Pflege- und Betreuungsnotstand: Weitere Verschärfungen drohen!

Pflegenotstand in Österreich
(c) Miriam Mone
Österreich ist mitten in einem Pflege- und Betreuungsnotstand, der sich in den kommenden Jahren verschärfen wird. Der demografische Wandel und die wirtschaftliche Entwicklung lassen wenig Platz für Hoffnung.
Krisen sind schwer zu fassen. Sie sind oft zu groß, als dass ihr wahres Ausmaß ganz verstanden werden kann. Wie bei der Pflege- und Betreuungskrise. Hier lohnt es sich, einen Einzelfall zu betrachten, bei dem sich viele der Versäumnisse so lange gestapelt haben, bis der Turm zusammenbrach und eine Unschuldige unter sich begraben hat. Sie soll Lara heißen.

Lara ist Kroatin und arbeitet in Österreich als 24-Stunden-Betreuungskraft. Eine Firma holt sie in ihrer Heimat ab, bringt sie zur Familie, bei der sie arbeitet, und zwei Wochen später wieder zurück. Bis sie eines Tages einen Unfall hat und mit gebrochener Hüfte und Rippenverletzungen ins Krankenhaus gebracht wird. Die Ärzte teilen ihr mit, dass sie – entgegen den Beteuerungen ihrer Vermittlungsagentur – keine Sozialversicherung hat. Weil sie nicht mehr arbeiten kann, bekommt sie kein Gehalt. Geld für Reha-Maßnahmen gibt es auch nicht. Stattdessen schickt ihre Agentur zwei Tafeln Schokolade ins Krankenhaus.

Die Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft vida nahm sich im Rahmen der gewerkschaftlichen Initiative vidaflex des Falls an und vertrat Lara vor Gericht. „Wir wollten, dass diese Frau zu ihrem Recht kommt. Aber der Fall ist keine Ausnahme, auch wenn jeder Fall einzeln zu prüfen ist. Deswegen haben wir mit dieser Klage auch einen Standard geschaffen. Die Frage ist, warum das vorher niemand gemacht hat“, erklärt Olivia Janisch, Mitglied des Vorstandes von vidaflex und stellvertretende vida-Vorsitzende, gegenüber Arbeit&Wirtschaft.

Und Lara hat Erfolg. Die Firma muss über 8.000 Euro zahlen. Warum vorher niemand Klage eingereicht hat, ist schwer zu beantworten. Zum einen wissen viele der Betreuungskräfte nichts von ihren Rechten. Meist unterschreiben sie einen Vertrag, der auf Deutsch verfasst ist. Die offizielle Vertretung selbstständiger Pflege- und Betreuungskräfte wäre die Wirtschaftskammer. Sie vertritt aber auch die 980 (!) Vermittlungsagenturen, die es in Österreich gibt und gegen die sich eine mögliche Klage im Fall der Fälle wenden würde.

Das ist die Situation für einzelne Arbeitnehmer:innen im Pflege- und Betreuungssektor. Hochskaliert auf ganz Österreich, fasst Janisch es so zusammen: „Wir haben einen Pflege- und Betreuungsnotstand. Es gibt eine Vielzahl von Pflege- und Betreuungsberufen, und seit Jahren wird es verabsäumt, hier Verbesserungen zu erarbeiten. Es wird nicht hingeschaut und nicht angepackt, was angepackt werden müsste.“

All das ist nur ein Vorbote für schlimmere Zeiten, wenn die Politik nicht gegensteuert. Denn die Bevölkerung in Österreich wächst und wird älter. Die Zahl der Personen über 80 Jahren wird sich bis zum Jahr 2040 auf 876.000 verdoppelt haben, im Vergleich zu 2017. Allein bis zum Jahr 2030 werden 76.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Auf der anderen Seite steht der österreichischen Wirtschaft – und damit auch dem Pflege- und Betreuungssektor – eine massive Pensionierungswelle bevor, da ab dem Jahr 2025 die Generation der Babyboomer in den Ruhestand geht.

