Menschen ohne Privatleben

In China reichte ein chinesischer Journalist gegen das »Rote Kreuz« eine Klage wegen Diskriminierung ein, nachdem ihm das Blutabnehmen verweigert wurde. Die Begründung: Der Mann ist homosexuell. Der schwule ­englische Bischofsanwärter Jeffrey John wurde wegen seiner sexuellen Orientierung von der Nominierungskommission zum zweiten Mal abgelehnt. In den meisten amerikanischen Staaten können ­homophobe ArbeitgeberInnen homo­sexuelle ArbeitnehmerInnen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung entlassen – ohne rechtliche Folgen.

Schwieriges Coming-out
Auch im 21. Jahrhundert ist Homosexualität immer noch ein Tabuthema. Schwule und Lesben müssen nach wie vor für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung ankämpfen. In China galt Homosexualität bis 2001 offiziell als Geisteskrankheit. In der Republik Serbien erachten einer Umfrage zufolge rund 67 Prozent der Bevölkerung Homosexualität als »gefährlich für die Gesellschaft«, 20 Prozent wären sogar dazu bereit, gewaltsam gegen Homosexualität vorzugehen bzw. dies zu rechtfertigen.

In Österreich wagen immer mehr Menschen ihr Coming-out. Dabei müssen sie stets zwei Hürden bewältigen: Auf der einen Seite das Geständnis vor Familie, Freunden und Bekannten. Und auf der anderen Seite dem Arbeitgeber und den ArbeitskollegInnen – ein Schritt, den sich viele homosexuelle Menschen nicht trauen – aus Angst vor Arbeitsplatzverlust.

Seit 2000 ist Josef Hotter als Lkw-Fahrer eines Salzburger Transportunternehmens beschäftigt. Er verheimlichte seine Homosexualität nie und ging mit den Hänseleien zweier seiner Arbeitskollegen gelassen um. Als im Laufe der Zeit die Diffamierungen schlimmer wurden, suchte Hotter bei seinem Arbeitgeber Unterstützung. Sein Chef forderte die Kollegen öfter auf, die Diskriminierungen zu beenden – erfolglos. Monatelang wurde Hotter gemobbt – mit obszönen Aussprüchen verspottet, seine hohe Stimme wurde höhnisch imitiert, er wurde bewusst ausgegrenzt. Mitarbeiter, die sich mit ihm unterhielten, wurden nachher gefragt, ob sie auch schwul seien, weil sie mit ihm reden. Als jedoch ein Kollege, der erst eine Woche in der Firma beschäftigt war, ebenfalls verspottet ­wurde, weil er dem Lkw-Fahrer geholfen hatte, beschloss Hotter einzugreifen und wandte sich 2006 an die Homosexuellen Initiative (HOSI). Über ein Dutzend Salzburger Rechtsanwälte wiesen ihn ab – bis er auf den Anwalt Thomas Majoros traf. Der klagte nach dem seit 2004 gültigen Gleichstellungsgesetz und verlangte immateriellen Schadenersatz. Das Gericht gab Hotter Recht und verurteilte die zwei Lagerarbeiter zu einer Geldstrafe. Nach dem Prozess hörte nicht nur das Mobbing am Arbeitsplatz auf – Hotter gewann im Unternehmen deutlich an Respekt. Für die HOSI und die Gleichstellungskommission war das Urteil ein wichtiges Signal. »Es sollte allen Lesben und Schwulen Mut machen, sich gegen Diskriminierungen in der Arbeitswelt zu wehren«, sagt Kurt Krickler, Generalsekretär der HOSI. Viel zu wenige Betroffene wissen, welch weitgehenden Schutz das Gesetz gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz bietet. Im Glauben, es habe ohnehin keinen Sinn sich zu wehren, haben viele resigniert und finden sich mit den Benachteiligungen ab.

Antidiskriminierungsrichtlinie
Seit 1. Juli 2004 ist in Österreich die ­Antidiskriminierungsrichtlinie der Europäischen Union in Kraft, die Diskriminierungen und Mobbing am Arbeitsplatz u. a. aufgrund der sexuellen Orientierung verbietet. Trotzdem wagen in Österreich nur wenige Homosexuelle ihr Coming-out im Berufsleben, die Angst ist nach wie vor zu groß. »Angesichts der prekären Lage am Arbeitsmarkt ist zu befürchten, dass heutzutage immer mehr Benachteiligungen aus Angst um den Arbeitsplatz resigniert hingenommen werden«, sagt Kurt Krickler. Aus dem Grund suchen sich Lesben und Schwule häufig in verschiedenen Berufsfeldern ihre Nischen, um Mobbing und Diskriminierungen zu entkommen. »Viele Schwule arbeiten als Friseure, Flugbegleiter oder im Service«, sagt Krickler. »Sie sind bekannt dafür, dass sie freundlich sind, die Chefs sehen oft über ihre sexuelle Orientierung hinweg, weil sie tolle Mitarbeiter sind.« Viele Homosexuelle finden auch in der Selbstständigkeit ihre Ruhe – auch im Kreativ- und Kunst- und Kulturbereich. Dabei geht es weniger um Diskriminierung im Arbeitsalltag, als um Gleichberechtigung und das Recht darauf, sich »normal« verhalten zu dürfen.

