Zwischen den eindrucksvollen Gipfeln des Dachsteinmassivs und dem klaren Hallstätter See reihen sich in maximal drei Reihen Traditionshäuser aneinander. Es ist ein Postkartenmotiv, das so berühmt ist, dass das UNESCO-Kulturerbe in China 1:1 nachgebaut wurde – bis hin zu den Speisekarten in den Lokalen. Millionen TikTok-Videos aus aller Welt empfehlen einen Besuch, geben Tipps, schwärmen von Hallstatt. Und genau diese Topografie ist Fluch und Segen für die Gemeinde. Denn sie macht eine Lösung des ausgewachsenen Tourismus-Problems fast unmöglich.
Bis zu 12.000 Personen schieben sich zu den Höchstzeiten durch die zentrale Seestraße – pro Tag. 1,3 Millionen sind es im Jahr – viele davon Tagesbesucher:innen, die nur für ein Foto kommen und wieder abreisen. Die Gäst:innen im größten Hotel vor Ort, dem Heritage Hotel Hallstatt, kommen aus der ganzen Welt, im Vorjahr waren 144 Nationen vertreten. Das Gemeindegebiet erstreckt sich nur über rund 60 Quadratkilometer, die Tourist:innenzahl pro Einwohner:in ist damit eine der höchsten in Europa, weit höher als in anderen Hotspots des Massentourismus wie Dubrovnik oder Venedig.

Das war nicht immer so: „Vor rund 40 Jahren gab es einen Appell an die Medien, man solle doch Hallstatt besuchen kommen“, erzählt Frank Höll und schmunzelt. „Jetzt wünschen sich viele, dass das Interesse an unserem Ort wieder abnimmt.“ Auch 2016 war die Lage noch erträglich. Viele Bewohner:innen würden sich den Besucher:innenstand von damals mit rund 6.000 Tourist:innen pro Tag zurückwünschen. Ein Großteil der Hallstätter:innen lebt vom Tourismus, und die Belastung ist spürbar angestiegen.
Vor rund 40 Jahren gab es einen Appell an die Medien, man solle doch Hallstatt besuchen kommen. Jetzt wünschen sich viele, dass das Interesse an unserem Ort wieder abnimmt.
Frank Höll, Amtsleiter von Hallstatt
Tourist:innen fotografieren in Häuser hinein, stehen in privaten Vorgärten herum, stellen sich bei Regen in der Kirche unter und blockieren Straßen, weil die Schlangen vor den Geschäften und Lokalen viele Meter lang sind. Die Anzahl der Busse, die in den Ort fahren dürfen, wurde vor einigen Jahren bereits reduziert. Waren es davor noch mehrere Hundert, die täglich haltmachten, müssen Unternehmen nun über eine Website Zeitfenster für den Aufenthalt buchen. Mehr als 60 oder 70 pro Tag dürfen es nicht sein. Manche Busse kommen aber trotzdem, bleiben stehen und lassen Leute aussteigen, bevor man sie wegschicken kann.
Lebensqualität erhalten
Der parteiunabhängige Verein Bürger für Hallstatt sitzt seit 2014 mit mehreren Mandaten im Gemeinderat und kämpft dafür, dass der Ort lebenswert bleibt. Er fordert eine Besucher:innenbeschränkung und machte 2023 mit einer ungewöhnlichen Aktion auf sich aufmerksam: Rund 100 Hallstätter:innen setzten sich auf die einzige Zufahrtsstraße und blockierten sie für rund 15 Minuten – ein stiller, aber unmissverständlicher Protest.
„Wenn mehr als 10 Prozent der Bevölkerung in so einem kleinen Ort ihren Unmut kundtun, dann ist das ein sehr deutliches Zeichen“, erklärte Friedrich Idam, Mitglied der Bürger:innenliste, damals im Interview mit dem „Standard“. Inzwischen will er sich in den Medien nicht mehr äußern. Die Interviewanfrage von Arbeit&Wirtschaft lehnt er ab. Seine Begründung: „Die Berichterstattung über den Overtourism in Hallstatt verschärft unser Problem zusätzlich. Qualitätstourist:innen, die länger bleiben würden, werden abgeschreckt, die Massen angezogen.“ Idam ruft dazu auf, von der Berichterstattung Abstand zu nehmen.
