Lehrlingsausbildung in Österreich: Von weißen und schwarzen Schafen

Fotos (C) Markus Zahradnik
Mit dem Lehrlingsmonitor haben Gewerkschaftsjugend und Arbeiterkammer zum vierten Mal die größte Befragung unter den 108.000 Lehrlingen in Österreich durchgeführt, Schwerpunkte waren dabei wie in den letzten Jahren Ausbildungsqualität, aber auch die Ausbildungsbedingungen während der Corona-Pandemie. Ein Kommentar von Christian Hofmann, Bundesjugendsekretär der GPA.
Grob gesprochen geben zwei von drei Lehrlingen im Rahmen der Befragung zum 4. Österreichischen Lehrlingsmonitor an, mit ihrer Lehre zufrieden zu sein. In vielen Lehrberufen lässt sich aber eine deutliche Ernüchterung kennen:

  • Im Beruf Einzelhandelskaufmann/frau zum Beispiel waren 62 Prozent zu Beginn ihrer Ausbildung vom Beruf begeistert, im dritten Lehrjahr sind es nur mehr 44 Prozent.
  • Knapp über ein Dritte aller Lehrlinge wird mehr oder weniger regelmäßig zu Arbeiten herangezogen, die eigentlich nichts mit der eigentlichen Ausbildung zu tun haben.
  • Erfreulich ist, dass 34 Prozent der Lehrlinge ihren Berufswunsch realisieren konnten.
  • 40 Prozent geben ihren gelernten Beruf als einen jener Berufe an, in dem sie in Zukunft arbeiten wollen.
  • Die restlichen 23 Prozent sehen ihre duale Ausbildung nicht als Wunschberuf bis hin zur Notlösung an.

Hier weichen die Ergebnisse stark von Beruf zu Beruf ab, so war der erlernte Beruf für 68 Prozent der Mechaniker:innen der Traumberuf – aber nur für 16 Prozent im Bereich Einzelhandel. Der Personalmangel in vielen Bereichen zeigt sich auch bei den Lehrlingen: 29 Prozent geben an, regelmäßig Überstunden zu machen, obwohl Lehrlinge keinesfalls zur Aufrechterhaltung des Betriebes zu nutzen sind.

Christian Hofmann ist Bundesjugendsekretär der Gewerkschaft GPA. Er beschäftigt sich hauptberuflich mit der Lehrlingsausbildung und dem Berufseinstieg junger Menschen.

Corona und die Lehrlingsausbildung

Corona hat die Lehrausbildung tief erschüttert.

  • 19 Prozent der befragten Lehrlinge befinden sich derzeit in Corona-Kurzarbeit. Besonders in den Branchen Hotellerie, Gastronomie, Freizeitwirtschaft und Körperpflege befinden sich viele Lehrlinge in Kurzarbeit.
  • 45 Prozent berichten, dass sie trotz dieser Situation weiterhin ausgebildet werden.
  • 19 Prozent werden eher nicht oder gar nicht mehr ausgebildet.

Auf Initiative der Gewerkschaft wie auch des AMS und der Wiener Landespolitik, wurden zum Beispiel Lehrlinge der Hotellerie in geschlossenen Hotels weiterhin in Form von „Übungshotels“ ausgebildet. Der dramatische Anstieg der Corona-Zahlen wird solche kreativen Maßnahmen vermutlich bald wieder notwendig werden lassen bzw. wird ein Ausbau der bestehenden Kapazitäten benötigt.

Mitbestimmung am Arbeitsplatz ist wichtig für Ausbildungsqualität

Die letzte ÖVP-FPÖ Regierung wollte den Jugendvertrauensrat als betriebliche Interessensvertretung der Lehrlinge und jungen Menschen im Betrieb noch abschaffen. Der zähe Widerstand der Gewerkschaftsbewegung dagegen hat sich aber ausgezahlt und die Regierung nahm von ihrem Vorhaben Abstand. Wird in einem Betrieb die Mitbestimmung gelebt und haben Lehrlinge ein Sprachrohr zu ihrer Vertretung, steigt meist die Identifikation mit dem Unternehmen und Probleme können einfacher gelöst werden. Sowohl Auszubildende wie auch Betrieb profitieren davon, wenn Jugendliche eine Stimme haben.

Wird in einem Betrieb die Mitbestimmung gelebt und haben Lehrlinge ein Sprachrohr zu ihrer Vertretung, steigt meist die Identifikation mit dem Unternehmen und Probleme können einfacher gelöst werden. Sowohl Auszubildende wie auch Betrieb profitieren davon, wenn Jugendliche eine Stimme haben.

Was in der Lehrlingsausbildung jetzt getan werden muss

Die Lehre ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg der österreichischen Volkswirtschaft. In wenigen Ländern gibt es ein so gutes Instrument der Fachkräfteausbildung, doch auf Lorbeeren ausruhen ist zu wenig. Die Lehre muss an Attraktivität gegenüber schulischer/akademischer Ausbildung gewinnen. Ein maßgeblicher Faktor ist die Höhe der Lehrlingseinkommen. Umso wichtiger war die Forderung von GPA und PRO-GE nach mindestens 1000 Euro Lehrlingseinkommen in der Metallindustrie und ein KV-Abschluss mit einer Steigerung der Lehrlingseinkommen um mehr als 6 Prozent. Neben dem Einkommen muss die duale Ausbildung auf die Anforderungen der Digitalisierung angepasst werden. So fordert die Gewerkschaft für Lehrlinge im Handel einen Digitalisierungsbonus von 250 Euro. Bei den Eisenbahnunternehmen konnte sogar der Anspruch auf ein digitales Endgerät ausverhandelt werden.

Die Lehre muss an Attraktivität gegenüber schulischer/akademischer Ausbildung gewinnen. Ein maßgeblicher Faktor ist die Höhe der Lehrlingseinkommen.

Neben Bezahlung und Digitalisierung müssen die Rahmenbedingungen passen: Es ist nicht verwunderlich, dass vielfach die Lehrlinge aus der Gastronomie/Tourismus jene sind, die vielfach nach Beendigung der Ausbildung die Branche verlassen. Schon in der Ausbildung bekommen sie mit, dass die Bedingungen, was Arbeitszeiten und Bezahlung anbelangt, nicht attraktiv sind und verlassen dann schnell die Branche. ÖGB und Arbeiterkammer fordern zur Mitte der Lehrzeit verpflichtende Kompetenzchecks, damit die Lehrlinge wissen, ob ihre Fertigkeiten dem erwarteten Stand entsprechen. Die betrieblichen Ausbildner:innen spielen eine wichtige Rolle, ihre Qualifikationen stellen einen wichtigen Beitrag zur Qualität der Ausbildung dar, Betriebe müssen mehr auf die regelmäßige Weiterbildung ihrer Ausbildner:innen achten.

Fachkräftemangel bekämpfen heißt: Neue Wege gehen

Zum Beispiel in IT-Berufen fehlen 24.000 Fachkräfte, Milliarden an Wertschöpfung gehen dadurch für Unternehmen wie auch für die Volkswirtschaft verloren. Die IT-Unternehmen bilden derweil weniger als 800 Lehrlinge aus, deshalb hat die Gewerkschaft bei den KV-Verhandlungen die Forderung nach einem Ausbildungsfonds gestellt. Alle Unternehmen der Branche zahlen darin ein. Unternehmen, die ausbilden, erhalten wiederum daraus Förderungen. Dies soll auch in einem Bereich, welcher sich permanent über Fachkräftemangel beklagt, zu einer Steigerung der betrieblichen Ausbildung führen.