Arbeit&Wirtschaft: Die Sommersaison startet. Tourismus ist wichtig für die österreichische Volkswirtschaft, aber auch eine Belastung für Umwelt, Einheimische und die Beschäftigten in der Branche. Wie viel Tourismus muss sein?
Eva Eberhart: Das Phänomen Massentourismus betrifft in erster Linie Länder im Süden, wie etwa Spanien, aber auch hier in Österreich bemerken wir es, zum Beispiel in Salzburg oder Hallstatt. Am Anfang steht die Frage: Ab wann ist Tourismus „Overtourism“, also ab wann ist es zu viel? Während der Corona-Lockdowns konnte man einige Städte in Österreich zum ersten Mal ohne Tausende von Tourist:innen, überlastete Mitarbeiter:innen und das immense Verkehrsaufkommen sehen. Vor allem im Wintertourismus, wo Österreich ebenfalls Spitzen erlebt, werden wir in den kommenden Jahren wegen des Klimawandels auf neue Konzepte angewiesen sein.
Robert Steiger: „Overtourism“ muss man aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten: aus jener der Tourist:innen selbst, der Einheimischen und der Arbeitnehmer:innen. Es ist schwer bis unmöglich, hier wirklich akzeptable Grenzen zu definieren. Das hängt stark vom jeweiligen Ort und von der Art der Gäst:innen ab. Tourismus ist immer eine Managementfrage. Wie viel öffentlichen Raum nehmen die Gäst:innen ein? Am Beispiel Hallstatt sieht man gut, dass das zentrale Problem das Eindringen in die Privatsphäre ist.
Den Verantwortlichen in Hallstatt sind teils auch die Hände gebunden. Gibt es internationale Vorbilder, die Massentourismus gut bewältigen und steuern?
Eberhart: Mit Blick ins Ausland ist die entscheidende Frage, inwieweit sich das managen lässt. In Barcelona haben die Leute gestreikt und große Demonstrationen veranstaltet. Auch in Orten wie Kitzbühel können sich die Beschäftigten in Hotellerie und Gastronomie teilweise keine Wohnung an ihrem Arbeitsort leisten, und auch die Preise in den Supermärkten sind extrem hoch. Massentouristische Gegenden sind teilweise kaum noch bewohnbar.
Overtourism muss man aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten: aus jener der Tourist:innen selbst, der Einheimischen und der Arbeitnehmer:innen.
Robert Steiger, Volkswirt und assoziierter Professor
An welchen Stellschrauben können Gemeinden drehen, um mit Massen von Gäst:innen umzugehen?
Steiger: Indem sie zum Beispiel Wohnraum für Ortsansässige schaffen. In einigen österreichischen Gemeinden gibt es Programme dafür, zum Teil unterstützt durch die Bundesländer. Dann sollten wir über alle möglichen Arten von Bepreisungen nachdenken, mit denen man eine zu hohe Nachfrage regulieren kann. Der Parkplatz an der Bergbahn kann etwa fünf oder zehn Euro kosten, einer außerhalb ist gratis, ein Shuttlebus fährt zum Skigebiet. Dadurch entzerrt man den Verkehr, und mit den Einnahmen kann der öffentliche Nahverkehr gestärkt werden. Im Ötztal gibt es etwa so ein Projekt. Davon hat dann die einheimische Bevölkerung etwas.
Ganz generell hängt die Wahrnehmung von Tourismus davon ab, welchen Nutzen die Menschen vor Ort davon haben. Ein Ziel müsste daher immer sein, möglichst viele Ortsansässige zu involvieren. Das hängt dann mit dem Lohnniveau zusammen: Ist das ausreichend hoch, damit man Ortsansässige für den Tourismus gewinnen kann? Dafür braucht es wiederum eine hohe Wertschöpfung durch die Gäst:innen, um höhere Löhne zahlen zu können.
Eberhart: Wir als Gewerkschaft wissen, dass selbst wenn die Wertschöpfung steigt, die Reallöhne oftmals leider nicht höher werden.

Tourismus wird immer als wichtiger Konjunkturmotor für Österreich dargestellt. Während aber laut WIFO-Analysen die Zahl der Ankünfte und Nächtigungen steigt, nimmt die reale Wertschöpfung in Beherbergung und Gastronomie stärker ab, als es dem generellen Wirtschaftsabschwung entsprechen würde.