2023 meldete sich die damalige Tourismusstaatssekretärin Susanne Kraus-Winkler (ÖVP) zur Causa Hallstatt zu Wort – und ließ kein gutes Haar an der Gemeinde. Sie sprach sich für ein Ticketsystem wie in Venedig aus und teilte gleichzeitig aus: Hallstatt habe die Lenkung der Tourist:innenmassen schlicht verschlafen. Bürgermeister Alexander Scheutz (SPÖ) reagierte „empört und verärgert“. Der öffentliche Schlagabtausch ist vielleicht das deutlichste Zeichen dafür, wie emotional das Problem inzwischen ist.

Praktikable Lösungen zu finden gestaltet sich vor allem aus logistischen Gründen schwierig: Durch die Position zwischen See und Berg gibt es keine Ausweichstrecke, der Verkehr muss über die Seestraße durch Hallstatt. Es gibt keinen Platz für Umfahrungskonzepte. Indes versucht man, die Bürger:innen anderweitig zu unterstützen. Hallstatt gehört dank der Einnahmen aus Tourismus, Parkgebühren, Kurtaxen, öffentlichen Toiletten und Bussen zu den reichsten Gemeinden Österreichs. Bis zu 14,50 Euro zahlt man pro Tag fürs Parken, in Venedig oder Salzburg sind es etwa 30 Euro. Die Preise weiter zu erhöhen hält Höll trotzdem für sinnlos: „Wir haben gelernt, dass finanzielle Abschreckung nicht funktioniert. Die Besucher:innen kommen trotzdem. Und ums Geld geht es uns als Gemeinde nicht mehr“, sagt er.
Versuchte Privatsphäre
Auf dem Weg durch den Ort weist er auf Schilder hin: gegen den Einsatz von Drohnen, Hinweise zur Lärmbelästigung und zu Ruhezeiten. Die Drohnen, mit denen Tourist:innen die Gegend erkunden, greifen oft in die Privatsphäre der Bevölkerung ein. Manche Häuser an der Seestraße haben ihre Vorhänge fest zugezogen und Aufkleber an den Fenstern angebracht: Fotografieren verboten!
Am Fotopunkt gibt es einen Lautstärkemesser: Sind die Besucher:innen zu laut, schaut der Smiley auf der digitalen Infotafel traurig und wird rot. Wird es leiser, wird er grün und lächelt. Die Bewohner:innen haben ihn gefordert. Noch dieses Jahr soll ein Schild in der Nachbargemeinde Bad Goisern angebracht werden, das darüber informiert, wenn die Parkplätze in Hallstatt voll sind. Viel erwartet sich Höll davon nicht: „Wenn man Hunderte Kilometer gefahren ist, um Hallstatt zu sehen, wird sich jede:r denken: Ach, probieren wir es trotzdem.“
Wenn der younion-Gewerkschafter über die Maßnahmen spricht, hört man die Freude darüber heraus, dass die Gemeinde finanziellen Handlungsspielraum hat – aber auch eine gewisse Ratlosigkeit. „Unsere Möglichkeiten sind beschränkt. Wir tun alles, was wir können“, sagt er. Die Kanal-, Wasser- und Abfallgebühren seien bewusst niedrig gehalten. Für ältere Menschen gibt es ein Ärzt:innenshuttle. Als klar wurde, dass ein Nahversorger fehlt, der nicht zu überhöhten Tourist:innenpreisen verkauft, eröffnete die Gemeinde kurzerhand selbst einen. Und im Winter, wenn kaum Sonne in das tief liegende Tal fällt, finanziert die Gemeinde einen Großteil der Seilbahn-Jahreskarte für jede Person, damit die Bewohner:innen überhaupt in die Sonne kommen.

Am Besucher:innenansturm ändert das alles freilich nichts: „Sogar in den kalten Monaten rund um Weihnachten kommen Massen, obwohl wir nicht einmal einen Adventmarkt haben und oft keinen Schnee“, erzählt Sigrid Riezinger und schüttelt den Kopf. Sie führt ein Souvenirgeschäft an der Seestraße. Als sie es 1984 von ihrer Großmutter übernahm, war es nur im Sommer geöffnet – die Saison beschränkte sich auf die warmen Monate. Heute ist es ganzjährig geöffnet.