Die Vorstellung, dass eine Frau ihre Lebensgefährtin erwähnt, ohne dabei schief angeschaut zu werden, scheint für viele lesbische Frauen undenkbar. Dass der schwule Kollege seinen Partner zur Weihnachtsfeier mitbringt, steht ebenfalls außer Frage. »Lesben, Schwule und Transsexuelle wollen gar nicht besonders behandelt werden oder gar einen Sonderstatus haben – sondern als Menschen so genommen werden wie jede/r andere«, sagt Richard Ondraschek von der ÖGB-Themengruppe Lesben, Schwule und Transgender. »Dazu gehört auch das Recht auf Familie. Warum sollten Homosexuelle schlechtere Eltern sein als heterosexuelle Paare?« Es wird wohl noch eine Zeit dauern, mit gezielter Aufklärung Vorurteile abzubauen und Homosexuelle genauso zu sehen wie andere ArbeitskollegInnen.

Gay Cops Austria
»Sexuelle Orientierung darf kein Hemmschuh für die Karriere sein bzw. es soll sich niemand dafür verstecken müssen«, sagt die Vizepräsidentin des ÖGB Sabine Oberhauser anlässlich der Konferenz der European Gay Police Association, der Vereinigung der Lesben, Schwulen und Transgender in der Polizei. Die Konferenz findet alle zwei Jahre statt, heuer fanden sich die Gay Cops Austria in der Rolle der Organisatoren. Die Gay Cops Austria setzen sich dafür ein, die Bewusstseinsbildung innerhalb der Polizei zu stärken, um die Vorurteile zu minimieren und die Akzeptanz zu vergrößern. Die Wiener Polizei startete erst kürzlich eine Kampagne namens «Rat und Hilfe für Lesben, Schwule und Transgender«. Auch im ­Gesundheitswesen gibt es einen Zusammenschluss der Homosexuellen.

Doppelte gläserne Decke
Gleich am ersten Tag des neuen Gesetzes, welches die Homosexuellen-Ehe in Island erlaubte, heiratete die isländische Regierungschefin Jóhanna Sigurdardóttir ihre langjährige Lebensgefährtin. In Öster­reich leben rund 140.000 bis 280.000 lesbische Frauen im erwerbstätigen Alter. Sie haben gleich zwei Bürden zu tragen – denn einerseits sehen sie sich wie heterosexuelle Frauen in Einkommensfragen mit Benachteiligungen gegenüber dem männlichen Geschlecht konfrontiert. Auf der anderen Seite müssen sie zusätzlich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung für Gleichberechtigung ankämpfen. Diese doppelte gläserne Decke raubt viel Energie, Energie, die woanders gebraucht werden könnte.

Auch wenn die rechtliche Lage für die Homosexuellen in Österreich sich gebessert hat, heißt für das einzelne Unternehmen das Zauberwort »Diversity Management«. Die Wahrnehmung und Sensibilisierung der MitarbeiterInnen für Menschen, die sich hinsichtlich ihres Alters, ihrer sozialen und nationalen Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung von dem Gros der MitarbeiterInnen unterscheiden. Homosexuellen ArbeitnehmerInnen stehen Arbeiterkammer und der Österreichische Gewerkschaftsbund zur Seite. Es bleibt zu hoffen, dass immer mehr von Mobbing und Diskriminierung betroffene Menschen den Rechtsweg einschlagen.
Josef Hotter ist übrigens bis heute in dem Salzburger Transportunternehmen tätig. Bei der Klage sei es ihm nie um das Geld allein gegangen, sagt Hotter. Denn obwohl ihm ein Vielfaches der Summe zugestanden wäre, klagte er bewusst auf »nur« 400 Euro Schadenersatz. Seine Entscheidung begründete er damit, keine Rache, sondern nur Gerechtigkeit haben zu wollen.

Weblinks
Homosexuelle im Gesundheitswesen in Österreich
www.homed.at
Gay Cops Austria: Schwule und Lesben in der Polizei
www.gaycopsaustria.at
International Lesbian and Gay Association (ILGA)
www.ilga.org
www.ilga-europe.org

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Von Maja Nizamov, MA | Freie Journalistin

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 07+08/2010.

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