„Kein System funktioniert ohne die unbezahlte Arbeit von Frauen“

Künstlerin Barbara Pacholik in ihren Werken der Ausstellung „Große Töchter“.
Die Künstlerin Barbara Pacholik möchte mit ihrer Kunst sichtbar machen, was Frauen für die Gesellschaft leisten. | © Liebentritt
Die Künstlerin Barbara Pacholik porträtierte über mehrere Jahre hinweg Frauen des öffentlichen Lebens, die Österreich prägen. Ein Gespräch über Sichtbarkeit.
Angefangen hat alles mit einem Posting: Anlässlich des Weltfrauentags setzte die Wiener Künstlerin Barbara Pacholik vor mehreren Jahren einen Social-Media-Beitrag ab, mit Bildern und Zitaten bekannter Frauen. Zu der Zeit hörte sie auch den Podcast „Große Töchter“ der Feministin und Autorin Beatrice Frasl. Und in ihrem Kopf verknüpften sich die beiden Konzepte zu einer Idee.

Deren Ergebnis ist derzeit in der Eingangshalle der ÖGB-Zentrale im zweiten Bezirk in Wien zu sehen: Die Ausstellung „Große Töchter“ zeigt gemalte Porträts von Frauen, die Österreichs Gesellschaft auf verschiedene Arten prägen. Die Malereien sind mit QR-Codes versehen, die zu Audio-Interviews mit den Porträtierten führen. Arbeit&Wirtschaft hat sich mit Pacholik über Pin-up-Girls in Männerspinden, Sexismus in der Kunstbranche und die Unsichtbarkeit weiblicher Leistungen unterhalten.

Zur Person
Barbara Pacholik wurde 1973 in Wien geboren. Sie arbeitete von 1991 bis 1999 als Theatermalerin für die österreichischen Bundestheater, ab 1993 absolvierte sie ein außerordentliches Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Ab 2006 arbeitete sie als freischaffende Künstlerin mit Schwerpunkt Porträtmalerei, seit 2015 ist sie Dozentin an diversen Kunsteinrichtungen.

Arbeit&Wirtschaft: Aus der Kulturbranche dringen immer wieder Vorwürfe von sexistischen Verhaltensweisen an die Öffentlichkeit. Wie haben Sie die Szene damals erlebt?

Barbara Pacholik: Ich habe anfangs als Theatermalerin in den Werkstätten der Bundestheater gearbeitet, die sind immer noch im Arsenal in Wien angesiedelt. Es gab sehr wenige Frauen, das war ein klassischer Männerbetrieb. Poster von Pin-up-Girls hingen in den Spinden oder in den Aufenthaltsräumen, es war schon ein sexistisches Umfeld. Generell sind die Arbeitsbedingungen in der Kulturbranche etwa mit Abendveranstaltungen nicht sehr familienfreundlich.

Es gab zudem klare berufliche Hierarchien, im Betrieb aber auch zwischen dem Theater und uns. Wir wurden eher als ausführende Organe und nicht als Künstler:innen wahrgenommen. Ich bin dann weggegangen, um meinen Weg zu finden, und das war gut, weil ich es als Frau wahrscheinlich dort schwieriger gehabt hätte, als vollwertige Malerin anerkannt zu werden.

Und war der Sexismus in der freien Szene weniger stark?

Ich bin nicht per se in die freie Kunstszene gewechselt. Ich habe mit meiner Arbeitskollegin und Vertrauten Sabina Köhlmeier einige Projekte verwirklicht, wir wollten uns auf Wandmalerei spezialisieren, aber dann ist mir die Familiengründung dazwischen gegrätscht. Mir ist aber bewusst, dass es im Kunstbereich große Nachteile für Frauen gibt und sie sich viel mehr behaupten müssen. Da gibt es noch eine starke Schieflage. Meinen Weg zurück habe ich dann unter anderem über die Gründung eines Kinderateliers in Wiener Neustadt gefunden, da habe ich mit der Porträtmalerei begonnen.

Welche Künstlerinnen haben Sie in Ihrem eigenen Stil geprägt?

Da wären etwa Maria Lassnig oder Käthe Kollwitz, mit denen ich mich intensiv beschäftigt habe. Xenia Hausner mag ich wegen ihrer Farbenpracht sehr gern. Sie hat auch Erfahrung im Theaterbereich. Sie inszeniert ihre Motive in einem Setting, macht dann Fotos davon und malt ebenfalls von den Fotos weg. Da gibt es eine handwerkliche Parallele.