Die Unternehmerin ist in einem Zwiespalt: „Für das Geschäft ist es natürlich gut, dass so viele kommen. Aber hier zu leben ist schwierig.“ Ihr Haus grenzt direkt an den Shop. Darüber verläuft die Hauptverkehrsader – die Landesstraße L547 –, darunter die Seestraße, auf der sich die Tourist:innen tummeln. Privatsphäre ist ein Luxus, den man sich in Hallstatt kaum leisten kann und den auch Riezinger nicht hat. Auf die Frage, ob sie je ans Wegziehen gedacht hat, schüttelt sie vehement den Kopf: „Ich gehöre hierher.“ Frank Höll beantwortet die Frage mit demselben Nachdruck und erklärt beim weiteren Spaziergang lachend: „Viele wie Sigrid und ich sind von hier, waren immer hier und wollen auch hierbleiben.“ Und doch gibt es seit einigen Jahren Menschen, die den Ort verlassen.
Taskforce sucht Lösungen
Der Gemeinderat nimmt das ernst. Besonders viele Überlegungen drehen sich um den Verkehr. Da es nur eine Straße durch den Ort gibt, kommt es häufig zu Staus, Zufahrten sind blockiert, Tourist:innen parken dort, wo sie nicht parken sollten. Eine eigene Taskforce mit externer Expertise in der Verkehrsplanung arbeitet seit mehreren Jahren an Lösungen. In einer Gemeinderatssitzung wurde einstimmig beschlossen, dass man sich eine Obergrenze von 5.500 Tourist:innen pro Tag wünscht – etwa das Niveau von 2016. Doch wie lässt sich das erreichen? Die Straße sperren? Eine Besucher:innenobergrenze einführen? Eine Parkgarage bauen?
Ein 16-seitiges Dokument informierte im April 2026 die Bewohner:innen über alle geprüften Möglichkeiten – und darüber, warum viele davon nicht umsetzbar sind. Vieles scheiterte an gesetzlichen Regelungen und Zuständigkeiten. Dass es ein Problem gibt, darüber ist man sich einig. Eine Lösung gibt es noch nicht. Das Dokument endet mit den Worten: „Abschließend versichern wir euch, liebe Hallstätterinnen und Hallstätter, dass der gesamte Gemeinderat weiterhin versuchen wird, im Rahmen seiner Möglichkeiten weitere Verbesserungen zu erreichen.“

Christopher Unterberger ist als Mitarbeiter in der Salzkammergut Tourismus Marketing GmbH für die Vermarktung von Hallstatt verantwortlich. Auch er war Teil der Taskforce. Während andere Tourismusbüros versuchen, möglichst viele Gäst:innen in die eigene Gemeinde zu bringen, arbeitet er daran, die Besucher:innenströme umzulenken. Werbung für Hallstatt schaltet man nicht mehr – dank Social Media ist das auch nicht nötig. In verschiedenen Arbeitsgruppen versuche man, so Unterberger, „insbesondere im Bereich Besucher:innenlenkung, Mobilität und Kommunikation positiv mitzuwirken“. Doch die Möglichkeiten seien begrenzt: Besucher:innenobergrenzen oder Tragfähigkeitsgrenzen seien „rechtlich und praktisch nur sehr schwer umsetzbar“. Denn Hallstatt liegt an einer öffentlichen Straße. Die darf man nach österreichischem Recht nicht sperren. Und Ortschaften dürfen nicht einfach abgeriegelt und nur gegen Eintrittsgeld zugänglich gemacht werden. Platz für mehr Parkplätze gibt es in dem steilen Tal auch nicht. Unterbergers Fazit: „Eine vollständige Lösung wird es vermutlich nie geben.“
Früher hatten wir nur zwischen Ostern und Allerheiligen offen. Vor acht Jahren haben wir auf Ganzjahresbetrieb umgestellt. Das verändert auch unsere Attraktivität als Arbeitgeber.
Harald Pernkopf, Betriebsrat Salzwelten Hallstatt
Gegensätzliche Interessen
Hallstatt zeigt exemplarisch das grundlegende Dilemma der Massentourismusorte auf: Einerseits ist man auf die Einnahmequelle Tourist:in angewiesen, anderseits geht die Lebensqualität immer mehr verloren. Die Unternehmen vor Ort profitieren von Gäst:innen aus aller Welt. Es werden Schnapsgläser verkauft, Salzkristalle, Schürzen, Vasen, Sisi-Schneekugeln und sogar Hallstätter Luft in der Sprühdose.
