Inflationsschock, und dann?

© Markus Zahradnik
Nachdem die statistische „Happy Hour“-Inflation vorbei ist, treibt nun der Krieg in der Ukraine die Teuerung hierzulande noch weiter nach oben. Der Handlungsspielraum der Regierung ist begrenzt, doch muss sie vor allem Geringverdiener:innen schützen, fordert Ökonom Oliver Picek.
Der Inflationsschock ist da. Noch im Januar verkündete Tobias Thomas, Chef der Statistik Austria, das Schlimmste sei überstanden. Er verkündete damals eine Inflation von 2,8 Prozent für das Jahr 2021. Im Januar aber kletterte die Inflation auf 5,0 Prozent. Im Februar waren es 5,8 Prozent, im März 6,8 Prozent und im April 7,2 Prozent. Thomas hatte sich also geirrt. Was die Regierung bei diesen Zahlen tun kann und was nicht, erklärt Ökonom Oliver Picek im Interview mit Arbeit&Wirtschaft. Längst forder der ÖGB deswegen: Preise runter!

Oliver Picek, geb. 1986, hat Volkswirtschaftslehre in Wien, Paris und New York studiert. Er ist Senior Economist beim Momentum Institut und forscht hauptsächlich zu Makroökonomie, Arbeitsmarkt, Budget und Steuern.

Arbeit&Wirtschaft: Seit Monaten wird hierzulande vor einer Inflation gewarnt – was wäre so schlimm daran?

Oliver Picek: Inflation ist definiert als eine allgemeine Steigerung des Preisniveaus. Es geht nicht darum, dass ein einzelnes Gut oder eine einzelne Dienstleistung irgendwie teurer wird, sondern dass die Preise von sehr vielen Gütern und Dienstleistungen, die wir täglich, wöchentlich oder jährlich konsumieren, allesamt ansteigen. Ein gewisses Maß an Inflation ist in Ordnung, die Europäische Zentralbank (EZB) hat diesen Wert auf zwei Prozent pro Jahr festgesetzt. Ein bisschen Inflation ist ein Schmiermittel für die Wirtschaft. Alles, was darüber hinausgeht, über diese zwei Prozent, will man vermeiden. Denn irgendwann, beispielsweise bei 20 Prozent Inflation, ist mein Gehalt am Ende des Monats schon weniger wert als zu Beginn des Monats.

Oliver Picek vom Momentum Institut über einen Inflationsschock in Österreich
Oliver Picek vom Momentum Institut über einen Inflationsschock in Österreich. | © Markus Zahradnik

Die Inflation war in den vergangenen Monaten überdurchschnittlich hoch. Woran liegt das?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind es die Lieferschwierigkeiten, die während der Pandemie aufgetreten sind. Der dadurch verursachte Anstieg der Transportkosten führt dazu, dass die Preise für viele Güter ansteigen. Zum anderen haben Gastronomie und Tourismus, nachdem sie einige Zeit geschlossen waren, beim Wiederaufsperren sofort die Preise erhöht. Sie wussten, die Leute wollen in den Urlaub fahren, wollen konsumieren. Das hat die Gastronomie und die Hotellerie ausgenutzt, um ihre Gewinne entsprechend zu erhöhen. Dadurch würde sich aktuell wohl eine Inflationsrate von 2,5 oder drei Prozent ergeben.

Hinzu kommen statistische Effekte. Wie auch andere Länder hat Österreich während der Pandemie im Bereich Gastronomie und Hotellerie die Mehrwert- und die Umsatzsteuer gesenkt. Dadurch ergibt sich eine Art „Happy-Hour-Effekt“: Wenn in einer Bar ein Cocktail gewöhnlich zehn Euro kostet und während der Happy Hour nur noch fünf Euro, dann kann ich nach Ende der Happy Hour einen enormen Preisanstieg messen. Aber eigentlich ist der Cocktail genauso teuer wie vor der Happy Hour. Dadurch kam es in der Vergangenheit, statistisch bedingt, auch zu erhöhten Inflationsraten, obwohl in Wirklichkeit die Preise nur auf das Niveau vor der Pandemie zurückgekehrt sind.

Also eigentlich sollte sich das Problem von selbst erledigen?

