Sperrstund’ im Bad
5/8erl in Ehr’n, das sind groovige Rhythmen, gezupfte Gitarre und Kontrabass, Texte mit Wiener Schmäh: „Let’s chill, gib’ da die Ehre, anstatt dass’d unnötig stresst“, heißt es etwa dazu passend im Track „Siasse Tschick“ aus dem Jahr 2010, einem ihrer bekanntesten Lieder. Ort des Interviews mit den Musiker:innen ist das weitläufige Freibad Gänsehäufel an der Alten Donau in der Bundeshauptstadt, ein Bad mit Charme und Geschichte. Es passt zur Band. Und: Die Wiener Bäder verwenden seit 2017 den Song „Badeschluss“ von 5/8erl in Ehr’n als Rausschmeißer. Jeden Abend wird den Badegästen damit auf melodische Weise nähergebracht, sie mögen sich dann bitte einmal schleichen: „Badeschluss, es is vorbei. Wo da Tog die Nacht begrüßt.“

Wie es zu diesem Einsatz des Liedes kam, berichtet Gitarristin Miki Liebermann, mittlerweile zurückgelehnt im Sessel, mit einem Seidl in der Hand und der Sonne im Gesicht: „Ich bin ein Fan der städtischen Freibäder und nutze die gerne. Einmal dachte ich mir, es ist fad, wenn es nur ding-dong macht und eine Stimme dann den Badeschluss verkündet. Da haben wir uns gedacht …“ „Du hast dort angerufen!“, wirft Band-Kollege und Sänger Max Gaier grinsend ein. „Ja, stimmt, ich hab angerufen“, erwidert Liebermann und lacht. „Und die Leute der Wiener Bäder haben gefragt: ‚Na ja, wollt ihr eine g’scheite Musik dafür machen?‘ Und ich habe gesagt: ‚Ja, das können wir liefern!‘“
Den Song gab es sogar schon, man musste ihn nur auf eine Zwei-Minuten-Version kürzen. „Als ich ihn das erste Mal im Einsatz gehört habe, bin ich gerade dort drüben, gegenüber vom Gänsehäufel, spazieren gegangen und total erschrocken“, erinnert sich Liebermann. „Der erste Gedanke war: ‚Scheiße, ich hab einen Gig von uns verpennt!‘“
Arbeit in der Musik
Neben Gaier und Liebermann sind noch Bobby Slivovsky (Gesang), Clemens Wenger (Piano, Akkordeon) und Hanibal Scheutz (Bass) Teil der 5/8erl in Ehr’n. Wer jetzt glaubt, es handelt sich um fünf Gute-Laune-Musiker:innen, die nur am Donaustrand liegen wollen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, der irrt gewaltig: Wer hinhört bei ihren Texten, der bekommt schnell ihren kritischen Blick auf die Gesellschaft mit. Der Track „Arbeit 2.0“ aus dem aktuellen Album „Burn On!“ (2025) etwa widmet sich dem Joballtag heutzutage: „40 Stund oder a mehr – des Geldbörserl sagt: Ich lobe dich heute so sehr sehr – mehr, mehr“, heißt es da ironisch im Refrain. Und beim Höhepunkt gegen Ende des Liedes wechselt die Erzählung in die Perspektive von Superreichen: „Bitcoinbörserl, Dachgeschoss, vierte Villa, Dividenden, ganze Insel, Yacht im Hafen, schönes Wetter, keine Steuern.“

Ironie und Humor als Rettung
Ironie ist in den Songtexten der Wiener Band immer wieder präsent. Hilft das auch, um mit schwierigen Entwicklungen umzugehen? „Humor ist ein Retter in der Not“, betont Liebermann. „Wenn’s einem dreckig geht, hilft Humor. Der schafft auch eine gewisse Distanz zu Dingen.“
Wie politisch schätzen sich die zwei der fünf Achterl selbst ein? „Also, ich glaube, wir können uns alle nicht aussuchen, ob wir das sind oder nicht“, betont Gaier. „Alles ist gewissermaßen politisch.“ Der Sänger sieht Politik als etwas, das nicht nur kleine Kreise in der Gesellschaft etwas angeht – und das sei auch gut so: „Sonst sind wir in einer Elitendebatte drinnen, im Sinne davon, dass politisch sein etwas voraussetzt, belesen zu sein oder etwas in die Richtung. Das fände ich falsch.“
Wenn’s einem dreckig geht, hilft Humor. Der schafft auch eine gewisse Distanz zu Dingen.