Frank Höll lädt zum Mittagessen in ein Restaurant ein. Am Nachbartisch wird eine Handvoll Tourist:innen nach der Bestellung vor die Tür gesetzt, weil nicht alle eine Hauptspeise bestellt haben – manche wollten nur eine Suppe. „Dafür könnt ihr keinen Tisch blockieren“, erklärt der Kellner knapp und schickt sie in den Regen hinaus. Keine fünf Minuten später ist der Tisch wieder voll. Höll zuckt die Schultern. „Wir bekommen immer wieder Beschwerden von Tourist:innen über Unternehmer:innen – und von Bewohner:innen über Tourist:innen. Deswegen sind viele gegen Eintrittsgeld wie in Venedig. Sie haben die Angst, Besucher:innen würden sich dann noch mehr herausnehmen.“
Ein großer Tourismusbetrieb vor Ort sind auch die Salzwelten. Das älteste Salzbergwerk der Welt ist derzeit bis zum Sommer 2026 geschlossen, weil die Standseilbahn erneuert wird. Die neue soll doppelt so viele Menschen pro Tag nach oben transportieren können. In der Hauptsaison wollten häufig schon bis Mittag so viele Menschen das Angebot nutzen, dass sie vor Betriebsschluss mit der Bahn nicht mehr hinuntergekommen wären.
Ob die Menschen wegen des Bergwerks oder wegen Hallstatt selbst kommen, darüber sind sich die Bewohner:innen uneinig. Harald Pernkopf arbeitet seit neun Jahren im Betrieb und ist dort Betriebsrat. „Früher hatten wir nur zwischen Ostern und Allerheiligen offen. Vor acht Jahren haben wir auf Ganzjahresbetrieb umgestellt. Das verändert auch unsere Attraktivität als Arbeitgeber“, sagt er. Der Andrang sei besonders in der Hauptsaison ein großer Stressfaktor für die Mitarbeitenden – weshalb der Betrieb vor zwei Jahren auf die Vier-Tage-Woche umstellte.

Während vor acht Jahren fast ausschließlich Saisonkräfte beschäftigt wurden, gibt es inzwischen viele Ganzjahresstellen. Den klassischen Ferialjob als Guide gibt es aber nach wie vor. „Mit meinem Team habe ich es geschafft, dass wir als einziger Tourismusbetrieb in Österreich nach dem Bergbau-Kollektiv bezahlt werden. Das ist ein großer Erfolg für uns“, sagt Betriebsrat Pernkopf. Die größte Herausforderung bleibe aber die Personalsuche: Die Wohnungspreise in der Umgebung seien so hoch, dass sich das viele schlicht nicht leisten können und qualifizierte Kräfte deshalb nicht herziehen. „Wir haben im Zuge des Neubaus auch ein Personalhaus angekauft. Das soll die Lage etwas entschärfen – wir können jetzt acht Personalwohnungen zur Verfügung stellen.“
Nicht weit von der Baustelle der neuen Seilbahn lebt Gewerkschafter Höll. Den Baufortschritt kann er von seinem Balkon aus verfolgen. Er und seine Frau vermieten Zimmer – so wie etwa jedes fünfte Haus in der Gemeinde. Sie sind fast immer ausgebucht. Im Garten sitzen Gäst:innen und beobachten die Tourist:innen, die in Scharen vorbeiziehen.
Höll lebt tagein, tagaus mit dem Massentourismus – er kümmert sich darum, dass die Mülleimer im Ort zweimal täglich geleert werden, dass die Bürger:innen gehört werden, dass die öffentlichen Toiletten funktionieren – all das neben seinen regulären Aufgaben als Amtsleiter in der Gemeinde. Täglich pilgern die Menschenmassen an seinem Haus vorbei. „Wir setzen an, wo wir können. Aber wenn die Leute nach Hallstatt kommen möchten, dann werden sie kommen, egal ob wir Eintritt verlangen, die Busse regulieren oder auf Schildern darüber informieren, dass wir eigentlich voll sind“, sagt er – und zuckt mit den Schultern. Ein bisschen stolz, an einem Ort zu leben, der so eine Begeisterung auslöst, wirkt er aber auch – trotz allem.