Lohnverhandlungen: Inflation plus X

Rainer Wimmer führt die Lohnverhandlungen.
Rainer Wimmer, PRO-GE-Vorsitzender und SPÖ-Abgeordneter zum Nationalrat, streitet für höhere Löhne. | © Markus Zahradnik
Wegen der hohen Inflation sind die Lohnverhandlungen kompliziert. Doch die sind wichtig, damit die steigenden Preise die Arbeitnehmer:innen nicht ärmer machen. Dank üppiger Gewinne und guten wirtschaftlichen Prognosen ist die Ausgangslage gut.
Gleich zu Beginn ein Blick in die USA. Der vereinfacht das Verständnis für Lohnverhandlungen in Zeiten der Inflation. Bernie Sanders, der ewige dritte Präsidentschaftskandidat, veröffentlichte eine Liste, auf der er die Gewinn- und gleichzeitigen Preissteigerungen von Unternehmen gegenüberstellte. Nach dieser Aufstellung konnte Amazon seine Gewinne im Jahr 2021 um 75 Prozent steigern – auf 35 Milliarden Dollar. Gleichzeitig erhöhte der Konzern den Preis für den Prime-Service in den USA um 16,8 Prozent.

Lohnverhandlungen in Zeiten hoher Inflation

Netflix habe seinen Gewinn beinahe verdoppelt – auf 5,3 Milliarden Dollar –, während der Abo-Preis um 10,7 Prozent stieg. Der Gewinn von Nike legte um 125 Prozent zu (auf 5,7 Milliarden Dollar), während sie die Sportartikel um 10,5 Prozent teurer machten. FedEx konnte gar 307 Prozent mehr erwirtschaften (5,2 Milliarden Dollar), nur um die Preise um 5,9 bis 7,9 Prozent anzuheben.

Lohnverhandlungen in Zeiten der Inflation
© Adobe Stock/Andrey Popov

Das sind alles keine Einzelfälle. Auch die Restaurantkette Chipotle (+26 Prozent), Starbucks (+31 Prozent), McDonald’s (+59 Prozent), Shell, ExxonMobil und BP (+60 Prozent) konnten ihre Gewinne drastisch steigern, während sie gleichzeitig die Preise anhoben. Größeren Erfolge bei den Lohnverhandlungen gab es bei diesen Firmen nicht. Inflation ist also kein Naturphänomen, auf das der Mensch keinen Einfluss hat. Was für Konsument:innen steigende Kosten sind, ist für nicht wenige Unternehmen nur der Wunsch nach höheren Profiten.

Steuersenkungen werden nicht an Kunden weitergegeben

In Österreich läuft es nicht anders. In der Pandemie griff der Staat der Gastronomie mit einer temporären Mehrwertsteuersenkung unter die Arme. Die galt bis zum Jahresbeginn 2022. Doch die Rücknahme dieses Steuergeschenks hat dazu geführt, dass die Restaurants ihre Preise anheben. Die Rückkehr auf das Vorkrisenniveau müssen jetzt die Kund:innen ausbaden, erklärt Michael Ertl. Er ist Referent für Konjunktur- und Verteilungsfragen in der Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der AK Wien sowie Lektor an der WU Wien. Er erläutert gegenüber Arbeit&Wirtschaft: „Die Senkung der Mehrwertsteuer in der Gastronomie und Hotellerie war temporär und diente zur Absicherung in der Krise. Sie wurde am Jahresanfang zurückgenommen. Jetzt deuten Studien und erste Zahlen darauf hin, dass diese Anhebung der Steuer auf das Normalniveau zum Teil an die Verbraucher:innen weitergegeben wird.“

Noch extremer ist es bei den Energieversorgern. Österreich ist gebenedeit mit Wasserkraft und bezieht 81 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen. Ertl: „Bei Energieunternehmen, die Strom aus erneuerbaren Quellen bekommen, sind die Produktionskosten nicht gestiegen, sie verkaufen den Strom aber trotzdem zum Marktpreis, der aktuell extrem hoch ist. Dadurch entstehen enorm große Gewinnmargen.“

Konzerne profitieren vom hohen Ölpreis

Trotz des Krieges in der Ukraine ist auch der Ölpreis längst nicht so stark gestiegen, wie einen die Tankstellen glauben machen wollen. Die OPEC-Länder hatten noch vor der russischen Invasion die Fördermenge erhöht. Große Abnehmerländer wie die USA begannen gleichzeitig, ihre enormen Reserven aufzulösen, die sie zu Beginn der Corona-Pandemie aufgebaut hatten. Dennoch stiegen die Preise für Heizöl, Benzin und Diesel um über 20 Prozent. Eine „Gewinn-Preis-Spirale“ nennt das Ertl. Ein Begriff, der aktuell wichtig ist. Denn es stehen Lohnverhandlungen an. In Zeiten hoher Inflation wie jetzt ist eines der populistischsten Argumente gegen steigende Löhne, dass sie die Preissteigerungen nur noch weiter befeuern würden.