Miki Liebermann, Gitarristin
Beide Musiker:innen kommen nicht aus Künstler:innen-Familien, Gaiers Mutter war Volksschullehrerin, sein Vater hatte einen Job beim Arbeitsmarktservice. Soziale Themen beschäftigen ihn seit jeher. Liebermann wurde durch den Beruf ihrer Mutter geprägt, die Krankenpflegerin im Allgemeinen Krankenhaus in Wien war. „Ich bin im Spital quasi aufgewachsen. Nach der Schule ging ich oft dorthin essen, weil meine Mutter dort gearbeitet hat.“
Ist Kunst politisch?
Hat man in Zeiten von Rechtsruck und Angriffen auf die Demokratie als Künstler:in nicht sogar die Verantwortung, Stellung zu beziehen zu politischen Angelegenheiten? „Das finde ich schon. Wobei ich persönlich das nicht bei jedem Tagesthema machen muss, weil mir auch mal die Hintergrundinfos fehlen“, erklärt Liebermann. „Ich schaue mir lieber das große Ganze an. Und ich denke, in einer Demokratie kommt man auch nicht umhin, sich mit Politik zu beschäftigen – erst recht nicht, wenn man als Band mit gleichwertigen Mitgliedern Demokratie im Kleinen durchspielt.“
Die Band ist alles andere als eine One-(Wo)Man-Show, keine hierarchisch geprägte Zusammensetzung mit einer alles bestimmenden Rampensau mit Starallüren. Von Anfang an war es eine Gruppe, in der jede:r Input einbringen kann – und soll. „Das funktioniert so am besten“, sagt Liebermann. Gaier ergänzt: „Wir feiern dabei auch nicht die Gleichförmigkeit, sondern die Pluralität. Und Pluralismus bringt immer mehr.“ Konkret auf den Bandalltag umgemünzt ergänzt er dazu: „Es ergibt immer mehr Inhalt, von fünf Perspektiven auf etwas zu schauen als nur von einer. Wir sind alle kreative Geister.“ So entstehen Songs der 5/8erl in Ehr’n auf unterschiedliche Weise.
Wir feiern dabei auch nicht die Gleichförmigkeit, sondern die Pluralität. Und Pluralismus bringt immer mehr.
Max Gaier, Sänger
Geschickt haushalten
Und für die nichtmusikalischen Bereiche gibt es eine Aufgabenteilung: Liebermann kümmert sich etwa um die Finanzen, Gaier um den Online-Shop. Bewusst ist vieles in der Hand der Bandmitglieder. Nur beim Booking und in sehr intensiven Momenten hole man sich Unterstützung – in dem Fall von einer Agentur. Als österreichische Band muss man gut planen und wirtschaften. Der Musikkonsum passiert heute großteils auf Streamingplattformen wie Spotify, davon profitieren Künstler:innen aber meist kaum. Geld machen Bands wie 5/8erl in Ehr’n durch Konzertauftritte und Live-Tantiemen, also wenn sie selbst oder andere ihre Songs spielen.
Und das Merchandising, also der Verkauf von Platten, Band-T-Shirts etc., sei auch nicht zu unterschätzen, erklären die zwei. Man spüre, dass die Menschen generell im Zuge der Teuerungen weniger zum Ausgeben haben. Zum Glück hätten die 5/8erl in Ehr’n über die Jahre ein Publikum aufbauen können, das ihnen treu bleibt.

Jedes Bandmitglied hat nebenbei weitere Projekte – viele unterrichten in Schulen, auf Musikuniversitäten oder bei Workshops – so und mit 5/8erl in Ehr’n können alle von der Musik leben.