Steiger: Genau, Österreich braucht nicht mehr Gäst:innen, sondern mehr Wertschöpfung pro Tourist:in – Qualität statt Quantität. Die Frage ist: Wie schafft man es, dass Gäst:innen mehr Geld ausgeben? Und da wandert der Blick in Richtung Fernmärkte. Vor allem bei Gäst:innen aus den USA, Indien oder China besteht Potenzial, wobei man aus Klimasicht sagen muss, dass eine Anreise aus Asien oder den USA um ein Vielfaches mehr CO2-Emissionen verursacht als aus bestehenden Herkunftsmärkten wie Deutschland oder Italien. Die Schäden müsste man gegenrechnen mit höheren Tagesausgaben. Da muss man genauer hinschauen, um wie viel mehr Wertschöpfung solche Märkte wirklich bieten.
Eberhart: Regelmäßig werden Rekordumsätze in Hotellerie und Gastronomie betont, Tourismus ist der größte Export-Dienstleistungssektor in Österreich. Doch die Arbeitsbedingungen sind nicht besonders gut. Die Beschäftigten bleiben im Schnitt nur 33 Monate in der Branche, im Vergleich zu 73 Monaten im Durchschnitt aller Branchen. Durch die Ausweitung der Rot-Weiß-Rot-Karte soll jetzt Arbeitnehmer:innen aus Drittstaaten der Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt erleichtert werden. Aber wenn der Tourismus Arbeitskräfte braucht, sind bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung notwendig.
Was hören Sie über die Arbeitsrealität von Beschäftigten?
Eberhart: Sie klagen, dass der Verdienst sehr niedrig und der psychische und physische Druck enorm hoch ist. Die Arbeitszeiten erlauben kaum ein Familienleben oder eine Work-Life-Balance, man arbeitet oft abends und am Wochenende, muss flexibel sein und einspringen, wenn jemand krankheitsbedingt ausfällt. Kellner:innen tragen schnell mal bis zu sieben Krüge Bier auf einmal, mit einer Hand – das ist nicht nur auf Dauer extrem schwer, sondern geht auf Hüften, Knie und den Oberkörper. Und am Ende des Tages können sich die meisten dann mit dem Lohn nicht mal ein einfaches Leben leisten. Die Tourismusbranche hat den niedrigsten mittleren Jahresverdienst, 2023 waren es rund 15.200 Euro brutto im Jahr!
Steiger: Und zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Manche Tourismusgemeinden haben es geschafft, die Öffnungszeiten der Kindergärten zu verlängern. Große Hotelbetriebe haben zum Teil eine eigene Kinderbetreuung für die Mitarbeitenden, aber das können sich auch nur große Häuser leisten, wo das über eine höhere Zahlungsbereitschaft von den Gäst:innen querfinanziert wird. Das schafft ein Familienbetrieb im Drei-Sterne-Bereich nicht.
Eberhart: Kürzlich hat mir ein Arbeitnehmer aus Ischgl erzählt, er habe jetzt den besten Job, weil er in einem Bergrestaurant arbeitet und die letzte Seilbahn um 17:00 Uhr runter ins Tal fährt – so hat er dann immer um die Zeit Feierabend. Und er hat gesagt, er habe die beste Dienstwohnung, weil er ein 11-Quadratmeter-Zimmer für sich alleine hat. Früher war er zu zweit, zu dritt im Zimmer. Das ist die Arbeitsrealität vieler Menschen.
Wie wäre ein so dringend nötiger Paradigmenwechsel im österreichischen Tourismus möglich?
Steiger: Es braucht eine politische Vision: Wo will Österreich hin in Sachen Tourismus? Dann gilt es, Akteur:innen mit Entscheidungsmacht in die Pflicht zu nehmen. Wir sagen seit 20, 30 Jahren, der Tourismus und die Gesellschaft müssen nachhaltiger werden, und wir sehen jetzt immer mehr Orte, die sich um das österreichische Umweltzeichen für Destinationen bewerben. „Paradigmenwechsel“ ist ein großes Wort, aber wir beobachten Schritte in die richtige Richtung.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf den Wintertourismus aus?
Steiger: Einige Skigebiete könnten wegfallen, was bedeuten würde, dass sich bei stabiler Nachfrage die gleiche Anzahl von Gäst:innen auf weniger Destinationen aufteilt. Das kann Probleme in Richtung „Overtourism“ verstärken. Für die verbliebenen Destinationen stellt sich die Frage: Wie geht man mit dem Nachfragezuwachs um? Baut man Kapazitäten aus, um mehr Gäst:innen aufnehmen zu können, oder versucht man, die gesteigerte Nachfrage über höhere Preise abzufedern, was wieder auch die Einheimischen treffen kann.
