Arbeit&Wirtschaft: Welche Folgen hatte der Ausbruch des Iran-Kriegs für Österreich?
Johannes Wahlmüller: Als der Krieg im Frühjahr begann, waren die Folgen schwer abzuschätzen, weil unklar war, wie sich der Krieg weiterentwickeln würde. Wir haben vor allem Anstiege der Energiepreise beobachtet, allerdings keine Versorgungsengpässe – ansonsten wären die Preise deutlich stärker gestiegen. Auf dem Gasmarkt haben wir die Effekte anfangs gedämpft gesehen, weil die Heizperiode bei Kriegsbeginn vorbei war. Im Winter wäre das anders gewesen. Je länger solche Konflikte anhalten, desto teurer werden viele Lebensbereiche und wir als Gesellschaft werden ärmer.
Wie sieht es in anderen Regionen aus?
Die Auswirkungen sind global betrachtet massiv. Laut UN-Schätzungen sind Millionen Menschen in Armut gestürzt worden oder von Hunger bedroht. Es besteht die Gefahr, dass landwirtschaftliche Erträge wegen fehlendem Dünger sinken, der zu einem großen Teil über die Straße von Hormus transportiert wurde. In vielen Regionen ging es kurz nach Kriegsausbruch um die grundlegende Versorgung und teilweise wirklich ums nackte Überleben. Asien ist besonders betroffen, weil die Öllieferungen hauptsächlich dorthin gingen. In einigen Ländern wurden Maßnahmen gesetzt, wie verkürzte Arbeitswochen oder die Schließung von Betrieben, die auf Gas angewiesen sind. Es kam zu Rationierungen und stark steigenden Preisen. Die Lage verschärfte sich massiv, auch weil es dort an sozialen Sicherungssystemen fehlt.

Welche Lehren müssen wir aus dieser Krise ziehen?
Für uns ist das ein Weckruf. Wir hätten in Österreich schon längst die Möglichkeit gehabt, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren und sie durch erneuerbare zu ersetzen. Schon 2011 stellte das damalige Energieministerium fest, dass wir nicht mehr so stark von russischem Gas abhängig sein wollen. Trotzdem ist diese Abhängigkeit in den Folgejahren sogar auf rund 80 Prozent gestiegen. Auch nach der Energiekrise 2022 wurde über eine Diversifizierung der Gaslieferungen gesprochen, tatsächlich wurde aber oft nur eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzt, etwa durch mehr LNG-Importe aus den USA oder Katar. 2022 veröffentlichte die Energieagentur einen Fahrplan, wie Österreich bis 2027 von russischen Gaslieferungen unabhängig werden könnte. Darin sind viele Maßnahmen enthalten, die bisher entweder nicht umgesetzt oder abgeschwächt wurden. Die Förderungen in diesem Bereich wurden zudem massiv reduziert. Ein Erneuerbares-Gas-Gesetz wurde bislang nicht beschlossen, ebenso wenig ein verbindlicher Tausch von Gasheizungen. Auch Effizienzmaßnahmen werden nur sehr unzureichend umgesetzt.
Was muss nun am dringendsten passieren?
Wir müssen trotz knapper Budgets gezielt in die Energiewende investieren. Dazu gehören thermische Sanierung, der Heizkesseltausch und der Ausbau von Förderungen und Finanzierungsmodellen.
Gerade angesichts knapper Budgets stellt sich die Frage, wie sich diese Investitionen finanzieren lassen.
Hier gibt es einige Möglichkeiten, etwa durch den Abbau umweltschädlicher Subventionen, die in Österreich rund 5,7 Milliarden Euro ausmachen. Ein Solidaritätsbeitrag auf die Gewinne fossiler Unternehmen wäre vorstellbar, denn diese Konzerne erzielen Gewinne auf Kosten unserer Zukunft. Die OMV hat beispielsweise im vergangenen Jahr 4,6 Milliarden Euro Gewinn gemacht.
Auch teure Infrastrukturprojekte könnten hinterfragt werden, etwa der Lobautunnel, der rund 2,7 Milliarden Euro kostet. Er ist zwar im ASFINAG-Budget enthalten, aber wenn sich diese weniger verschuldet, könnte sie höhere Dividenden an die Republik auszahlen. Auch vermögensbezogene Abgaben könnten eine größere Rolle spielen. Es gibt viele Ansätze, auch in Zeiten knapper Budgets Spielräume zu schaffen, um die Energiewende umzusetzen.
Wir hätten die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern in Österreich schon längst reduzieren können.
Johannes Wahlmüller, GLOBAL-2000-Energiesprecher
Die Energiewende und die damit einhergehende Abkehr von fossilen Importen locken auch mit dem Versprechen der Unabhängigkeit von autoritären Regimen und der geopolitischen Lage. Derzeit importieren wir allerdings Solarpaneele aus China. Wie passt das zusammen?
