Der aktuelle Fall rückt eine Frage ins Zentrum über die in der EU schon lange diskutiert wird: Wem gehört eigentlich die Technologie, auf die wir uns längst verlassen? Denn die Zahlen hinter dieser Debatte sind ernüchternd. Aktuell importiert Europa 80 Prozent der digitalen Technologien, die hier verwendet werden, aus Drittländern. 70 Prozent der Clouds, die von Unternehmen und Regierungen in der EU genutzt werden, gehören US-Großfirmen. Und nur 4 Prozent des globalen KI-Trainings finden überhaupt auf europäischem Boden statt. In einer Zeit wachsender geopolitischer Spannungen wird das zunehmend zum Problem: Es entstehen problematische Abhängigkeiten, hohe Kosten und die reale Gefahr, dass sensible Daten und Geschäftsgeheimnisse nicht ausreichend geschützt sind.
Europa im Vergleich
Doch warum hinkt Europa überhaupt hinterher? Für Fridolin Wenny, Leiter des Büros für Digitale Agenden in der Arbeiterkammer, liegt das vor allem an drei Faktoren: zu wenig Rechenleistung, einem fragmentierten (Daten-)Markt und weniger Risikokapital. Was in den USA die großen Hyperscaler (Anbieter von Cloud-Diensten wie Google Cloud oder Microsoft Azure) an Daten und Geld in den Ausbau der KI-Recheninfrastruktur und in Unternehmensbeteiligungen an Entwickler von KI-Modellen stecken, gleicht China zumindest teilweise durch eine gebündelte, staatliche Industriepolitik aus. „In Europa aber ist das bisher weder privat noch öffentlich in vergleichbarem Maßstab gelungen“, sagt Wenny. Dennoch werde hier viel relevante Forschung betrieben, und die EU verfolge ambitionierte Pläne.
Entscheidend sei künftig vor allem der Transfer in industrielle Anwendungen – und gerade dabei könne der oft kritisierte Datenschutz zum Standortvorteil werden: Industrieunternehmen wollen ihre Prozesse optimieren, ohne Geschäftsgeheimnisse offenlegen oder teilen zu müssen. „Letztlich liegt im Bereich der vertrauensvollen KI-Anwendungen ein großes Potenzial für europäische Lösungen.“
Technologische Souveränität
Immer mehr Unternehmen und Behörden werden jetzt aktiv. Das österreichische Bundesheer stieg 2022 konsequent von Microsoft Office auf die Open-Source-Lösung LibreOffice um. Die öffentliche Verwaltung im deutschen Schleswig-Holstein spart durch einen ähnlichen Schritt 15 Millionen Euro Lizenzkosten pro Jahr.
EU-Abgeordneter Helmut Brandstätter ist in verschiedenen Arbeitskreisen rund um KI und digitale Souveränität aktiv und bringt es auf den Punkt: „Technologische Souveränität bedeutet, dass Europa nicht vollständig von US-amerikanischen oder chinesischen Systemen abhängig sein darf.“ Und er geht noch weiter: Angesichts der unabsehbaren Risiken der Technologie hält er sogar ein internationales Non-Proliferation-Abkommen für KI für denkbar – ein Vertrag, der ähnlich wie bei Atomwaffen den unkontrollierten Zugang zu besonders gefährlichen KI-Systemen weltweit regulieren soll.
Als positives Beispiel nennt er das europäische KI-Modell Mistral Vibe – eine europäische Alternative zu ChatGPT. Es zeige, dass auch in der EU wettbewerbsfähige Lösungen entstehen, die europäische Sprachen besser unterstützen und oft deutlich ressourcenschonender sind. Laut offiziellen Zahlen des EU-Parlaments gibt es derzeit rund 7.000 KI-Start-ups in Europa.
Damit Europa von dieser Strategie nicht völlig abhängig ist, braucht es eigenständige Alternativen.
Fridolin Wenny, Arbeiterkammer Wien
Wie leistungsfähig ist Mistral wirklich? Wenny sieht in dem Anbieter einen „würdigen Mitstreiter“: Mistral AI sei nicht nur DSGVO-konform, sondern lasse sich auch lokal oder auf eigenen Servern betreiben. Bei sehr langen und komplexen Unterhaltungen werde es aber noch von anderen Modellen übertroffen. Hinzu kommt: Auch Mistral kommt für Training und Betrieb seiner Modelle nicht ohne US-Hyperscaler aus, wenn es um Daten- und Rechenleistung geht. „Eine vollständig souveräne Lösung ist es daher noch nicht“, so Wenny. Genau hier will die EU ansetzen: Künftig will sie bei Infrastrukturen und Modellen verstärkt auf eigene Alternativen setzen, um die Zukunftsfähigkeit und Unabhängigkeit abzusichern.
