AMS: Was nicht passt, wird passend gemacht

(C) Christopher Glanzl

Inhalt

  1. Seite 1 - Das Drohszenario des Arbeitsministers
  2. Seite 2 - Arbeitslosigkeit in Zahlen
  3. Seite 3 - Betteln beim AMS
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Die drei Erwerbsarbeitslosen in dieser Geschichte sind so unterschiedlich, wie Menschen nun mal unterschiedlich sind. Ihre Geschichten haben eines gemeinsam: an irgendeiner Stelle „passten“ die drei nicht.
Linda Korns* „Kleine“, wie sie ihre Tochter nennt, war ein Jahr alt und krank. Die alleinerziehende Mutter kümmerte sich um ihre „Kleine“. Ging mit ihr zum Arzt. Besorgte Medikamente. Bewerbungen schrieb sie keine. Das Arbeitsmarktservice (AMS) sperrte ihr daraufhin für sechs Wochen ihre Zahlungen. „Ein Horror“, sagt sie.

Leo Gabriel schaffte es vom Tellerwäscher, wenn auch nicht zum Millionär, so doch ziemlich weit nach oben. Bis in die Geschäftsführung eines renommierten Gastro-Unternehmens. Seine „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Story endete 2018, an dem Punkt, an dem der Gesellschafter das Unternehmen plötzlich auflöste. Seither lebt er mit seinem Kind und seiner Frau abzüglich Miete von 1.000 Euro monatlich. Sein Problem: Das AMS kann ihn nur schwer vermitteln, seine Qualifikation ist zu hoch.

Iris Stroj servierte in den vergangenen Jahren Getränke in einem „namhaften 4-Sterne-Hotel“, war in einer Spar-Filiale „das Mädchen für alles“ und lernte im „Dorfwirtshaus“, wie man ordentlich „zurückmeckert“. Dazwischen war die gelernte Friseurin jeweils arbeitslos gemeldet. Ihre Geschichte erzählt sie in Mürzzuschlag, einer Kleinstadt im Nordosten der Steiermark, die junge Menschen wegen fehlender Perspektiven immer öfter verlassen.

Iris Stroj, 28, gelernte Friseurin aus dem steirischen Mürzzuschlag: Erst wurde ihr Betrieb übernommen, dann erwischten sie die Lockdown-Schließungen.

Korn, Gabriel und Stroj sind sich in ihrem Leben höchstwahrscheinlich noch nie über den Weg gelaufen. Sie sind in ihren Eigenschaften so unterschiedlich, wie Menschen nun mal unterschiedlich sind. Ihre Geschichten haben eines gemeinsam: an irgendeiner Stelle „passten“ die drei nicht. Sie passten nicht in ein System, das weniger an den Bedürfnissen einzelner Betroffener als vielmehr am System als solchem interessiert ist. Sie passten nicht in ein System, dessen Vertreter:innen derzeit mehr denn je ideologische und ökonomische Geschütze auffahren, um das, was nicht passt, passend zu machen.

„Normalität“ des Arbeitsministers: ein Drohszenario

Nachdem die Zahl der Erwerbsarbeitslosen infolge der Corona-Krise im vergangenen Frühjahr mit 560.000 arbeitslos gemeldeten Menschen (inklusive Schulungsteilnehmer:innen) einen Höchststand erreichte, konstatierte Arbeitsminister Martin Kocher Mitte September „den schrittweisen Übergang zur Normalität“. Mit 335.000 Arbeitssuchenden bzw. Schulungsteilnehmer:innen bewegt sich die Arbeitslosigkeit, Stand Mitte September, wieder im Bereich des Vorkrisenniveaus.

Dominierten über Monate Themen wie „Kündigungswelle“ und „Kurzarbeit“ die Schlagzeilen, scheint sich diese Entwicklung nun umzukehren: Unternehmen und Betriebe suchen händeringend nach Mitarbeiter:innen. Ende August meldete das AMS knapp 114.000 sofort verfügbare Stellen. Doch, so der Tenor, niemand will sie. „Fachkräftemangel“ allerorts.

Im Verbund mit einflussreichen Boulevardmedien, Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung und AMS schlussfolgert die Regierung öffentlich: Erwerbsarbeitslosen werde das Leben zu bequem gemacht. Viele Stellen blieben nur wegen der üppigen Sozialleistungen unbesetzt.

„Den schrittweisen Übergang zur Normalität“, so Kocher, werde man daher mit entsprechenden „arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen begleiten“ müssen. Schon jetzt setze man beim AMS wieder verschärft auf Sanktionen. In den nächsten Monaten will Kocher einen „Reformdialog“ über die Höhe der Arbeitslosenversicherung, über Zuverdienstmöglichkeiten und Zumutbarkeitsbestimmungen führen. Diskutieren wolle er zudem ein degressives Arbeitslosengeld, mit steigender Bezugsdauer sollen Leistungen sinken.

Der Wiener Leo Gabriel, 29, studierte Politikwissenschaft, sieht sich durch die Arbeitslosigkeit in einer finanziell prekären Lage.

