Betriebliche Weiterbildung statt Fachkräftemangel: Einen schlechten Job gemacht

© Markus Zahradnik
Gegen Fachkräftemangel hilft kein Klagen, sondern – wie eine neue WIFO-Studie zeigt – betriebliche Weiterbildung! Doch Unternehmen lassen das schlummernde Potenzial ihrer Mitarbeiter:innen oft ungenutzt. Warum eigentlich?
In gutes Personal muss man investieren, zeigt sich Eveline Pupeter überzeugt. Sie ist Eigentümerin und CEO von Emporia Telecom in Linz und ehemalige Vortragende für wirtschaftliche Mitbestimmung an der Gewerkschaftsschule. Dass sich Investitionen in das Personal lohnen, erkennen allerdings nicht alle Betriebe in Österreich. Viele jammern lieber, dass sie kein ausreichend gut qualifiziertes Personal haben. Gerne wird dabei vergessen, den potenziellen neuen Mitarbeiter:innen attraktive Angebote in Form von ansprechender Entlohnung, Weiterbildung oder Qualifizierung zu machen. Ein Fehler mit Zukunft!

Fehlende betriebliche Weiterbildung schafft Fachkräftemangel

Aus demografischen Gründen wird das Arbeitskräfteangebot weniger stark wachsen. Das zeigt die neue WIFO-Studie „Qualifizierung als Mittel zur Hebung der Beschäftigungsquote“. Die Beschäftigungsquote in Österreich lag 2021 bei 72,4 Prozent. Im EU-Vergleich fehlt einiges auf Spitzenreiter Niederlande. Und zwar 7,7 Prozent. Die Gründe hierfür? „Es braucht eine Verbesserung der Beschäftigungsmöglichkeiten für Ältere, die Herstellung alters- und alternsgerechter Arbeitsbedingungen, einen Ausbau von hochwertiger und leistbarer Kinderbetreuung sowie von Pflegedienstleistungen für pflegebedürftige Angehörige zur Erleichterung der Vereinbarung von Beruf und Familie“, sagt WIFO-Studienautorin Ulrike Huemer.

Österreich produziert seinen angeblichen Fachkräftemangel also selbst. Denn zur ausbaufähigen Beschäftigungsquote kommt eine Ausgrenzungsquote am Arbeitsmarkt von neun Prozent. Das ist doppelt so hoch wie im EU-Schnitt. „Tatsächlich ist die Teilzeitquote mit 29,4 Prozent sehr hoch. Österreich liegt damit weit über dem EU-Durchschnitt. Bei einer näheren Geschlechterbetrachtung wird ersichtlich, dass rund 50 Prozent der Frauen Teilzeit arbeiten und nur 11,6 Prozent der Männer“, sagt Miriam Baghdady aus dem volkswirtschaftlichen Referat des ÖGB. Baghdady betont die fehlenden, unzureichenden und oft kostenpflichtigen Betreuungsangebote für Kinder, die viel dazu beitragen, dass Österreich den restlichen EU-Staaten im negativen Sinne weit voraus ist.

Fachkräftemangel beheben: Rahmenbedingungen müssen stimmen

Und auch der AK-Wohlstandsbericht 2022 hakt hier ein und fordert flächendeckende und leistbare Kinderbetreuung und Elementarbildung. Außerdem sollten überlange Arbeitszeiten ins Visier genommen werden und eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung erfolgen. Ein Problem in vielen KMUs ist ein anderes, nämlich fehlende Schulungen und Weiterbildungen der Mitarbeiter:innen. Gutes Personal scheint einigen Betrieben nicht allzu wichtig zu sein, wie aus einer AK-Wien-Aussendung aus diesem Mai zu erfahren ist. Mitarbeiter:innen müssen vermehrt selbst in die Taschen greifen, wenn sie zusätzliche Qualifikationen erlangen möchten. Von 2009 bis 2018 ging der Anteil an der betriebsfinanzierten Weiterbildung von 41 auf 31 Prozent zurück, hingegen stieg der selbst bezahlte Anteil der Arbeitnehmer:innen im selben Zeitraum von 29 auf 42 Prozent.

Die Beschäftigten finanzierten sich somit ihre Weiterbildung selbst. Und der Betrieb oder das Unternehmen profitierten davon. „Nicht nur politische Maßnahmen sind an dieser Stelle notwendig. Auch Unternehmen müssen hinterfragen, warum sie aktuell einen Fachkräftebedarf haben. In den letzten Jahren gab es immer weniger Betriebe, die bereit waren, Lehrlinge auszubilden. Aber wer gut ausgebildete Fachkräfte will, muss auch in deren Ausbildung investieren. Personalplanung muss strategisch und auf lange Sicht angelegt werden“, meint Baghdady.

Angewandte Wertschätzung

Dass man für gute Mitarbeiter:innen Geld in die Hand nehmen muss, verstehen manche Unternehmen aber sehr wohl. Emporia in Linz ist so eines. Hier bestehen für das Personal Chancen, sich weiterzubilden und auch intern in andere Abteilungen zu wechseln, wie das Beispiel einer Mitarbeiterin zeigt. „Eine aus der Mongolei stammende Kollegin mit Bleiberecht in Österreich hat sich ganz regulär bei uns für eine Arbeit im Lager beworben. Als sie dann bei uns zu arbeiten anfing, ist sie nach kurzer Zeit an uns herangetreten und hat erzählt, dass sie in Ulan Bator einen Wirtschaftsabschluss gemacht hat und sie gerne in der Buchhaltung aushelfen würde“, erzählt Eigentümerin Pupeter. Die Kollegin bekam die Chance, sich zu beweisen.

Portrait von Eveline Pupeter, Eigentümerin und CEO von Emporia Telekom im Interview über betriebliche Weiterbildung als Mittel gegen Fachkräftemangel.
In gutes Personal muss man investieren, zeigt sich Eveline Pupeter, Eigentümerin und CEO von Emporia Telekom, überzeugt. Dabei geht es darum, Potenziale
zu erkennen, und um interne Weiterbildung.

Zu Beginn „schnupperte“ sie einen Nachmittag pro Woche. „Nach einigen Tagen fragte der Leiter der Buchhaltung, ob man die Kollegin zur Gänze in die Abteilung übernehmen könnte“, so Eveline Pupeter. Nachdem kurze Zeit später aufgrund einer Schwangerschaft ein Platz frei wurde, wechselte die Kollegin aus dem Lager vollständig in die Buchhaltung. „Mittlerweile ist die Mitarbeiterin so weit, dass sie bereits die Ausbildung zur Bilanzbuchhalterin macht“, sagt eine sichtlich stolze Unternehmenschefin.

Fachkräfte sind vorhanden – es braucht betriebliche Weiterbildung

Potenzial ist bei den österreichischen Fachkräften also vorhanden. Mehr Unternehmen müssen umdenken und Beschäftigte nicht als Kostenfaktor sehen, sondern ihren wesentlichen Beitrag zum Unternehmenserfolg wertschätzen. Das umfasst auch Abschlüsse bei den Kollektivvertragsverhandlungen, die einerseits einen weiteren Reallohnverlust vermeiden und dem Arbeitskräftemangel in Unternehmen entgegenwirken.

Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in der Privatwirtschaft, ehe er mit Anfang 30 Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren begann. Er schreibt für unterschiedliche Publikationen in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Sport.

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