Politisches Interesse von Jugendlichen: Eine Frage des Geldes

Vereinfacht lässt sich sagen: Politisch wird, wer Geld hat. Wer keines hat, hat oftmals das Vertrauen in die Institutionen verloren. Gerade die Corona-Krise hat gezeigt, wie wenig Gewicht die Interessen der Jugend haben. Ein gefährlicher Trend.
Die gute Nachricht zuerst: Jugendliche werden zunehmend politischer. Unter ihnen steigt die Wahlbeteiligung. Sie stellen sogar die einzige Bevölkerungsgruppe dar, bei der der Anteil an Parteimitgliedschaften nicht zurückgeht. Das politische Interesse von Jugendlichen ist hoch. Sie brennen für eine Vielzahl von Themen. Vom Umweltschutz über soziale Ungerechtigkeit bis zur betrieblichen Demokratie. Die schlechte Nachricht ist, dass sie keinerlei Vertrauen mehr haben in die handelnden Akteur:innen. Das schließt Politiker:innen ebenso mit ein wie Wirtschaftsbosse und Meinungsbildner:innen.

Politisches Interesse von Jugendlichen

Wenn Jugendliche über Politik sprechen, dann geht es um verlorenes Vertrauen. Darum, in den vielleicht schwersten Jahren, die sie je erlebt haben, mutterseelenallein dazustehen. 87 Prozent der Jugendlichen fühlen sich von der Politik gar nicht oder wenig vertreten, ermittelte das Sozialforschungsinstitut SORA in der Studie „Junge Menschen und Demokratie in Österreich 2021“. Verdruss trieft aus diesen Zahlen. In Frankreich ließ sich live miterleben, welche Folgen das hat. Vor dem zweiten Wahlgang führte Marine Le Pen, die Rechtspopulistin, die gegen das Establishment geifert, bei Umfragen von Ipsos und YouGov in allen Altersgruppen unterhalb von 60 Jahren gegen Emmanuel Macron.

„Jugendliche fühlen sich von der Erwachsenenwelt nicht ernst genommen. Ihre eigenen Gefühle und Interessen scheinen keine Relevanz zu haben. Warum sollte jemand wählen gehen und sich engagieren, der permanent das Gefühl hat, dass seine eigenen Wünsche keine Rolle spielen?“, fragt Matthias Rohrer vom Institut für Jugendkulturforschung rhetorisch. Er ergänzt aber: „Die Jugend distanziert sich von der Institutionenpolitik. Sie ist aber nicht politikdistanziert.“ Ein wichtiger Unterschied, der sich mit der Art der Politisierung erklären lässt. Zwei Faktoren sind hier wesentlich. Der erste ist die Corona-Pandemie, die große Krise vor allem der jungen Generationen. Sie trugen einen erheblichen Teil der Last und erhielten kaum Erleichterungen.

„Junge Menschen hat die Politik vor allem im ersten Jahr der Pandemie vergessen. Gleichzeitig hat man ihnen viel abverlangt. Dass wir uns um die Alten kümmern müssen, ist vor allem von der Jugend aufgenommen worden. Die Nachbarschaftshilfe hat bei jungen Leuten enorm zugenommen“, klagt Martina Zandonella an. Sie ist Forscherin am SORA-Institut und hat sich auf Demokratie- und Partizipationsforschung, Ungleichheit und politische Psychologie spezialisiert. Quasi das Dreieck der politischen Jugendforschung.

Bildungsweg entscheidend

Der zweite zentrale Faktor bei der Politisierung von Jugendlichen ist der ökonomische Hintergrund. Also die Frage, wie viel Geld in der Familie verfügbar ist. Je mehr vorhanden ist, desto politischer ist der Nachwuchs. Theoretisch wäre auch die Bildung ein wichtiger Faktor. Aber alle Expert:innen im Bereich der Jugendforschung betonen unisono, dass der ökonomische Graben alle anderen Unterscheidungsmerkmale unwichtig macht.