Für ihr aktuelles Projekt haben Sie 20 Frauen aus Österreich porträtiert, die sich zivilgesellschaftlich engagieren, in Bereichen wie Flucht, Bildung, Verteilungsgerechtigkeit, Gleichstellung. Wie haben Sie die Frauen ausgewählt?

Das ist eine ganz persönliche Reihe, das möchte ich betonen. Ich bin ein politischer Mensch, und diese Frauen setzen sich für Themen ein, die mir wichtig sind. Begonnen habe ich mit meiner Freundin Kathrin Limpel, die „Fremde werden Freunde“ mitgegründet hat. Die Feministin und Journalistin Elfriede Hammerl wiederum begleitet mich mit ihren Profil-Kolumnen schon seit den 1990er-Jahren.

Ich habe angefangen, Frauen zu interviewen und jede gefragt, wen sie mir für die Reihe empfehlen würden. Und dadurch bin ich auf Frauen gestoßen, die ich noch nicht im Fokus hatte. Ich konnte durch das Projekt meinen Horizont erweitern, das war das Schöne, und ich hoffe, dass es auch den Besucher:innen der Ausstellung so geht.

Barbara Pacholik zwischen ihren Werken.
Barbara Pacholik ist überzeugt, dass Kunst immer politisch ist. | © Liebentritt

Die porträtierten Frauen prägen vor allem durch ihre politische Tätigkeit in der Öffentlichkeit die Gesellschaft. Wird genug wertgeschätzt, wie sehr eine Mutter mit ihrer Erziehungs- und Sorgearbeit die Gesellschaft prägt?

Nein, es wird absolut nicht gesehen. 2027 kommt der Film „Who cares“ von Ina Ivanceanu in die Kinos. Darin werden die Theorien der italienisch-US-amerikanischen Forscherin Silvia Federici zu unbezahlter Sorgearbeit aufgegriffen. Sie forderte schon in den 1970er-Jahren, dass Haus- und Sorgearbeit als ökonomisch zentrale Tätigkeiten anerkannt werden. Die NGO Oxfam hat errechnet, dass, wenn man den Frauen weltweit einen Mindestlohn für ihre Care-Arbeit ausbezahlen würde, das in Summe die dreifache Wirtschaftsleistung der gesamten Tech-Industrie ergeben würde.

Das Bruttoinlandsprodukt bildet die Leistungen von Frauen kaum ab.

Genau, auch die sogenannte Caring Economy hebt das hervor. Die wichtigsten Leistungen in einer Gesellschaft werden aktuell nicht in die Wirtschaftszahlen miteingerechnet. Kein ökonomisches System funktioniert, ohne dass im Hintergrund die unbezahlte Fürsorgearbeit von Frauen gemacht wird.

Welches Echo hat Ihre Ausstellung bisher erzeugt?

Von den porträtierten Frauen habe ich die Rückmeldung bekommen, dass sie sich durchwegs wiederfinden in den Bildern. Die Übergabe eines Bildes ist immer ein intimer Moment für mich. Sieht sich die Person in meinem Blick, erkennt sie sich wieder? Das hat geklappt und ist ein tolles Feedback für mich.

Was ich mir erhoffe, ist, dass sichtbar wird, was diese Frauen leisten, und sich die eine oder andere Person findet, die sagt: „Das ist cool, was die machen. Da rufe ich mal an und frage, ob ich mich einbringen kann.“

Danke an alle Frauen, die wir gemeinsam für die Anliegen unserer Töchter kämpfen. Ich freue mich sehr, dass ich Teil des Projekts von Barbara Pacholik bin – in Vertretung für die vielen nicht genannten Schwestern in Geist und Seele.
Die Bilder sind im Foyer des OGB-Catamarans zu sehen.

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— Nicola Werdenigg 🖇️ (@nicolawerdenigg.bsky.social) 20. Juni 2026 um 14:17

Die Ausstellung „Große Töchter“ ist bis zum 30. September täglich von 8 bis 20 Uhr in der Empfangshalle der ÖGB-Zentrale (Johann-Böhm-Platz 1, 1020) zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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Über den/die Autor:in

Sarah Kleiner

ist Chefin vom Dienst der Arbeit&Wirtschaft.

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