Tipps für Unternehmen
Ein Unternehmen, das mehr Transparenz in den KI-Markt bringen will, ist leiwand.ai. Das Startup entwickelt KI-Lösungen, mit denen sich andere KI-Systeme bewerten lassen – etwa wie vertrauenswürdig, unabhängig und risikoreich diese sind. Bei einer Online-Veranstaltung von Arbeit&Wirtschaft im vergangenen Herbst betonte Gertraud Leimüller, dass Europa technologisch unabhängiger werden muss.
Für Unternehmen, die ihre digitale Souveränität stärken wollen, empfehlen die Expertinnen Gertraud Leimüller und Rania Wazir einen klaren Blick auf die eigene Datensituation: Wo liegen welche Daten, und bleiben sie innerhalb der EU? Woher stammen die Anbieter, und werden wirklich nur notwendige Informationen weitergegeben? Sind Daten während der Übertragung verschlüsselt? Und: Wie geopolitisch anfällig ist der Anbieter, dessen Infrastruktur man nutzt?
Rechtliche Grundlage
Die rechtliche Antwort auf diese Herausforderungen soll der EU AI Act liefern, der seit August 2024 schrittweise in Kraft tritt. Das Gesetz verfolgt einen risikobasierten Ansatz: Je gefährlicher ein KI-System eingestuft wird, desto strenger die Anforderungen. Verboten sind künftig etwa sogenannte „Nudifier-Apps“, die ohne Einwilligung intime Bilder realer Personen generieren – ein Verbot, das laut Europaparlament überwiegend Frauen schützen soll. Hochrisiko-Systeme, etwa im Gesundheitswesen oder der Justiz, unterliegen ab Dezember 2027 strengen Auflagen. KI-generierte Inhalte müssen ab Ende 2026 gekennzeichnet sein. Im Rahmen des sogenannten digitalen Omnibuspakets hat das Europaparlament zuletzt einige Fristen verlängert und Bürokratie abgebaut, um europäischen Unternehmen mehr Spielraum zu verschaffen. Viele Regeln werden zulasten der Endkonsument:innen gelockert. Der grundsätzliche Ansatz bleibt bestehen: Vertrauen durch Transparenz.
Brandstätter sieht darin allerdings nur einen ersten Schritt: „Europa verfügt über hervorragende Forschung und Talente, aber zu lange haben wir Technologie reguliert, statt sie gleichzeitig strategisch zu fördern und zu skalieren.“ Regulierung und Innovation müssten künftig Hand in Hand gehen.
AI innovation or protecting people? The EU chooses….both.
Recent updates make EU’s AI rules more workable, helping EU companies compete.
The EU also doesn’t allow AI to be used in ways that could harm safety and rights or sexually objectify people.
More: link.europa.eu/cK7VWJ
— European Parliament (@europarl.europa.eu) 18. Juni 2026 um 12:15
Dass die Technik der Regulierung oft davonläuft, sieht auch Wenny – und verweist auf einen häufig übersehenen Punkt: Reguliert werde nicht nur in Europa. Auch die USA hielten ihre potentesten Modelle, etwa von Anthropic oder OpenAI, zurück oder stellten sie nur ausgewählten Partnern zur Verfügung. „Damit Europa von dieser Strategie nicht völlig abhängig ist, braucht es eigenständige Alternativen“, sagt Wenny. Das betreffe eine eigenständige Regulierung ebenso wie eigene Modelle und Infrastrukturen.
Europäische Alternativen
Wer heute schon auf europäische Anbieter setzen will, hat Optionen:
| Anbieter | Einsatzbereich | Was es macht | Herkunft |
| DeepL | Übersetzungen | Übersetzt Texte und ganze Dokumente in über 30 Sprachen, gilt als besonders präzise. |
Deutschland (Köln) |
| Happy Scribe | Transkription & Untertitel |
Wandelt Audio und Video automatisch oder per Mensch in Text um – praktisch für Interviews und Protokolle. |
Spanien (Barcelona) |
| Mistral Vibe | KI-Chatbot | Europäische ChatGPT- Alternative von Mistral AI, DSGVO-konform und auf eigenen Servern betreibbar. |
Frankreich |
| Lumo | KI-Chatbot | Datenschutzfokussierter KI-Assistent von Proton, läuft auf europäischen Servern mit Zero-Access- Verschlüsselung. |
Schweiz |
| OpenTalk | Videokonferenzen | Open-Source-Tool, DSGVO- konform in deutschen Rechenzentren gehostet – Alternative zu Zoom & Teams. |
Deutschland (Berlin) |
| Proton Meet | Videokonferenzen | Ende-zu-Ende-verschlüsselte Videocalls von Proton, auch ohne Konto nutzbar. |
Schweiz |