„Der Stadt-Land-Unterschied ist gar nicht so bedeutend. Der große Spalt ist der ökonomische. Der überdeckt alles. Prekäre Jugendliche auf dem Land und in der Stadt sind sich ähnlicher als Jugendliche, die ökonomisch oben oder unten stehen“, fasst Zandonella zusammen.

Die Jugendlichen, die sich für die Mittelschule entscheiden, lernen kaum etwas darüber, wie sie sich politisch einbringen können. Anders die Kinder, die das Gymnasium besuchen. Ihnen bringen Lehrer:innen bei, wie das politische System funktioniert und an welchen Rädern sie selbst drehen können. Selbst Nationalratssitzungen würden besucht, erklärt Zandonella.

Statistik: Politisches Interesse von Jugendlichen in Zahlen.

Den Bildungseinrichtungen in Österreich würde es nicht gelingen, die unterschiedlichen Startvoraussetzungen auszugleichen. Weil die Entscheidung, wer in die Mittelschule und wer aufs Gymnasium geht, aber sehr früh falle, falle auch die Entscheidung sehr früh, wen die Schule über Politik aufklärt und wen eben nicht. Zandonella: „Politisch sind wir gleich. Das ist, was unsere Demokratie ausmacht. Aber das ist in der Praxis nicht gegeben.“

Persönliche Lebenswelt politisiert

Bei allen Unterschieden zwischen den Jugendlichen sind die Themen, für die sie sich interessieren, erstaunlich ähnlich, weiß Rohrer aus seinen Studien. „Die sorgenvolle Zukunft ist ein großes Thema. Es gibt ein Basisgefühl, dass ganz viel passiert, das negativen Einfluss auf die persönliche Lebenswelt hat. Der Klimawandel, die Schere zwischen Arm und Reich und die Leistbarkeit des Lebens sind da ganz oben auf der Liste.“

Wichtig sei auch ein persönlicher Bezug. Das politische Thema müsse die eigene Lebensrealität betreffen. Das würde beispielsweise die aktuelle Klimaschutzbewegung von der aus den 1970er und 1980er Jahren unterscheiden. Damals ging es um einen globalen Umweltschutz. Um den Regenwald, der gefällt wird, und um exotische Tiere, die aussterben. Heute würde der Klimawandel aber sehr konkret die eigene Zukunft gefährden. Oft unterscheiden sich allerdings die Gründe, warum die Themen wichtig seien. So sei zwar für beinahe alle Jugendliche der Umweltschutz eine der Top-Prioritäten, aber aus unterschiedlichen Sorgen heraus. Während es Jugendlichen auf dem Gymnasium darum geht, das Klima zu erhalten, gehe es jungen Menschen in der Ausbildung um die langfristige Jobsicherheit.

Alle haben eine Stimme

Entsprechend wichtig sei Jugendlichen aus weniger privilegierten Verhältnissen vor allem die betriebliche Demokratie, erklärt Zandonella. Erstens würden viele Unternehmen das ausgleichen, was die Schulen versäumt haben. Ausbildner:innen seien oft die ersten Lehrer:innen im Schulleben eines Jugendlichen, die vermitteln würden, warum Politik und die eigene Meinung wichtig sind. Hier könnten sie auch sehen, dass Diskussionen, Wahlen und betriebspolitische Entscheidungen einen direkten Einfluss auf das eigene (Berufs-)Leben hätten, führt Zandonella weiter aus. Das würde viele Defizite ausgleichen.

Der Betrieb habe bei der Politisierung der Jugendlichen auch den entscheidenden Vorteil, dass tatsächlich jeder eine Stimme habe. In Wien sei ein Drittel der Jugendlichen allein deswegen nicht stimmberechtigt, weil sie keine österreichische Staatsbürgerschaft haben. In Unternehmen, Gewerkschaften und der Arbeiterkammer – die bei der Jugend auch darum in hohes Vertrauen genießen – hat aber tatsächlich jeder eine Stimme.