Eberhart: Kürzlich wurde der Österreichische Innovationspreis Tourismus verliehen, ich war Teil der Fachjury. Hotels bewarben sich mit ihren modernen Energiekonzepten oder ihrem Bio-Speiseplan. Nur ein einziges Hotel hat Nachhaltigkeit auch als soziale Nachhaltigkeit und nicht nur als ökologische Innovation betrachtet. Dieses Hotel beteiligt die Mitarbeiter:innen am Gewinn, beschäftigt vorwiegend Personal aus der Region, beliefert einen nahe gelegenen Kindergarten mit Mittagessen und vieles mehr. Sie haben den zweiten Preis gewonnen. Soziale Nachhaltigkeit, also der Mensch, bleibt im Gegensatz zum Profit leider oft auf der Strecke.
Welche Rolle spielt denn Nachhaltigkeit generell bei der Wahl des Urlaubsziels? Inwieweit berücksichtigen Gäst:innen solche Siegel?
Steiger: Das spielt für 40 bis 60 Prozent der Befragten eine Rolle, so suggerieren es zumindest Umfragen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass es letztendlich nicht das Hauptentscheidungskriterium ist, weshalb Gäst:innen einen Betrieb oder eine Destination wählen. Viele wollen nicht mehr Geld für Nachhaltigkeit ausgeben. Im Tourismus sind Produkte leicht austauschbar. Stehen aber zwei ähnliche Unterkünfte oder Destinationen zur Wahl, dann kann Nachhaltigkeit der ausschlaggebende Wettbewerbsvorteil sein. Generell sind solche Vorlieben nichts, was sich in zwei, drei Jahren ändert, das braucht Generationen. Die jüngere Bevölkerung legt schon mehr Wert darauf, das heißt, es wird den Markt langsam, über Jahre hinweg verändern.
Die Arbeitszeiten erlauben kaum ein Familienleben oder eine Work-Life-Balance, man arbeitet oft abends und am Wochenende, muss flexibel sein und einspringen, wenn jemand krankheitsbedingt ausfällt.
Eva Eberhart, Gewerkschaft vida
Die Gewerkschaft vida hat im Zuge der Kollektivvertragsverhandlungen ein Siegel vorgeschlagen, mit dem redliche Betriebe ausgezeichnet werden sollen. Warum braucht es das?
Eberhart: Wir beobachten Betriebe, die Mitarbeitende falsch, zu spät oder gar nicht anmelden. Überstunden, Weihnachts- oder Urlaubsgeld werden oft nicht ausbezahlt. Uns sind Arbeitsverträge untergekommen, in denen steht, Beschäftigte sollen 60 Stunden pro Woche arbeiten und dafür 1.680 Euro brutto im Monat bekommen. Auch bei der Rot-Weiß-Rot-Karte ist das ein Thema: Mitarbeiter:innen aus China, Bangladesch, Nepal oder der Türkei wissen oft nicht, dass überhaupt ein KV existiert bzw. was eine Gewerkschaft und was die Arbeiterkammer ist. Das nutzen Arbeitgeber:innen aus. Außerdem arbeiten viele mit manipulierten Registrierkassen. Auch das sogenannte „Zwischenparken“ von Arbeitnehmer:innen beim AMS ist ein großes Problem: Da, wo es möglich ist, sollten Betriebe in den Ganzjahresbetrieb wechseln. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Mitarbeiter:innen außerhalb der Saison in Weiterbildungen zu schicken – Sprachkenntnisse sind beispielsweise im Tourismus sehr nützlich. Wir wollen ein Gütesiegel für jene Betriebe, die Vorbilder für die ganze Branche sind, indem sie gute Arbeitsbedingungen schaffen.
🏔️ Vor 40 Jahren warb Hallstatt aktiv um Besucher:innen. Heute kommen täglich bis zu 12.000 Tourist:innen und die Gemeinde weiß nicht mehr, wie sie die Massen loswerden soll.
— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 25. Juni 2026 um 16:01
Eine Maßnahme gegen Abgaben- und Sozialbetrug also. Wie findet man die redlichen Betriebe?
Eberhart: Wir haben da ein ziemlich gutes Kontrollsystem, das heißt Betriebsrat. Durch die Betriebsräte haben wir Einblick in die realen Arbeitsbedingungen, in die Dienstpläne, in Abrechnungen, wir können erfahren, ob Ruhezeiten eingehalten werden, ob es eine Betriebsvereinbarung gibt. Gute Arbeitsbedingungen sind eine Anerkennung der Mitarbeitenden, aber auch der Gäst:innen. Und Letztere merken, ob es eine hohe Personalfluktuation gibt oder nicht. Mitarbeitende und ihre Zufriedenheit tragen wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg im Tourismus bei.