Angesichts dieser Entwicklung ist es zynisch, dass ausgerechnet Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) bei seinem Amtsantritt davon sprach, dass der Arbeitsmarkt durch Angebot und Nachfrage bestimmt werde. Doch ausgerechnet beim Geschäft mit der kritischen sozialen Infrastruktur der Pflege scheint der Markt zu versagen. Denn die Bezahlung ist gering und die Arbeitsbelastung hoch. Trotz enormer Nachfrage und überschaubarem Arbeitskräfteangebot.

24-Stunden-Kräfte arbeiten in der jeweiligen Familie auch als Köch:in, Gärtner:in und Haustierpfleger:in. In der Pflege fühlt sich die Hälfte des Personals psychisch belastet, Grund dafür ist eine enorme Arbeitsbelastung, die zu Zeitdruck und Überstunden führt. Körperlich arbeiten viele am Limit. 73 Prozent aller Angestellten in der Altenpflege und Behindertenbetreuung können sich nicht vorstellen, bis zum gesetzlichen Pensionsalter zu arbeiten. Das ist der toxische Boden, auf dem der demografische Wandel steht.

© Sozialministerium 2019

Kochers unsichtbare Hand des Marktes hat dieses Ungleichgewicht längst erkannt. „Der Pflege- und Betreuungsnotstand ist ein zentraler Faktor, der von einigen privaten Investoren und Akteuren gesehen wird. Dadurch, dass sich die Situation strukturell nicht entspannt, gewinnt er immer mehr an Bedeutung. Auch die alternde Bevölkerung ist aus Investorensicht ein zentrales Vermarktungsargument“, erklärt Leonhard Plank, Senior Scientist im Forschungsbereich Finanzwissenschaft und Infrastrukturpolitik an der TU Wien.

Investoren sehen im Pflegesektor eine lukrative Möglichkeit, Gewinne einzufahren. Doch Privatisierungen in diesem Bereich könnten zu spürbaren Nachteilen für die zu pflegenden Personen und deren Angehörige führen. Plank verweist auf Investoren in Großbritannien, die mit einer aggressiven und schuldenbasierten Expansionspolitik einen großen Pflegeheimbetreiber in die Pleite trieben. Es ist eine extreme Folge davon, wenn kritische soziale In-
frastruktur plötzlich zu zweistelligen Renditen gezwungen wird.

Olivia Janisch, Mitglied des Vorstandes von vidaflex und stellvertretende vida-Vorsitzende: „Wir haben einen Pflege- und Betreuungsnotstand. Es wird nicht hingeschaut und nicht angepackt, was angepackt werden müsste.“ | © Markus Zahradnik

Plank: „Es ist ein Wachstumsmarkt, auf dem es kaum Risiken gibt. Aus Sicht der Aktionäre und Eigentümer ist das gut. Es gibt aber mehr als berechtigte Zweifel daran, ob es gesamtgesellschaftlich, aus Sicht der zu pflegenden Personen, der Angehörigen und Beschäftigten, zu begrüßen ist.“ Dazu kommt, dass eine Privatisierung nicht einmal die erwähnten Probleme lösen würde. „Ich sehe nicht, welchen systemrelevanten Beitrag private Akteure leisten könnten. Sie könnten sich höchstens bereit erklären, freiwillig mehr Personal auszubilden. Aber sie können auch nur mit Blick auf die Perspektiven des Sektors agieren. Und wenn die öffentliche Hand nicht mehr Geld in den Sektor investiert, können auch private Anbieter keine Wunder wirken.“

Eines der dringlichsten Probleme ist die Personalknappheit. Die naheliegende Lösung wäre eine Ausbildungsoffensive. Hier tut sich Österreich aber schwer, wie Janisch erklärt: „Die Polizeiausbildung wird gefördert. Hier wird die Ausbildung bezahlt. In der Pflege und Betreuung hat man sich dazu immer noch nicht durchgerungen. Das ist ein Versagen der Politik, weil sie ihre Verantwortung nicht wahrnimmt.“