Ja, die meisten Expert:innen sind davon ausgegangen, dass die Inflation, nachdem der „Happy-Hour-Effekt“ verpufft ist, auch wieder zurückgeht – bis dann im Sommer/Herbst 2021 die Energiepreise stark angestiegen sind. Das ist der Haupttreiber für die aktuelle Inflation. Der Grund für den Anstieg ist Russland, das schon Monate vor dem Krieg in der Ukraine begonnen hat, weniger Gas in die europäischen Gasspeicher einzuspeisen. In Österreich wurden die Speicher vergangenen Sommer nicht auf das übliche Niveau aufgefüllt. Dadurch sind die Preise gestiegen. Das lässt sich auch nicht so leicht kompensieren, wir sind abhängig von diesem Gas. Und weil in jeder Produktion Energie drinsteckt, sind die Auswirkungen in vielen anderen Bereichen spürbar.

Wir brauchen eine dauerhafte,
nachhaltige Anpassung, denn die Inflation
wird morgen nicht vorbei sein.

Oliver Picek, Senior Economist Momentum Institut

Wer ist von dieser Entwicklung am stärksten betroffen?

Am stärksten betroffen sind Haushalte, die Probleme haben, diese Teuerung zu bewältigen. Die Mindestpension oder die Mindestsicherung wird nur einmal jährlich an die Inflation angepasst – wenn zwischenzeitlich ein solcher Energiepreisschock kommt, dann werden bereits unter dem Jahr die Gas- oder Stromrechnung oder die Lebensmittel teurer. Dadurch gibt es Familien, die sich fragen müssen, ob sie lieber die Wohnung warm halten oder mehr zum Essen kaufen. Die Regierung hat jetzt einen Teuerungsausgleich beschlossen, der hat etwas geholfen. Aber gerade für sogenannte „energiearme Haushalte“ hat das nicht gereicht, denen fehlen im Schnitt immer noch 250 Euro. Energiearme Haushalte sind gleich mehrfach betroffen: Sie haben wenig Einkommen, geben einen überproportional großen Teil davon für Energie aus und verbrauchen überdurchschnittlich viel Energie, weil sie in schlecht isolierten Wohnungen leben oder mit Gas oder Radiatoren heizen müssen. Hier muss man sich politisch etwas überlegen!

Inwiefern kann die Bundesregierung gegen die Inflation überhaupt ankämpfen? Auf den Krieg in der Ukraine oder die Geldpolitik der EZB kann sie kaum Einfluss nehmen …

Ich würde sagen: Sie ist ein Passagier, der mitfährt und minimal ins Lenkrad greifen kann. Der Kurs und das Ziel werden anderswo bestimmt. Man könnte beispielsweise Geld aus dem System nehmen, indem man die Senkung der Körperschaftsteuer, die alleine nächstes Jahr 500 Millionen Euro kosten wird, zurücknimmt. Aber insgesamt kann man so viel nicht machen. Es bleibt natürlich zu hoffen, dass der Krieg in der Ukraine möglichst bald vorbei ist, Russland wieder zur Vernunft kommt. Dadurch könnte man Sanktionen zum Teil wieder aufheben, die Nervosität auf den Märkten wäre geringer – und dann könnte es auch schnell wieder vorbei sein mit diesem Inflationsschock.

Was kann die Regierung mit Blick auf Lohnabhängige trotzdem tun?

Für die geringen Einkommen muss man die Sozialleistungen an die Teuerung anpassen. Wir haben einige Sozialleistungen, die in den letzten 20 Jahren nicht angepasst wurden. Beispielsweise die Studienbeihilfe, das Pflegegeld oder die Familienbeihilfe. Noch wichtiger wäre, jene Versicherungs- und Sozialleistungen, die die breite Masse beziehen, wie Mindestpension, Mindestsicherung und Arbeitslosengeld, anzuheben, um auszuschließen, dass Bezieher:innen unterhalb der Armutsschwelle leben müssen. Hier braucht es eine dauerhafte Anhebung. Einmalzahlungen, wie sie die Bundesregierung bisher vorgenommen hat, reichen nicht aus. Wir brauchen eine dauerhafte, nachhaltige Anpassung, denn die Inflation wird morgen nicht vorbei sein. Würde die Regierung diese Versicherungs- und Sozialleistungen anheben, wäre viel Not gelindert. Die Sozialpartner wiederum müssen schauen, dass die Löhne mit der Teuerung halbwegs mithalten können. Ein effektiver Mindestlohn von 1.800 Euro würde zudem Geringverdiener:innen besser schützen.

Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.

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