Bei erneuerbaren Technologien gibt es ebenfalls Abhängigkeiten, etwa bei der genannten Produktion von Photovoltaikmodulen. Das ist auch ein Versäumnis der früheren Energiepolitik, weil Produktionskapazitäten nicht ausreichend in Europa gehalten wurden. Trotzdem kann man auch heute noch gegensteuern und bestimmte Teile der Wertschöpfung wieder nach Europa holen. Und wenn etwa eine Photovoltaikanlage installiert ist – auch wenn die Module aus China stammen –, kommen andere Komponenten wie Wechselrichter oft aus Österreich, und Montage sowie Betrieb schaffen regionale Wertschöpfung. Am Ende steht eine Anlage, die jahrzehntelang Energie liefert, ohne dass laufende Zahlungen für fossile Importe anfallen.
Österreich liegt mit seinem Anteil an erneuerbaren Energien mit etwas mehr als 40 Prozent über dem EU-Schnitt. Sind wir damit nicht schon gut dabei?
Ja und nein. Österreich liegt auf Platz sechs hinter Ländern wie Schweden, Finnland und Dänemark. Doch das Problem ist das Tempo: In den vergangenen Jahren ist der Anteil nur um etwa 1,5 Prozent pro Jahr gestiegen. So würde es etwa 40 Jahre dauern, bis das Energiesystem vollständig umgestellt ist. Das Ziel der Bundesregierung ist jedoch 2040. Dafür müsste sich das Tempo mehr als verdoppeln. Das kann nur durch den Ausbau erneuerbarer Energien, aber auch durch mehr Energieeffizienz und Energiesparen erreicht werden, denn die sauberste Kilowattstunde ist jene, die gar nicht verbraucht wird.
Manche Industriebetriebe warnen vor Wettbewerbsnachteilen durch die Energiewende. Wie kann eine Transformation gelingen, ohne Arbeitsplätze und industrielle Wertschöpfung zu gefährden?
Der Umbau bringt Veränderungen. Allerdings ist der Wandel, der sich durch Klima- und Energiewendeziele ergibt, wahrscheinlich sogar kleiner als jener, der durch Automatisierung und künstliche Intelligenz ohnehin bereits stattfindet. Studien zeigen zudem, dass in Österreich durch gezielte Investitionen rund 100.000 neue Arbeitsplätze entstehen könnten, etwa in den Bereichen erneuerbare Energie, Sanierung und öffentlicher Verkehr. Für die Industrie ist zudem eine stabile Energiebasis wichtig, damit die Energiewende geschafft werden kann. Gleichzeitig würden enorme Geldabflüsse für Importe fossiler Energieträger entfallen, allein in Österreich sind das rund 10 Milliarden Euro jährlich. Diese können dann regional zirkulieren und die heimische Wirtschaft stärken.
Welche Rolle können Betriebsrät:innen bei diesem Transformationsprozess spielen?
Sie können gezielt nach Resilienzstrategien im Unternehmen fragen – etwa, ob ein Betrieb eine Energiestrategie hat und ob er gegen Preisschocks abgesichert ist. Betriebe sollten prüfen, ob ausreichend in Energieeffizienz investiert wurde, da sich diese Maßnahmen meist gut rechnen – wenn auch nicht immer sofort. Außerdem stellt sich die Frage, ob erneuerbare Potenziale am Standort genutzt werden, etwa Photovoltaik, oder ob man sich an regionalen Energieprojekten beteiligt.
Wie kann man da Beschäftigte miteinbeziehen?
Betriebe sollten gemeinsam mit ihnen Umstellungsprozesse gestalten, denn diese bedeuten oft neue Anforderungen, etwa wenn fossile Prozesse durch erneuerbare ersetzt werden. Die Menschen dabei mitzunehmen ist sowohl eine staatliche als auch eine betriebliche Aufgabe. Und Firmen können auch durch E-Fuhrparks oder Mobilitätsangebote wie Jobtickets einen Beitrag zur Energiewende leisten und gleichzeitig die Geldbörse der Beschäftigten entlasten.
🌱 Wir bringen Klima- & Naturschutz zusammen!
GLOBAL 2000 & WWF zeigen: Österreich wird bis 2040 klimaneutral und exportiert bis 2050 grünen Strom, wenn wir die Energiewende naturverträglich umsetzen.Jetzt setzen wir Rahmenbedingungen, damit Klimaziele & Artenvielfalt Hand in Hand gehen.
— GLOBAL 2000 (@global2000.bsky.social) 10. Oktober 2025 um 09:42
In den vergangenen Jahren ist die Energiearmut in Österreich gestiegen. Laut einer Studie der Arbeiterkammer war im Jahr 2024 fast jeder achte Haushalt in Österreich davon betroffen. Was braucht es hier?
Die steigende Energiearmut ist besorgniserregend. Viele Menschen können sich keine warme Wohnung mehr leisten. Ein zentraler Hebel wäre die thermische Sanierung von Gebäuden. Gerade in alten Mietwohnungen fehlt dafür jedoch oft das Geld. Weiters braucht es klare Rahmenbedingungen für den Umstieg auf klimafreundliche Wärmesysteme. Insgesamt sind klare Gesetze und stärkere staatliche Unterstützung notwendig, sonst verschärfen sich soziale Ungleichheiten weiter.