Obdachlosigkeit in Österreich: Politik muss aktiv handeln

Obdachlosigkeit in Österreich Mann mit Hund
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20.000 Menschen waren in Österreich vor der COVID-19-Pandemie obdachlos. Durch die aktuelle Situation könnte die Zahl noch weiter ansteigen. Die Politik muss aktiver gegen die Obdachlosigkeit in Österreich vorgehen.
Der neue Bericht von Amnesty International (AI) zu Obdachlosigkeit in Österreich zeichnet kein allzu gutes Bild der Lage. Die Politik sei säumig und tue zu wenig, um dagegen vorzugehen, wie aus dem Bericht hervorgeht. „Österreich hat sich durch die Ratifizierung des internationalen Paktes für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte verpflichtet, das Recht auf angemessenes Wohnen zu schützen und sicherzustellen. Dieser Verantwortung wird der Staat Österreich nicht gerecht“, sagt Annemarie Schlack bei der Vorstellung des Berichts im Presseclub Concordia. Schlack ist Geschäftsführerin von Amnesty International Österreich (AI Österreich).

Annemarie Schlack von Amnesty International spricht über Obdachlosigkeit in Österreich
Annemarie Schlack, Geschäftsführerin von Amnesty International Österreich. | © Elisabeth Mandl

Obdachlosigkeit in Österreich

Die Zahlen von Statistik Austria belegen, dass vor der COVID-19-Pandemie in Österreich 20.000 Menschen als obdachlos galten. Die Dunkelziffer der Obdachlosigkeit in Österreich dürfte allerdings höher sein, da gerade Frauen oftmals nicht in dieser Studie erfasst werden. AI Österreich geht davon aus, dass durch die sozioökonomischen Folgen der Pandemie die Zahl weiter steigen wird.

Die Gründe für Obdachlosigkeit in Österreich sind vielfältig. Trennungen, der Verlust des Jobs, der Tod eines nahen Angehörigen, zu wenig leistbare Wohnungen sowie unzureichende Armuts- und Delogierungsprävention. „Menschen, die wohnungslos sind, sind nicht selbst schuld. Es handelt sich um strukturelle Missstände, die die österreichische Regierung zu verantworten hat“, meint Schlack.

Leistbares Wohnen muss gewährleistet sein

Zahlen für 2021 belegen, dass für 13 Prozent in Österreich die Wohnkosten eine schwere Belastung waren. „Menschen, die hierzulande bereits einer Armutsgefährdung ausgesetzt sind, geben im Schnitt 37 Prozent ihres Einkommens für die Wohnkosten aus“, sagt Schlack. Rund 1,5 Millionen Menschen sind in Österreich von Armut und Ausgrenzung gefährdet. Speziell bei Frauen gibt es eine erhöhte Gefahr, in die Armut zu rutschen.

„In Österreich verdienen Frauen nach wie vor 19 Prozent weniger und sind dadurch auch deutlich armutsgefährdeter“, sagt Teresa Hatzl, die Researcherin von Amnesty International Österreich. Und hier sind es alleinerziehende Mütter und ältere Frauen, die überproportional betroffen sind. Frauen sind es auch, die in der Statistik zur Obdachlosigkeit in Österreich kaum vorkommen. Sie sind oftmals auf den Straßen nicht sichtbar. Frauen suchen häufiger Zuflucht bei der Familie, bei Freunden und Bekannten. Somit werden deutlich weniger Frauen als obdachlos erfasst, als es bei Männern der Fall ist. Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen ist ein weiteres Problem. Es kommt nicht selten vor, dass sich Frauen dadurch in eine Abhängigkeit begeben müssen und sexuell oder als Haushälterinnen ausgebeutet werden.

Fehlende Strategie gegen Obdachlosigkeit in Österreich

In Österreich fehlt es an einer Strategie, um die Obdachlosigkeit einzudämmen. Die Wohnungsbeihilfe beispielsweise ist in der Hand der Länder. „Die Verfügbarkeit der Wohnungslosenhilfe unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. Es gibt in Österreich auch keine nationale Wohnstrategie, die wichtig wäre, um Wohnungslosigkeit einzudämmen“, sagt Hatzl. Um Zugang zur Wohnungslosenhilfe zu bekommen, muss man bestimmten Ansprüchen entsprechen, und damit werden Menschen schon per Gesetz davon ausgeschlossen. Das betrifft Menschen mit und ohne österreichischer Staatsbürgerschaft.

In den fünf Jahren nach der Finanzkrise 2008 stieg die Wohnungslosigkeit in Österreich um ein Drittel. Die aktuelle Pandemie- und Kriegssituation sind Vorzeichen, die auf eine Wiederholung dieser Entwicklung hindeuten. Deswegen müssen frühzeitig stärkere Impulse vonseiten der Politik kommen. Wegen massiver Preissteigerungen in allen Wohnsegmenten werden Menschen mit größeren Einkommen bevorzugt. Die Preise könnten durch die Folgen der Pandemie und des Krieges in der Ukraine noch weiter steigen.

Obdachlosigkeit in Österreich - Schild Hunger
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Hilfe für obdachlose Menschen

„Aus Sicht der Arbeiterkammer ist ein Handlungsbedarf vonseiten der Politik gegeben. Durch die Entwicklung bei den Preisen und die Folgen der Corona-Krise und des Ukraine-Kriegs droht eine Delogierungswelle. Wir wissen schon aus der Finanzkrise 2008, dass Delogierungen zeitverzögert kommen“, sagt Sina Moussa-Lipp im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft. Sie ist Referentin für den Bereich soziale Stadt der AK Wien.

Um obdachlosen Menschen zu helfen, hat sich international das Prinzip des Housing First gut bewährt. Es ist bereits länger ein fixer Bestandteil der Wiener Wohnungslosenhilfe. Durch Housing First wird günstiger Wohnraum zur Verfügung gestellt. Menschen, die ohne Wohnung leben, können so wieder in die eigenen vier Wänden.

„Wohnungslose Menschen sind Menschen, die in der Krise sind und dabei Unterstützung brauchen, und Housing First funktioniert hier sehr gut. Bei uns haben wir dadurch eine Mietstabilität von 94 Prozent“, sagt Daniela Unterholzer, Geschäftsführerin von Neunerhaus – Hilfe für obdachlose Menschen in Wien. Bei Neunerhaus finden ganz verschiedene Menschengruppen Unterstützung, denn Obdachlosigkeit kann in Österreich jeden treffen. „Vom ehemals erfolgreichen Manager bis zur Lehrerin suchten schon Menschen bei uns Hilfe“, sagt Unterholzer.

Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in verschiedenen privatwirtschaftlichen Unternehmen. Mit Anfang 30 begann er Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren. Heute schreibt er vor allem für das Fußballmagazin Ballesterer und die Wiener Zeitung.

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