Leonhard Plank ist Senior Scientist an der TU Wien und arbeitet derzeit im Auftrag der Arbeiterkammer an einer Studie über finanzierte Geschäftsmodelle in der kritischen sozialen Infrastruktur, zu der auch die Pflege zählt. | © Markus Zahradnik

Stattdessen werden Arbeitskräfte importiert. Private Anbieter wie Sekura rekrutieren Pflege- und Betreuungskräfte schon aus Kolumbien. In Österreich ist der Anteil der eingewanderten Krankenpflege- und Geburtshilfefachkräfte mit 20 Prozent der drittgrößte in der EU (hinter Luxemburg mit 30 Prozent und Irland mit rund 26 Prozent). Janisch dazu: „Das Lohn- und Sozialdumping ist ein europäisches Problem. In vielen Bereichen hat man begonnen, Arbeitskräfte aus dem europäischen Ausland zu importieren. Wir können nicht unsere eigenen Arbeitsplätze lohndumpen, um Leute aus dem Ausland schlechter zu bezahlen. Das ist sozialpolitisch und volkswirtschaftlich ein Wahnsinn.“

Davon abgesehen, dass diese vermeintliche Lösung auf wackeligen Beinen steht. Stimmen in Österreich die Arbeitsbedingungen nicht, gehen die Fachkräfte eben in den europäischen Norden.

Einige Zahlen zum Thema

Der demografische Wandel wird für die Pflege-Infrastruktur zu einer großen Herausforderung. Im Jahr 2016 gab es in Österreich 1,62 Millionen Personen, die über 65 Jahre alt waren. Bis zum Jahr 2030 wird diese Zahl um 30 Prozent auf 2,15 Millionen anwachsen. Im Jahr 2050 werden es bereits 2,64 Millionen Menschen sein.

Der größte Teil der Pflegearbeit wird von Angehörigen erledigt. In Österreich gibt es 947.000 pflegende Angehörige. Davon 801.000 im häuslichen und 146.000 im stationären Bereich. Von diesen Menschen arbeiten nur 17,5 Prozent in Vollzeit. 14,7 Prozent können nur noch in Teilzeit arbeiten. Die restlichen zwei Drittel dieser Personen können gar keinem Beruf mehr nachgehen.

Bei den professionellen Diensten in der Langzeitpflege machen die mobilen Dienste mit 32,4 Prozent den Löwenanteil aus (151.582 Personen). Dahinter folgen stationäre Dienste mit 20,4 Prozent (95.263 Menschen) und teilstationäre Dienste, sogenannte Tageszentren, mit 1,6 Prozent (7.695 Personen). 2.199 Menschen bekommen eine Alltagsbegleitung.

Bei der 24-Stunden-Betreuung handelt es sich – wie der Name schon sagt – nicht um einen professionellen Pflegedienst. In Österreich erhalten rund 24.000 Personen eine Förderung für diese Art der Betreuung. Im Jahr 2020 bezuschusste der Staat diese Form der Versorgung mit 161,4 Millionen Euro.

Zwischen 2011 und 2019 nahm die Zahl der Menschen, die mobile Dienste in Anspruch nahmen, um 24 Prozent zu – die Gesamtzahl an Pflegegeldbezieher:innen wuchs um 27 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Arbeitsstunden, die für diese Menschen aufgebracht wurden, aber nur um fünf Prozent – von 16 Millionen auf 16,4 Millionen Stunden. Trotz des Ziels der Bundesländer, diese Art der Pflege verstärkt zu fördern.

 


Weiterführende Artikel:

Die „wahren Leistungsträger:innen“ in der Corona-Krise: Was hat sich seither verändert?

Geschäftsmodell Pflegeheim

Ärzt:innen vor der Kündigung?

 

Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Domke Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.

Du brauchst einen Perspektivenwechsel?

Dann melde dich hier an und erhalte einmal wöchentlich aktuelle Beiträge zu Politik und Wirtschaft aus Sicht der Arbeitnehmer:innen.

Mit dem Absenden dieses Formulars stimme ich der Verarbeitung meiner eingegebenen personenbezogenen Daten gemäß den Datenschutzbestimmungen zu.