Home-Schooling: Und jeder Tag ein bisschen Wahnsinn

Emilia und Mascha Home-Schooling
Home-Schooling und Online-Flötenunterricht: Das ist für die Redaktionskinder Mascha und Emilia zum Alltag geworden.
(C) Markus Zahradnik
Wie ist es, ein Kind zu Hause zu unterrichten, zu betreuen, den Haushalt zu bewältigen, nebenbei noch Vollzeit zu arbeiten, und das alles jeden Tag, alleine und isoliert zu Hause? Und was heißt das eigentlich für die Kinder selbst? Unsere Chefin vom Dienst hat aus ihrem persönlichen Alltag erzählt.
Es ist Lockdown, Mittwoch, 8.56 Uhr morgens, die Frühstücksteller türmen sich vollgebröselt am Tisch, und während Mascha, meine siebenjährige Tochter, eilig Zähne putzt und dabei dennoch gurgelnd lautstark vor sich hin trällert, hetze ich durch die Wohnung auf der Suche nach dem zweiten Ladegerät. Beide Laptops stehen schon aufgeklappt bereit, der eine hat noch Batterie, der andere nicht. Ich hab zwar ein gepflegtes Oberteil an, aber trotzdem noch immer die Schlafanzughose, wird schon keiner merken, denk ich, als ich mit der einen Hand in den Chat bei Microsoft Teams „bin gleich online, sorry“ tippe und das andere Gerät bei Zoom einwähle. Drei Minuten später sitzt Mascha an ihrem Schreibtisch im Home-Schooling aka Distance Learning Online-Mathe-Unterricht, im Mundwinkel noch ein bisschen Zahnpasta, und ich checke am Küchentisch – es geht nicht anders, mein Schreibtisch ist schon wieder heillos überhäuft mit Arbeitsdokumenten – in unsere Redaktionskonferenz ein. Geschafft, auf die Minute. Es hat noch nicht einmal begonnen, aber ich bin bereits atemlos.

Laut Arbeitskräfteerhebung gibt es 1,2 Millionen Erwerbstätige mit Kindern, die unter 15 Jahre alt sind.

Dass ich als Alleinerziehende überhaupt zwei Laptops habe und nicht beispielsweise aufs Handy ausweichen muss, ist allein meinem Arbeitgeber zu verdanken, der mir bereits im ersten Lockdown einen Firmenlaptop bereitgestellt hat. Und dass ich stets spontan irgendwelche Unterlagen ausdrucken kann, dafür danke ich an dieser Stelle meiner Nachbarin im Stock unter mir. In vielen Haushalten sieht das anders aus. Laut Arbeitskräfteerhebung gibt es 1,2 Millionen Erwerbstätige mit Kindern, die unter 15 Jahre alt sind. Zwar stehen die Schulen prinzipiell auch im Lockdown weiterhin offen, vor Ort gibt es aber lediglich Notbetreuung und Lernunterstützung, keinen Unterricht. Darum greift auch die Sonderbetreuungszeit für Eltern nicht.

Überlastet, sogar das Netz

Die Konferenz ist mittlerweile fortgeschritten. Immer wieder friert das Bild ein, die WLAN-Leitung ist heiß gelaufen, zwei Live-Sessions lassen sie an ihre Grenzen geraten. Auch unser Chefredakteur muss sich im Laufe der Konferenz mehrmals aus- und wieder einloggen, seine Tochter Emilia genießt nämlich parallel Skype-Unterricht mit Oma und Opa, sie haben an diesem Tag nur vormittags Zeit, also kann man nichts machen. Denn dass die Großeltern überhaupt aushelfen und sich jeden Tag mit dem Kind hinsetzen und online lernen, ist eine unverzichtbare Unterstützung für die ganze Familie, schließlich gilt es auch noch Kindergartenkind Ella zu versorgen.

Emilia und Mascha im Home-Schooling: Emilia wird von den Großeltern unterrichtet, Mascha nebenbei von der Mama.
Die privilegierte Familiensituation des Chefredakteurs: Die Großeltern helfen aus und setzen sich jeden Tag mit dem Kind hin und lernen online. Eine unverzichtbare Unterstützung für die ganze Familie, schließlich gilt es auch noch Kindergartenkind Ella zu versorgen.

Ich weiß noch den Moment, als dieses siebenjährige Wesen in meinen vier Wänden wie vom Donner gerührt und vom Blitz erschlagen wurde. Ich weiß es deshalb noch so genau, weil es mich so berührt hat. An diesem Samstagnachmittag, draußen sehr herbstlich, lief am Laptop der ORF-Livestream. Plötzlich trat der Bundeskanzler vor die Kameras und nach verhältnismäßig wenig Drum-herum-Gerede verkündete er auch für Kinderohren deutlich den zweiten Lockdown – und dazu die erneuten Schulschließungen. Es dauerte ein paar Sekunden, dann begann Mascha zu weinen. Und sie sackte ein bisschen zusammen.

