Gewerkschaftsjugend: Dort sein, wo der Schuh drückt

Porträt Richart Tiefenbacher, Vorsitzender der ÖGJ
„Ich habe die Schnauze voll, dass die Politik argumentiert, als wäre sie in einem Bondage-Club.“ Richard Tiefenbacher, Bundesjugendvorsitzender ÖGJ
Fotos (C) Markus Zahradnik

Inhalt

  1. Seite 1 - Qualität der Lehrausbildung
  2. Seite 2 - Forderungen an die Politik
  3. Seite 3 - Wo es die Mobilisierung der Jugend braucht
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Richard Tiefenbacher, Bundesvorsitzender der ÖGJ, führt eine der größten Jugendorganisationen Österreichs – er fordert die Jugendlichen auf, für ihre Interessen einzutreten, gegen mangelhafte Strukturen – wie etwa in Lehrberufen – aktiv zu werden und zu verändern.
Jetzt haut die Jugend mit der Faust auf den Tisch – wenn es nach Richard „Richie“ Tiefenbacher geht, dem neuen Vorsitzenden der Österreichischen Gewerkschaftsjugend. Aus vielen Gründen: Zwar gibt es nun – Stichwort: Fachkräftemangel – genügend Lehrstellen, es fehlt aber an Qualität in der Lehrausbildung. Die Pandemie hat bewirkt, dass es um die psychische Gesundheit der jungen Menschen schlecht steht – aber nichts wird dagegen getan. Die fühlen sich im Stich gelassen. Die lebensbedrohliche Klimakrise erfordert nun endlich ein radikales Umdenken – und ein Klimagesetz. Und trotz Rekordinflation muss das Leben leistbar bleiben – weshalb sich die Arbeitgeberseite bei den heurigen Kollektivvertragsverhandlungen anschnallen sollte.

Richard Tiefenbacher im Interview

Arbeit&Wirtschaft: Sie sind seit einigen Monaten Bundesvorsitzender der Österreichischen Gewerkschaftsjugend. Wie viele Mitglieder hat die Gewerkschaftsjugend und wie kommt die Gewerkschaft ihrerseits mit Jugendlichen in Kontakt, um bei ihnen Interesse für die Rechte von Arbeitnehmer:innen zu wecken?

Richard Tiefenbacher, geb. 1998 in Korneuburg, Ausbildung zum Bürokaufmann bei der Stadt Wien, 2018 Bundes- und Wiener Landesjugendreferent bei younion, ab 2019 ihr Bundes- und Wiener Landesjugendvorsitzender. Seit 2020 ÖGJ Landesjugendvorsitzender Wien und seit Ende 2021 deren Bundesjugendvorsitzender.

Richard Tiefenbacher: Wir sind eigentlich ein bunter Haufen, weil nicht nur die verschiedensten Berufe bei uns vertreten sind, sondern auch die verschiedensten Persönlichkeiten. Wir haben 38.000 Mitglieder unter 19 Jahren und 145.000 unter 30. Wie versuchen wir zu den Jugendlichen durchzukommen? Einerseits auf Social Media mit einem guten Videoauftritt, mit Postings zu aktuellen politischen Geschehnissen. Das Wichtigste als Gewerkschafter:in ist jedoch, das persönliche Gespräch zu führen. Wir gehen in die Berufsschulen, Betriebe und fragen die Schüler:innen und Lehrlinge, wo der Schuh drückt und wo sie Unterstützung brauchen.

Die Corona-Jahre waren vor allem für junge Menschen, die versucht haben, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, eine schwierige Zeit. Manche sind schon bei ihrem Schulabschluss gestrauchelt, andere konnten keine Lehrstelle finden. Sie kennen Ihre Mitglieder und deren Sorgen und Nöte: Wie stellt sich hier aktuell die Situation dar?

Corona war wirklich keine schöne Zeit, da vor allem Lehrlinge und Berufsschüler:innen immer vergessen worden sind. Das hat sich etwa bei der Bereitstellung der Selbsttestkits gezeigt, wo nicht an die Berufsschulen gedacht wurde. Wir, die Österreichische Gewerkschaftsjugend, haben gemeinsam mit der Arbeiterkammer alle Berufsschulen mit Laptops und Tablets versorgt, damit die Schüler:innen auch im Homeoffice ihre Ausbildung gut weitermachen können. Die Politik hat sich da nicht gekümmert. Insgesamt gesehen, lässt die technische Ausstattung in den Schulen zu wünschen übrig. Da gehören viele Investitionen getätigt.

Insgesamt gesehen, lässt die technische Ausstattung in den Schulen zu wünschen übrig. Da gehören viele Investitionen getätigt.

Richie Tiefenbacher, ÖGJ-Vorsitzender

Der Lehrstellenmarkt hat sich erholt

Wie schaut es mit Lehrstellen aus? Wenn Jugendliche suchen, hat sich die Situation da inzwischen entspannt oder ist es nach wie vor schwierig? Ich denke da an Branchen wie Gastronomie und Hotellerie, wo es ja auch so lange Schließungen gab und wo jetzt einerseits über den Fachkräftemangel geklagt wird, aber sich andererseits die Frage stellt: Werden da noch genügend Lehrlinge ausgebildet?

Wir reden immer von Fachkräftemangel – und das stimmt auch, den gibt es tatsächlich. Der Lehrstellenmarkt hat sich aber eindeutig erholt, es gibt wieder mehr offene Lehrstellen als Lehrstellensuchende. Die Problematik ist aber noch immer die Ausbildungsqualität. Und Sie haben es angesprochen: Vor allem die Hotellerie, die Gastronomie, der Tourismus sind nicht zu Unrecht verschrien.

Der Lehrstellenmarkt hat sich aber eindeutig erholt, es gibt wieder mehr offene Lehrstellen als Lehrstellensuchende. Die Problematik ist aber noch immer die Ausbildungsqualität.

Einen guten Einblick bietet der „Lehrlingsmonitor“. Da haben wir mehr als 6.000 Jugendliche befragt, wie es ihnen eigentlich so in ihrer Ausbildung geht. Und da ist nichts Gutes herausgekommen. Vor allem in Hotellerie, Gastronomie und Tourismusbranche sind unfreiwillige und unbezahlte Überstunden gang und gäbe, ebenso wie ausbildungsfremde Tätigkeiten. Ich mache zum Beispiel meine Ausbildung an der Rezeption, und dann kommt der Chef und sagt: Du hast jetzt eh nichts zu tun, der Rasen draußen schaut nicht so schön aus, geh jetzt bitte einmal Rasen mähen und Unkraut jäten. Das geht einfach nicht.

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  2. Seite 2 - Forderungen an die Politik
  3. Seite 3 - Wo es die Mobilisierung der Jugend braucht
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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).

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