind dabei oftmals deutlich effizienter als Menschen. „Aber man darf nicht glauben, da kommt jetzt die eine Technologie, die einen Menschen komplett ersetzt und uns allen die Jobs wegnimmt“, so Bauer.

In der Gewerkschaft PRO-GE ist die Sorge um den Einsatz humanoider Roboter daher eher gering. Dort, wo sie eingesetzt werden, unterscheidet sich die Auseinandersetzung wenig von den großen Fragen der technologischen Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte: Lässt sich die Effizienzsteigerung in eine Arbeitszeitverkürzung übersetzen? Welche Rolle können Umschulungen und Weiterbildungen spielen? Was bedeutet es für die Identität und das Selbstwertgefühl von Menschen, deren Arbeitsplätze infolge von Automatisierungsschritten verloren gehen?

Starker Organisationsgrad

Begünstigt wurde der Streik in Ulsan durch zwei Faktoren: Nahezu sämtliche Produktionsmitarbeiter:innen sind gewerkschaftlich organisiert. Und eine kürzlich in Kraft getretene Gesetzesnovelle erlaubt es koreanischen Lohnabhängigen unternehmerische Entscheidungen zu bestreiken, wenn diese ihre Arbeitsbedingungen verändern.

👩‍💻 Mitte Juni zwang die US-Regierung Anthropic, die Modelle Fable 5 und Mythos 5 für Nicht-US-Bürger:innen zu sperren. Über Nacht waren sie für europäische Nutzer:innen nicht mehr verfügbar.

Dieser Fall zeigt ein grundlegendes Problem: 80 % unserer digitalen Technologien stammen aus dem Ausland.

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— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 30. Juni 2026 um 19:00

Ende August – und nach insgesamt 120 Stunden Produktionsstopp – einigten sich Werksbetreiber:innen und Lohnabhängige in Ulsan auf ein Lohnplus von 100.000 Won (ca. 64 Euro) im Monat sowie höhere Boni für Nacht- und Schichtarbeiten. Eine Klausel, die Menschen den Vorzug vor Robotern gibt, schaffte es nicht in die Einigung.

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Über den/die Autor:in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.

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