„Wenn die Hysterie kommt, dass steigende Löhne die Inflation antreiben, sollte man auch einmal den Perspektivenwechsel wagen: Die Unternehmen machen in einzelnen Branchen sehr gute Gewinne dank hoher beziehungsweise steigender Preise. Das führt dazu, dass die Inflation weiter steigt“, fasst Ertl die Situation zusammen (siehe Beispiele aus den USA). Zumal das Argument dem eigentlichen Sinn von Lohnverhandlungen völlig zuwiderläuft, wie Ertl erklärt: „Es geht bei den Lohnverhandlungen darum, dass die Kaufkraft erhalten bleibt. Dafür muss die Inflation berücksichtigt werden, damit das Realeinkommen nicht sinkt.“

Gehaltsverhandlungen in Zeiten der Inflation

Rainer Wimmer, PRO-GE-Vorsitzender und SPÖ-Abgeordneter zum Nationalrat sowie Bereichssprecher für Industrie, ist einer der Verhandler, die für die Arbeitnehmer:innen einen möglichst guten Abschluss herausholen sollen. Der ist notwendig, wie er betont: „Eine hohe Inflation bedingt hohe Lohnabschlüsse. Denn die Menschen leiden unter der Preissteigerung massiv. Vor allem die, die nicht das große Geld verdienen. Die spüren die Energie- und Lebensmittelkosten.“ Und die Gesamtwirtschaft könne sich mehr Lohn auch leisten, schließlich liege ein starkes Wachstum hinter und vor den Unternehmen.

Rainer Wimmer über Lohnverhandlungen in Zeiten hohe Inflation.
„Eine hohe Inflation bedingt hohe Lohnabschlüsse. Denn die Menschen leiden unter der Preissteigerung massiv“, so Rainer Wimmer. | © Markus Zahradnik

Liegt der Lohnabschluss auf dem Niveau der Inflation, verdienen Arbeitnehmer:innen allerdings real nicht mehr. So können sie sich lediglich weiterhin die gleiche Menge an Waren leisten. Im Jahr 2021 stiegen die Preise um 2,8 Prozent. Allerdings im Jahresschnitt. Im November 2021 lag die Teuerung bei 4,3 Prozent und kletterte auf 5,9 Prozent im Februar 2022. Etwa ein Drittel der Preissteigerungen machen dabei die Energiekosten aus.

Um sich auch wirklich mehr leisten zu können, muss bei den Lohnverhandlungen auch die gestiegene Produktivität berücksichtigt werden – Beschäftigte erwirtschaften in ihrer Arbeitszeit eben immer mehr. Die wuchs im zweiten Quartal 2021 um 7,5 Prozent und im dritten um 2,4 Prozent. Entsprechend gibt sich Wimmer für die anstehenden Verhandlungen optimistisch: „Wir setzen auf der Inflationsrate auf. Dann schauen wir, dass die Arbeitnehmer:innen auch etwas von der gesteigerten Produktivität bekommen. So ergibt sich ein Lohnabschluss.“

Diskussionen vorprogrammiert

Die Frage ist natürlich, ob die Unternehmen auch mitziehen. Da ist Wimmer erst einmal skeptisch. „Es ist immer dasselbe: Vor der Krise geht es nicht, in der Krise muss man sparen, und nach der Krise muss man das Pflänzchen gut behandeln, um das Wachstum nicht gleich wieder abzuwürgen.“ Da sich die Ausgangslage von Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen deswegen grundsätzlich unterscheide, komme es zu handfesten Diskussionen, so Wimmer. Seine Erfahrung sei aber, dass die Vertreter:innen der Gesamtwirtschaft für Fakten und fundierte Argumente durchaus zugänglich seien.

Wichtig sei aufseiten der Gewerkschaften vor allem die Kommunikation. Hier finden unzählige Berufsgruppen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen ein Dach. Eine Abstimmung ist vor den Verhandlungen unumgänglich. Schließlich haben alle in Zeiten der hohen Inflation das gleiche Ziel. Es gilt, den Lebensstandard mindestens zu sichern und möglichst sogar zu verbessern.

Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Domke Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.

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