Martina Zandonella vom Sora Institut über politisches Interesse der Jugendlichen.
„Es gibt einen Wandel im Engagement. Strenge Strukturen und Hierarchien passen nicht mehr zur heutigen Jugend“, bestätigt Martina Zandonella, SORA-Institut.

Damit aus allgemeinem Interesse und Zukunftssorgen politisches Engagement wird, braucht es aber einen konkreten Anlass. So erklärt Zandonella: „Wenn jemand Hilfe braucht, sind die jungen Leute da. Auch Ungerechtigkeit ist ein wichtiger Aspekt. Das bringt Jugendliche dazu, sich zu engagieren. Für eine politische Handlung braucht es dann Gleichgesinnte, ein kollektives Element.“

Neue Formen politischen Engagements

Etwa eine Partei? Nein. Rohrer weiß, dass dieses System nicht mehr in die aktuelle Zeit passt. „Es gibt einen Wandel im Engagement. Nicht nur in der Politik, auch auf Vereinsebene. Das alte Engagement, die strengen Strukturen und die Hierarchie passen nicht mehr zur heutigen Jugend. Die Protestformen der vergangenen Jahre haben all das nicht.“

Ein Aspekt, bei dem es einen großen Unterschied zwischen Stadt- und Landjugendlichen gibt. Denn Letztere würden sich sehr wohl verstärkt in traditionellen Vereinen engagieren. Jugendliche in der Stadt tendieren eher dazu, sich selbst zu organisieren. Wem beides nicht gefällt, der tritt in eine NGO ein oder widmet sich freiwilliger Arbeit wie dem Dienst in der Feuerwehr.

So engagiert die Jugendlichen auch sind, sieht Rohrer dennoch ein Problem. Sie würden sich immer weiter vom politischen Prozess und allen gesellschaftlichen Akteuren dahinter abkoppeln. Hier gelte es gegenzusteuern. Einfache Erfolge könnten damit erzielt werden, die jungen Menschen tatsächlich ernst zu nehmen. Dem Gefühl, dass an sie zuletzt gedacht werde, entgegenzusteuern.

Drei Fakten zum politischen Interesse von Jugendlichen

„Es kann nicht sein, dass 14-jährige Mittelschüler:innen in Interviews sagen, dass sie der Rest der Gesellschaft sind“, zitiert Martina Zandonella aus Studiengesprächen zur SORA-Studie „Junge Menschen und Demokratie in Österreich 2021“. Ihre Schlussfolgerung ist einfach: „Ökonomische Ungleichheit ist etwas, das wir bekämpfen müssen, damit politische Teilhabe möglich ist.“ Zandonella betont, dass die Politisierung durch den ökonomischen Status alle anderen Faktoren überdecken würde. Egal, ob es die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind oder die Unterschiede in der Bildung. Der finanzielle Hintergrund ist es, der Jugendliche am stärksten prägt.

1 / Sechs von zehn Jugendlichen, die in einer finanziell schwierigen Situation leben, beklagten während der Corona-Pandemie eine Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit. Bei Jugendlichen, die sich keine Sorgen um Geld machen müssen, waren es nur vier von zehn.

2 / Die Schuld suchen die Jugendlichen bei der Politik, von der sie sich im Rahmen der Corona-Pandemie im Stich gelassen gefühlt haben. Entsprechend sinkt das Vertrauen. Gerade einmal 22 Prozent der Jugendlichen vertrauen der aktuellen Bundesregierung. Nur 14 Prozent vertrauen den Parteien. Zu diesem Schluss kommt die Jugendstudie des Österreichischen Instituts für Jugendkulturforschung und des Jugendmarktforschungsinstituts tfactory.

3 / Zahlen, die SORA nur bestätigt. 86 Prozent aller Jugendlichen in Österreich sehen demnach ein Korruptionsproblem in der österreichischen Politik. Und auch in diesem Zusammenhang wird der Unterschied des finanziellen Hintergrunds deutlich. Vier von zehn Jugendlichen ohne finanzielle Sorgen halten die Demokratie in Österreich für stark. Aber nur zwei von zehn mit Geldsorgen.

Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Domke Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.

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