Gewerkschaftsjugend: Dort sein, wo der Schuh drückt

Inhalt

  1. Seite 1 - Qualität der Lehrausbildung
  2. Seite 2 - Forderungen an die Politik
  3. Seite 3 - Wo es die Mobilisierung der Jugend braucht
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Richard Tiefenbacher, Bundesvorsitzender der ÖGJ, führt eine der größten Jugendorganisationen Österreichs – er fordert die Jugendlichen auf, für ihre Interessen einzutreten, gegen mangelhafte Strukturen – wie etwa in Lehrberufen – aktiv zu werden und zu verändern.
Porträt Richard Tiefenbacher, Vorsitzender der ÖGJ
Tiefenbacher plädiert für ein einheitliches Lehrlingsgehalt im ersten Lehrjahr: „Es wäre super, wenn es 800 Euro Mindestlehrlingseinkommen über alle Branchen gäbe.“

Was fordern Sie von der Politik, damit allen Jugendlichen ein guter Start ins Erwerbsleben gelingen kann?

Mehr auf den sozialpartnerschaftlichen Dialog zu setzen, auf uns einzugehen, sich mit uns an den großen runden Tisch zu setzen; nicht alles in verschlossenen Hallen zu besprechen und uns, die Bevölkerung, die arbeitende Gesellschaft, vor vollendete Tatsachen zu stellen. Und konkret: Passen muss das Lehrlingsgehalt. Es wäre super, wenn es 800 Euro Mindestlehrlingseinkommen im ersten Lehrjahr über alle Berufsbranchen gäbe. Hier könnte die Politik den Ton vorgeben. Das passiert aber nicht.

Lehrlinge in der Coronapandemie

Die Corona-Pandemie hat auch aufgezeigt, wie wichtig der Sozialstaat ist und dass man auch weiter um ihn kämpfen muss. Gleichzeitig sehen wir als Gesellschaft, dass die Klimakrise genauso entschiedenes Handeln verlangt wie die Bekämpfung der Pandemie. Wird von den heutigen Entscheidungsträger:innen genug getan?

Nein, auf keinen Fall. Es wird zwar viel darüber geredet, aber es sind am Ende des Tages nur leere Worthülsen. Die Pandemie hat auch gezeigt, dass die psychische Gesundheit leidet. Ich finde es wirklich schade, dass die Politik zu wenig unternimmt und keine Kampagne startet. Dabei habe ich etwa den Slogan von Werbeplakaten in Richtung „Es ist in Ordnung, wenn es dir nicht gut geht – hier ist eine Telefonnummer, wo du anrufen kannst“ im Kopf. Um zu erfahren, wie es um ihre psychische Gesundheit in Zeiten von Covid-19 steht, haben wir gezielt Lehrlinge gefragt.

Und die Ergebnisse, die da herausgekommen sind, sind wirklich erschreckend. 50 Prozent aller Jugendlichen befinden sich in einer Depression, 27 Prozent haben Schlafstörungen und 17 Prozent haben suizidale Gedanken.

50 Prozent aller Jugendlichen befinden sich in einer Depression, 27 Prozent haben Schlafstörungen und 17 Prozent haben suizidale Gedanken.

Und dann gibt es eine neue Jugendstaatssekretärin, Claudia Plakolm, die die psychische Gesundheit als oberstes Ziel festgeschrieben hat. Sie sagt, ihr sei das total wichtig, der Jugend müsse es gut gehen, deswegen investiere die Regierung jetzt 13 Millionen Euro in den Ausbau der psychosozialen Infrastruktur. Top-Geschichte, denkt man. Aber in Wirklichkeit bringt es den jungen Menschen, die wirklich Hilfe benötigen, nichts, da mit dem Geld nur jeder zehnte Jugendliche erreicht und mit einem Therapieplatz versorgt werden kann.

Es wurde also nicht nur zu spät, sondern auch zu wenig Geld investiert. So kann es nicht weitergehen. Die Standardaussage der Politik ist: Wir haben nicht mehr Handlungsspielraum, denn die Wirtschaft lässt es nicht zu. Aber erinnern wir uns zurück, an den Beginn der Covid-Zeit: Lockdowns, die Wirtschaft ist bewusst heruntergefahren worden. Alles Dinge, über die die Politik immer gesagt hat, sie seien nicht möglich. Oder schauen wir etwa nach Deutschland, dort hat es auch geheißen, es gibt nicht mehr Geld für Sozialleistungen. Dann bricht schrecklicherweise Krieg in der Ukraine aus, und plötzlich kann man 100 Milliarden Euro hernehmen und in die Rüstungsindustrie hineinpulvern. Also die Politik macht genau das, wovon sie immer sagt: Uns sind die Hände gebunden. Um ehrlich zu sein: Ich habe die Schnauze voll, dass die Politik argumentiert, als wäre sie in einem Bondage-Club. Die Politik kann und muss mehr leisten!

Es braucht ein Klimagesetz

Erinnern wir uns zurück, an den Beginn der Covid-Zeit: Lockdowns, die Wirtschaft ist bewusst heruntergefahren worden. Alles Dinge, über die die Politik immer gesagt hat, sie seien nicht möglich. 

Sie haben nun die psychische Gesundheit angesprochen, ein sehr wichtiges Thema, gesamtgesellschaftlich, aber vor allem bei Schüler:innen und Jugendlichen. Sie haben auch die Geldfrage angesprochen, beziehungsweise was die Politik sagt, was der Staat sich leisten kann. Stichwort Klimakrise. Braucht es da nicht auch ein viel stärkeres Investieren und mehr Mut, gesetzliche Regelungen zu ändern? Was braucht es da?

Vor allem braucht es konkrete Handlungen, die nicht auf den Schultern der jungen Menschen ausgetragen werden. Wir warnen ja die Politik. Wir warnen, dass, wenn der Kurs so weitergeführt wird, es um Leben oder Tod gehen wird, vor allem bei der Klimakrise, und dass hier auch endlich ein Umdenken stattfinden muss. Vor allem die Konzerne müssen stark sanktioniert werden, wenn sie sich nicht an Vorgaben halten und glauben, sich Umweltvergehen leisten zu können. Es braucht ein klar ausdefiniertes Klimagesetz, was es ja bis dato auch immer noch nicht gibt.

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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).

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