„Heißt das, dass ich schon wieder meine Freundinnen nicht sehen kann?“, schluchzte sie. Ich nahm sie in den Arm. „Wie viele Wochen, Mama?“ Sie konnte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass die ganze Klasse sowieso schon wenige Tage später gesammelt in Quarantäne geschickt werden und sich die neue Home-Schooling-Episode in diesem Fall vorziehen sollte. Der Grund: Die Klassenlehrerin wurde positiv getestet. Erst in der Woche zuvor hatte es ihren Kollegen getroffen – übrigens der Musiklehrer von Emilia, der Tochter unseres Chefredakteurs. So steckten unsere Kinder nun in Quarantäne daheim. Immer wieder lassen wir sie miteinander skypen. Ein kläglicher Ersatz für das gemeinsame Herumtoben am Spielplatz, aber wenigstens irgendein Kontakt zur kindlichen Außenwelt.

Mit Home-Schooling geht die Bildungsschere weiter auf

Diese Pandemie macht etwas mit Kindern, das beobachte ich jeden Tag an meinem eigenen (und das macht ja wiederum etwas mit uns als Eltern) – und vor allem zeigen das auch etliche Studien inzwischen. Zwischen dem Beginn des ersten Lockdowns Mitte März und dem erneuten Schulbeginn Anfang September 2020 haben österreichische Schüler*innen lediglich 15 Tage im Klassenzimmer und mehr als 40 Tage zu Hause mit Arbeitsblättern im Home-Schooling gelernt. Laut einer aktuellen Sonderbefragung der Arbeiterkammer zu den Auswirkungen der Corona-Krise kommt jedes zehnte Kind ziemlich oder sogar sehr schlecht mit dem Lernstoff zurecht. Nur bei sechs Prozent stellte die Bildungsunterstützung durch die eigene Familie kein Problem dar. Die treten dagegen überproportional häufig in armutsgefährdeten Haushalten auf. Auch bei Kindern, deren Eltern maximal über einen Pflichtschulabschluss verfügen, sind Lernschwierigkeiten deutlich öfter zu verzeichnen. Home-Schooling bedeutet schließlich nichts anderes als „Parents teaching“ – in der Mehrheit der Fälle nachgewiesenermaßen „Mothers teaching“ – oder manchmal eben auch „Grandparents teaching on Skype“.

Was die Arbeiterkammer-Befragung zudem zeigt: Auch die psychische Gesundheit leidet massiv. Bei fast jedem dritten Schüler bzw. jeder dritten Schülerin hat sie sich seit der Pandemie (subjektiv) verschlechtert. Eltern geben an, dass ihre Kinder häufiger nervös, gereizt oder verängstigt seien. „Diese Muster“, schreiben Elke Larcher und Philipp Schnell auf dem A&W-Blog, „sind konstant über alle Schultypen hinweg und unabhängig von der sozialen Stellung der Eltern beobachtbar.“

Bei uns ist es zwischen nachmittags, wir haben alle Arbeitsblätter und Buchseiten erledigt, ich hab brav alles für die Lehrer*innen abfotografiert und ihnen via WhatsApp zugesendet. Seit Neuestem sind die Eltern angehalten, das vor 15 Uhr zu erledigen, danach endet die Online-Griffbereitschaft der Klassenlehrer*innen. Ja eh, auch Lehrer*innen sind nur Menschen. Wir haben also auch sofort alle Korrekturen vorgenommen, auch die habe ich wieder fotografiert und wieder hingeschickt, mein Handy daneben kurz aus der Hand gegeben, das Kind damit die für die Wörterbuch-Übungen erforderlichen Sprachnachrichten aufnehmen und sie dem betreffenden Lehrer zukommen lassen. Dazwischen hab ich eine Waschmaschine an- und das Geschleudere immer dann auf Pause geschaltet, sobald mein Telefon läutete, ich habe endlich die Frühstücksteller abgespült und Mittagessen gekocht und sogar zwischendurch den Newsletter für unser Magazin zumindest fast fertig geschrieben.

Musikunterricht aus der Hölle

Leider konnten sich meine Nerven nicht wirklich ausruhen, dabei hätte ich das heute so gut brauchen können – denn ihnen droht nun das Schlimmste. Ihre Prüfung heißt: Flötenunterricht. Und zwar die besonders brutale Form des Flötenunterrichts. Home-Schooling Online-Gruppenstunde mit vier Volksschüler*innen und der armen Musiklehrerin via Zoom. Ich bin mir dabei – das nur am Rande erwähnt – auch nicht ganz sicher, wie lange das die Computerlautsprecher noch mitmachen.

