500 Millionen Euro Schaden: Was auf Österreichs Baustellen schiefläuft

Zwei Menschen am Bau schauen einen Plan an. Symbolbild: Sozialbetrug hat am Bau System. Was bedeutet das für den österreichischen Staat?
Verzweigte Subunternehmerketten verschleiern Sozialbetrug auf Baustellen. Leidtragende sind Beschäftigte und der Staat. | © Adobestock/skarie
Sozialbetrug ist auf österreichischen Baustellen keine Seltenheit. Über komplexe und undurchsichtige Subunternehmerketten werden Arbeiter:innen gezielt ausgebeutet, und der Sozialstaat wird ausgehöhlt. Wie kann man dem entgegenwirken?
Was der Volksmund gern als „Pfusch am Bau“ verniedlicht, ist ein ausgewachsenes Problem: Sozialbetrug hat im Baubereich System. Bei einer Schwerpunktaktion der Finanzpolizei wurden etwa im Frühjahr bei Kontrollen auf österreichischen Baustellen beinahe 550 Gesetzesübertretungen festgestellt. Die Delikte sind vielfältig, häufig drehen sie sich um Unterentlohnung und Ausbeutung.

„Die Sofortfeststellungen, die wir auf Baustellen haben, also dass zum Beispiel jemand falsch angemeldet ist, Arbeitszeiten nicht aufgezeichnet werden oder eine illegale Ausländer:innenbeschäftigung vorliegt, sind inzwischen eher eine Randerscheinung“, sagt Wilfried Lehner, Leiter der Finanzpolizei. „Das eigentliche Thema sind organisierte und strukturierte Hinterziehungen von Sozialversicherungsbeiträgen und Lohnsteuer. Da spielt sich das wahre Betrugskonzept ab.“ Sozialversicherungsträger und Finanzamt verlieren auf diese Weise Millionenbeträge.

Netz aus Scheinunternehmen

Besonders „Teilschwarzarbeit“ würde laut Lehner ein dramatisches Schadensvolumen verursachen. Arbeiter:innen werden zwar mit einer gewissen Arbeitszeit angemeldet, sind aber viel länger tätig. Den restlichen Lohn gibt es bar auf die Hand – wenn überhaupt. Das Bargeld dafür stammt oft von Scheinfirmen, die Geld waschen, gefälschte Rechnungen stellen und so Einnahmen vortäuschen. Überstundenzuschläge gibt es häufig nicht, geschweige denn Urlaubsgeld oder Diäten. Facharbeiter:innen werden als Hilfsarbeiter:innen eingestuft und um ihren gerechten Lohn gebracht.

Verschleiert werden solche Machenschaften durch verzweigte Subunternehmerketten, die so undurchsichtig sind, dass Arbeiter:innen oft selbst nicht wissen, wo sie angestellt sind. „Wir haben etliche Scheinfirmen, die auf dem Markt gar nicht wirklich existieren“, sagt Lehner. Im vergangenen Jahr haben Scheinfirmen dem österreichischen Staat einen Schaden von 500 Millionen Euro verursacht. Mehr als die Hälfte davon ist auf ausgebliebene Sozialversicherungsbeiträge zurückzuführen, etwa ein Fünftel auf nicht abgeführte Lohnsteuer.

Würden diese Betrugsunternehmen korrekt anmelden und dabei denselben Preis für ihre Leistungen verlangen, dann wären sie im ersten Monat insolvent.

Wilfried Lehner, Leiter Finanzpolizei

In der Baubranche findet durch solche Praktiken zudem eine Wettbewerbsverzerrung statt: Bei der Vergabe von Bauaufträgen ist es oft der Preis, der über den Zuschlag entscheidet. Und über dubiose Geschäftsmodelle drücken Bauunternehmen ihre Preise. „Würden diese Betrugsunternehmen korrekt anmelden und dabei denselben Preis für ihre Leistungen verlangen, dann wären sie im ersten Monat insolvent“, sagt Lehner. Die, die fair und korrekt entlohnen, haben oft das Nachsehen.

Gezielt gegensteuern

Die Arbeiterkammer fordert in diesem Zusammenhang mehr Personal für Kontrollen und die Wiedereinführung des sogenannten Kumulationsprinzips. Mit einer Reform des Lohn- und Sozialdumping-Bekämpfungsgesetzes im Jahr 2021 wurde es abgeschafft, die Strafen sind damit drastisch gesunken. Die Gewerkschaft BauHolz (GBH) will an einer anderen Schraube drehen.

