Strukturwandelbarometer: Wunsch auf Arbeitszeitverkürzung nimmt zu

Wunsch nach Arbeitszeitverkürzung in Österreich nimmt zu
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Obwohl die wirtschaftliche Lage 2021 bei einem großen Teil der österreichischen Betriebe beinahe das Vorkrisenniveau erreicht hat, sinkt die Arbeitszufriedenheit der Dienstnehmer:innen. Das zeigt der Strukturwandelbarometer des Instituts für Empirische Sozialforschung (IFES).
In der Wirtschaft geht es wieder aufwärts, das zeigen auch neueste Zahlen, die erst Mitte Februar veröffentlicht wurden. Im Auftrag der Arbeiterkammer Wien und des ÖGB wurde der Strukturwandelbarometer für das Jahr 2021 durch das IFES erhoben. Ende vergangenen Jahres sind österreichweit 1.389 Betriebsrät:innen zu Themen wie der wirtschaftlichen Lage der Betriebe, den zukünftigen Problemfeldern oder den Wünschen der Belegschaft nach einer Arbeitszeitverkürzung befragt worden.

Das Positive zuerst: Bereits 79 Prozent der Betriebe befinden sich in einer guten bis sehr guten wirtschaftlichen Lage. Sie sind wieder oder weiterhin auf einem Niveau wie vor der Krise. Branchen wie Sparten des Handels oder die Gastronomie konnten allerdings noch nicht wieder an die Zahlen von 2019 anschließen. Ein anderes gutes Signal ist die ökologische Nachhaltigkeit in den Betrieben, in denen es Betriebsrät:innen gibt. Knapp über die Hälfte dieser Unternehmen verbesserten sich in den vergangenen Jahren und wirtschaften nun umweltfreundlicher.

Die Führungskultur hat sich ebenfalls verschlechtert, und bei vier von zehn Betrieben müssen mehr Überstunden geleistet werden.

Stefan Friesenbichler, wissenschaftlicher Projektleiter der IFES-Studie

Doch in der Studie kommt nicht nur Erfreuliches vor. „Mehr als zwei Drittel der Betriebe gibt an, dass es beim Arbeitsdruck in den vergangenen zwei Jahren eine negative Entwicklung gegeben hat, und bei der Hälfte der Betriebe ist das Arbeitsklima schlechter geworden, seit wir mit der Pandemie leben müssen. Die Führungskultur hat sich ebenfalls verschlechtert, und bei vier von zehn Betrieben müssen mehr Überstunden geleistet werden“, sagt Stefan Friesenbichler, wissenschaftlicher Projektleiter der IFES-Studie.

Weniger Arbeitszeit wird gewünscht

Im Vergleich zur Vorjahresstudie steigt der Wert des Arbeitsdrucks steil an. Damals gaben 40 Prozent an, dass sie unter einem solchen leiden, dieses Jahr sind es 68 Prozent. „Die österreichischen Vollzeitarbeitskräfte arbeiten viel zu viel, wir sind hier im EU-Vergleich die Drittschlechtesten“, sagt Arbeitsrechtsexpertin Silvia Hruška-Frank von der AK Wien. Das Arbeitsklima und die Führungskultur sind weitere Punkte, die den Beschäftigten zusätzlich Sorgen bereiten. Die Hälfte der Befragten sieht ein schlechteres Klima in ihrem Unternehmen, als es vor der Krise der Fall war, und 40 Prozent sehen Mängel bei der Führungskultur.

Jeder vierte Betriebsrat und jede vierte Betriebsrätin verspürt in den jeweiligen Unternehmen einen starken Wunsch nach Arbeitszeitverkürzung.

Stefan Friesenbichler, wissenschaftlicher Projektleiter der IFES-Studie

„Jeder vierte Betriebsrat und jede vierte Betriebsrätin verspürt in den jeweiligen Unternehmen einen starken Wunsch nach Arbeitszeitverkürzung. Über alle Branchen hinweg, die wir untersucht haben, gibt es diese Wünsche. Allerdings ganz stark im Gesundheits-, Sozial- und Non-Profit-Bereich“, sagt Friesenbichler. Speziell in diesem Bereich herrscht oftmals Personalmangel, da die Bezahlung nicht gut ist und die Arbeitsbedingungen, besonders in der Pflege, mehr als verbesserungswürdig sind. Erschwerend kommt seit Corona dazu, dass die Beschäftigten dort unter noch deutlich erschwerten Verhältnissen ihre Arbeit machen müssen. Nur knapp dahinter folgen die Bereiche Chemie, Kunststoff und Pharma sowie Verkehr und Transport, in denen sich die Mitarbeiter:innen eine zeitliche Entlastung wünschen. „Alles, was wir hier hören, spricht für eine Vier-Tage-Woche. Es gibt ja bereits Unternehmen, in denen wir das haben und das wunderbar funktioniert. Der Arbeitsdruck geht dadurch runter und das Arbeitsklima rauf“, sagt der leitende Sekretär des ÖGB, Willi Mernyi.

Alles, was wir hier hören, spricht für eine Vier-Tage-Woche. Es gibt ja bereits Unternehmen, in denen wir das haben und das wunderbar funktioniert. Der Arbeitsdruck geht dadurch runter und das Arbeitsklima rauf.

Willi Mernyi, leitender Sekretär des ÖGB

„Kinderbetreuung liegt im Argen“

Laut Expert:innen würde eine Umstrukturierung möglich sein. Personen, die weniger arbeiten wollen, sollten das machen können, denn es gibt wiederum viele Teilzeitkräfte, die mehr Stunden arbeiten möchten, das aber nicht dürfen. „Die Teilzeitbeschäftigen sind oft in sehr niedrigen Teilzeitstellen beschäftigt oder müssen sogar in dieser Situation verharren, obwohl sie das nicht wollen“, meint Hruška-Frank. Das Studienergebnis legt Ähnliches nahe. Die Arbeit gehört auf mehr Schultern verteilt, als es der Fall ist, ist dort zu lesen. Jedoch sehen die Studienautor:innen die fehlenden Fachkräfte als Problem. Mernyi fordert daher einen Ausbildungsturbo, der gezündet werden muss.

Offensichtlich ist es einfach Bösartigkeit, die dazu führt, dass die Kinderbetreuung in Österreich im Argen liegt. Ohne Rechtsanspruch in den Gemeinden und in vielen Bundesländern wird es offensichtlich nichts.

Silvia Hruška-Frank, Arbeitsrechtsexpertin der AK Wien

„Zusätzlich müssen Arbeitsbedingungen und Einkommen endlich deutlich nach oben.“ Was weiterhin ein Problem in Österreich bleibt, ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Offensichtlich ist es einfach Bösartigkeit, die dazu führt, dass die Kinderbetreuung in Österreich im Argen liegt. Ohne Rechtsanspruch in den Gemeinden und in vielen Bundesländern wird es offensichtlich nichts“, meint Hruška-Frank in Bezug auf die fehlenden Kinderbetreuungsplätze in Österreich. Hier braucht es laut Expertin einen Rechtsanspruch auf einen Platz und das ab dem ersten Geburtstag.

Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in der Privatwirtschaft, ehe er mit Anfang 30 Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren begann. Er schreibt für unterschiedliche Publikationen in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Sport.

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