Emilia und Mascha Home-Schooling
„Heißt das, dass ich schon wieder meine Freundinnen nicht sehen kann?“, schluchzte Mascha. Ich nahm sie in den Arm. „Wie viele Wochen, Mama?“. Auch Emilia war not amused, wurde mir berichtet.

Ich muss danebenstehen, Noten suchen, umblättern, die Finger an der Flöte des Kindes führen, Mikrofon stummschalten, das Getröte der anderen hören, Stummschaltung wieder aufheben, jetzt das Getröte meines Kindes ertragen, dabei aber auf keinen Fall eingreifen und überhaupt möglichst nicht auffallen, weil ich ja eigentlich gar nicht da bin, ich bin nur eine Art Assistenz-Geist. In der Ferne – meine lyrische Beschreibung für „am Küchentisch“ – sehe ich, wie mein Handy immer wieder nervös aufleuchtet. Neue Anrufe, neue Nachrichten. Ich kümmere mich später drum. Nach der Flötenstunde hat das Kind erst einmal Hunger. Und an die frische Luft – draußen ist es eh bereits stockdunkel – sollten wir ja auch noch irgendwann.

Wirklich konzentriert arbeiten kann ich meist erst, wenn Mascha im Bett ist und schläft. An den Online-Zeiten meiner Kolleg*innen, insbesondere derer mit Kindern, merke ich, dass es ihnen ähnlich geht.

Wirklich konzentriert arbeiten kann ich meist erst, wenn Mascha im Bett ist und schläft. An den Online-Zeiten meiner Kolleg*innen, insbesondere derer mit Kindern, merke ich, dass es ihnen ähnlich geht. Seit März produziert unsere Redaktion auf diese Art und Weise Monat für Monat ein ganzes Magazin aus dem Homeoffice heraus. Wir haben unsere eigenen Organisationssysteme kreiert und uns auf alle Gegebenheiten so gut wie möglich eingestellt.

Was fehlt, nicht nur im Home-Schooling

Aber wo sind eigentlich die Konzepte der Regierung? Wo sind die Strategien für die digitale Schule, für zeitgemäßes Home-Schooling bzw. Distance Learning? Wo sind die Gratis-Laptops für Schüler*innen? Wo sind die Ideen für Präsenzunterricht im Hinblick auf die nächsten Monate, in denen die Pandemie uns noch weiter begleiten wird? Wie sehen die Pläne für Hybrid-Unterricht aus, um die Gruppen zu entzerren? Wo sind beispielsweise angemietete Hotel- und Seminarräume, die gerade lockdownbedingt leer stehen? Nur einfach weiter das Klassenzimmer alle paar Minuten durchlüften oder die Matura um ein paar Tage zu verschieben wird zu wenig sein. Was ist mit Luftreinigungsgeräten, denen inzwischen zum Beispiel diverse deutsche Studien auffallend gute Ergebnisse bescheren und die in unserem Nachbarland längst flächendeckend für den Einsatz in Schulen angedacht werden?

Fast beschleicht einen der Gedanke, die Regierung möge die Organisationskapazitäten, die sie uns Eltern seit einem dreiviertel Jahr fast pausenlos abverlangt, auch endlich einmal selbst an den Tag legen.

Seit Monaten ist nichts weitergegangen. Und fast beschleicht einen der Gedanke, die Regierung möge die Organisationskapazitäten, die sie uns Eltern seit einem dreiviertel Jahr fast pausenlos abverlangt, auch endlich einmal selbst an den Tag legen. Schließlich geht es unter all den geschilderten Problemen ganz vorneweg um die Zukunft einer ganzen Generation. Die sollte bei Investitionen und Einfallsreichtum aber nicht hintanstehen – auch sie muss in dieser Krise gerettet werden. Kein Kind darf zurückbleiben.

Berufstätige Eltern in der Krise. Krisentagebuch 035 mit Eva Wagner-Baldrian

Ob (teilweise) Schulschließung, Quarantäne, fehlendes Verständnis für Homeoffce beim Arbeitgeber oder Sorgen um den Arbeitsplatz: Die Politik muss Eltern stärker unter die Arme greifen, fordert Betriebsrätin Eva Wagner-Baldrian.

Über den/die Autor*in

Anja Melzer

Anja Melzer hat Kunstgeschichte, Publizistik und Kriminologie in Wien und Regensburg studiert. Seit 2014 arbeitet sie als Journalistin und Reporterin für österreichische und internationale Zeitungen und Magazine. Seit März 2020 ist sie Chefin vom Dienst der Arbeit & Wirtschaft.