„Der wirksamste Kampf gegen Lohn- und Sozialdumping beginnt nicht auf der Baustelle, sondern dort, wo öffentliche Aufträge vergeben werden“, so der GBH-Vorsitzende und SPÖ-Nationalratsabgeordnete Josef Muchitsch. Das jährliche Beschaffungsvolumen in Österreich beträgt rund 70 Milliarden Euro, etwa jeder dritte Euro davon fließt in den Bausektor. Mit der Initiative „Rot-Weiß-Rot-Bauen“ will die GBH Auftragsvergaben Richtung redliche Unternehmen lenken: „Wer Steuergeld an regionale Betriebe mit fairen Arbeitsbedingungen vergibt, stärkt heimische Arbeitsplätze und entzieht Scheinfirmen sowie Dumpingmodellen die Grundlage.“

GBH-Vorsitzende Josef Muchitsch
Wer Bauaufträge regional vergibt, stärkt den Standort, schafft Perspektiven und hält Steuern und Abgaben im Land“, so der GBH-Vorsitzende Josef Muchitsch. | © Lisa Lux

Die rechtliche Basis dafür ist das österreichische Vergaberechtsgesetz. Je nach Auftragsvolumen gibt es klare Regeln für die Gestaltung von Ausschreibungen. Ab 5,4 Millionen Euro muss europaweit ausgeschrieben werden, alles darunter kann auf nationaler Ebene gelöst werden. Die wichtigsten Grundsätze sind z. B. die Gleichbehandlung aller Bewerber:innen und Bieter:innen, Nichtdiskriminierung oder auch Transparenz. Mit heurigem März ist eine Novelle des Gesetzes in Kraft getreten.

Generalunternehmer statt kleine Firmen

„Jetzt ist es noch klarer festgeschrieben, dass man auf österreichischer Ebene das Gebot der getrennten Vergabe hat“, sagt Martin Schiefer, Rechtsanwalt und Vergaberechtsexperte. Er spielt damit auf sogenannte Generalunternehmen an. Oft würden Gemeinden, wenn etwa der Bau eines Kindergartens ansteht, auf solche zurückgreifen. Sie bieten ein Komplettpaket für Bauleistungen an, vom Rohbau bis zum Fliesenlegen, verlangen dafür aber Zuschläge. Regionale (Klein-)Betriebe würden dabei oft durch die Finger schauen. Die gesetzliche Novelle stelle laut Schiefer nun klar: „Das Generalunternehmen soll die Ausnahme sein und nicht die Regel.“ Stattdessen sollten Aufträge sozusagen gestückelt in kleineren Paketen vergeben werden und dadurch auch die kleinstrukturierte Bauwirtschaft erreichen.

Ein Leitfaden, den die GBH in Zusammenarbeit mit dem Rechtsanwalt erstellt hat, zeigt Gemeinden Möglichkeiten für regionale Vergaben auf, ohne rechtliche Grundprinzipien wie das der Gleichbehandlung zu verletzen. „Einer der Kernpunkte ist, den Gemeinden zu zeigen, wie sie Aufträge so gestalten, dass kleine und mittlere Unternehmen eine faire Chance haben, sie zu bekommen“, sagt Schiefer.

☀️Ein heißes Wochenende steht bevor! Während viele ins Freibad gehen, arbeiten andere auf Baustellen, in der Zustellung oder im Transport. Gute Schutzmaßnahmen gegen Hitze sind daher kein Luxus, sondern dirngend notwendig. #AKTipp #Hitzeschutz #ArbeitnehmerInnenschutz

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— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 19. Juni 2026 um 07:14

Auch verschachtelte Subunternehmerketten könnten so eingeschränkt werden: „Je kürzer und transparenter die Auftragskette, desto geringer das Risiko von Sozialbetrug“, meint der Gewerkschafter und Parlamentarier Muchitsch. „Öffentliche Auftraggeber sollten Subunternehmerketten begrenzen, klare Nachweise verlangen und verstärkt direkt an regionale Fachbetriebe vergeben.“

Dass regionale Betriebe durch die „Rot-Weiß-Rot-Bauen“-Initiative protegiert würden, will Muchitsch so nicht stehen lassen. Es gehe dabei vielmehr um „Verantwortung gegenüber den Menschen, die dieses Land finanzieren“: „Wir wollen keine Grenzen ziehen, sondern öffentliche Gelder intelligent einsetzen. Wer mit Steuergeld baut, soll auch Wertschöpfung, Beschäftigung und Zukunftsperspektiven in Österreich schaffen“, sagt er.

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Über den/die Autor:in

Sarah Kleiner

ist Chefin vom Dienst der Arbeit&Wirtschaft.

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