Liebermann, Gaier und Co wollen dabei die Kontrolle über die Gestaltung innehaben, etwa selbst entscheiden, in welchen Zyklen sie Alben aufnehmen. Das schaffen sie dadurch, dass sie ihre Musik auf ihrem eigenen Label Viennese Soulfood Records veröffentlichen.
Um zusammenbleiben zu können und dabei die Kreativität nicht zu verlieren, dafür benötige es nicht zuletzt viel Beziehungsarbeit. Dazu gehören Debatten und auch mal Auseinandersetzungen: „Dadurch bleiben wir auch frisch“, betont Gaier. Gitarristin Liebermann fügt hinzu: „Wir haben eine Kommunikationskultur entwickelt.“ Auch die 5/8erl in Ehr’n hätten über die 20 Jahre natürlich schon Hochs und Tiefs erlebt. „Man muss kapieren, dass es ein Projekt ist, das sich ständig weiterentwickelt.“
Mal bewusst ins Gras legen
Den eigenen Rhythmus bei der Kreativarbeit bestimmen zu können, helfe, zu Ergebnissen zu kommen. Um die zu erreichen, brauche es auch immer wieder Schaffenspausen – aus ihrer Sicht nicht nur im Kulturbereich: „Ich bin sehr für Effizienz, man muss nicht immer unnötig herumeiern, wenn man schnell etwas umsetzen kann“, so Liebermann. Manchmal brauche es aber auch das Nichtstun. „Regeneration ist extrem wichtig – auch um Abstand zu den Dingen zu haben, den großen Überblick zu behalten – und dass man weiß, wie man sich erholt.“
Liebermann berichtet, wie sie sich manchmal – wie fast alle Menschen heutzutage – durch das Smartphone vereinnahmen lässt. Oft glaube man, sofort auf Messages reagieren und immer online sein zu müssen. „Dabei kann ich mir auch sagen: Nein, ich gebe das Gerät weg und lege mich jetzt im Garten ins Gras und genieße die Blumen“, so Liebermann.

Wobei Bandkollege Gaier in Sachen Durchatmen argumentiert, dass es im besten Fall eine Art gesellschaftlichen Common Sense geben sollte, wie viel zu leisten ist – und wie man das am besten hinbekommt, nicht zuletzt in der Arbeitswelt: „Ich sehe da eine Schieflage: Regeneration als nächste Pflicht der Arbeitnehmer:innen. Die Arbeitnehmer:innen sollen sich wieder mal überlegen, wie sie sich gut erholen, damit sie noch besser und möglichst lang funktionieren können. Man könnte den Spieß umdrehen“, sagt der Sänger. Für ihn gehöre das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit im Sinne der Arbeitnehmer:innen neu ausverhandelt.
Acht Alben, sieben Amadeus-Awards und Hunderte Konzerte
Die eigene Balance scheinen die fünf jedenfalls gefunden zu haben. Seit über zwei Dekaden gelingt es, die 5/8erl in Ehr’n immer wieder neu zu erfinden: Acht Alben, sieben Amadeus-Awards und Hunderte Konzerte sind jedenfalls ein Erfolg, der für ihre Herangehensweise spricht. Die Gelassenheit, die Bodenhaftung, die Spitzfindigkeit bei politischen Kommentaren und der omnipräsente subtile Schmäh, die man in der Musik der „Achterl“ hört, vermitteln Liebermann und Gaier auch im Gespräch. Schnell verflogen war der Stress der Anreise. Als das Team von Arbeit&Wirtschaft seine Sachen packt, bleiben sie noch sitzen und nutzen die Gelegenheit, am Flussstrand miteinander weiterzuplaudern.
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Die Abendsonne über der Alten Donau, das sich langsam leerende Gänsehäufel: Gaier und Liebermann scheinen ganz in ihrem Element zu sein. Gäbe es keinen Badeschluss, würden sie wohl noch länger gemeinsam abhängen. Zumindest wird ihnen der Abschied dann mit einem Lied versüßt, das sie selbst komponiert haben: „Die Sunn war stark und ziemlich guat heit … Badeschluss, es ist vorbei …“, klingt es bald aus den Lautsprechern. Der nächste Badetag, der kommt bestimmt.