Es ist einer der letzten warmen Sommerabende in Wien. Leo Gabriel bestellt Schwarztee. Aus Journalist:innen-Sicht ist Gabriel eine praktische Angelegenheit. Der 29-Jährige studierte Politikwissenschaft und zu seiner persönlichen Geschichte liefert er die abstrakte, systemische Analyse immer gleich mit dazu. „Was mich beim AMS geprägt hat, ist das Gespräch mit anderen Hochgebildeten“, sagt Gabriel in ruhigem, analytischem Ton. In derselben Tonlage, und nicht weniger bedacht, erzählt er, wie ihn seine Situation belastet. Die finanziell prekäre Lage führe auch zu sozialer Isolation, das Bier mit Freund:innen sei oft nicht mehr drin. Corona habe die Sache nochmals verschärft. Vor wenigen Monaten erlitt er einen Nervenzusammenbruch.

Was mich beim AMS geprägt hat, ist das Gespräch mit anderen Hochgebildeten. 

Leo Gabriel, Arbeitssuchender

Beim AMS habe er Langzeitarbeitslose mit Doktortitel kennengelernt. Das habe ihn zum Nachdenken gebracht: Nur weil Jobs vorhanden sind, muss das nicht heißen, dass die auch passen. Das mit dem allerorts beklagten „Fachkräftemangel“ sei abstrakt gesprochen zwar richtig, aber realiter eine ziemlich „saloppe Formulierung“.


Frauen mit Kindern werden zuletzt eingestellt

Auch wenn die Arbeitslosigkeit derzeit zurückgehe, gibt es für Arbeitgeber eine Reihe von „uninteressanten Gruppen“, erklärt Silvia Hofbauer, stellvertretende Leiterin der Abteilung Arbeitsmarkt und Integration der Arbeiterkammer Wien. Das betreffe neben Langzeitarbeitslosen und über 50-Jährigen vor allem Frauen. Zugespitzt könne man sagen: „Junge Frauen werden seltener eingestellt, denn die könnten ja Kinder bekommen. Frauen mit Kindern werden seltener eingestellt, weil sie zu wenig flexibel sind. Und Frauen mit erwachsenen Kindern sind zu alt.“

Das Gespräch mit Linda Korn klappt erst im vierten Anlauf. Ihre „Kleine“ muss zur Schule gebracht und von dort wieder abgeholt werden. Im Laufe der Woche erkrankt sie dann. Schließlich findet das Gespräch via Telefon statt, die „Kleine“ ist im Hintergrund zu hören. Die 40-Jährige, die ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, machte nach der Hauptschule eine Ausbildung zur Friseurin und arbeitete jahrelang im Einzelhandel. Ihrer Tochter zuliebe gab die alleinerziehende Mutter nach der Geburt ihren Job auf.

Ich überlege mir zehnmal, ob ich 150 Gramm Wurst kaufe. Für diesen Monat bin ich schon so was von flach. 

Linda Korn, arbeitslos

Sieben Jahre ist das nun her. Korn bewirbt sich im Einzelhandel, in Kindergärten und versucht es vor allem als Reinigungskraft. Die Arbeitszeiten seien hier flexibler und sie könne sich dann mehr um ihre heute siebenjährige Tochter kümmern. Vergangenen Oktober konnte sie in einem Wiener Kindergarten anfangen. Bis Mitte November. Dann kam der nächste Lockdown. Und Korn kehrte zum AMS zurück. Inklusive Kindergeld leben sie und ihre Tochter seither von 1.200 Euro im Monat. „Ich überlege mir zehnmal, ob ich 150 Gramm Wurst kaufe“, sagt Korn am Telefon. Wenn ihre „Kleine“, die derzeit die 2. Klasse Volksschule besucht, Geld für einen Schulausflug braucht, wird es richtig eng. „Für diesen Monat bin ich schon so was von flach.“

Ein nüchterner Blick auf die Zahlen

Besonders Gastronomie und Hotellerie beklagen sich derzeit lautstark über einen „Fachkräftemangel“. Nach mehreren Lockdowns, in denen Restaurants, Bars und Beherbergungsbetriebe oft über Monate schließen mussten, haben sich viele anderweitig umgeschaut. Die Branche ist ohnehin nicht bekannt für ihr arbeitnehmer:innenfreundliches Klima. Das AMS vermeldete Ende August 15.300 sofort verfügbare Jobs.

Iris Stroj wundert das kaum. Die heute 28-Jährige – schwarz gekleidet, lila Haare, steirischer Dialekt – hatte Friseurin gelernt. Nach sechs Jahren wurde ihr Betrieb übernommen, mit dem Versprechen, alle Beschäftigten könnten weiterarbeiten. Einen Monat später teilte ihr ihre Chefin das Gegenteil mit, „an einem Samstag, während der Arbeitszeit“. Also bewarb sich Stroj in besagtem 4-Sterne-Hotel als Servicekraft. Arbeitete offiziell 45 Wochenstunden, meist aber 55. Jeweils zwischen 9 und 14 Uhr und dann wieder von 18 bis 23 Uhr. Arbeitsweg: je 45 Minuten. „Eigentlich war da ganze Dog im Oasch“, sagt Stroj. Weil sie meist feiertags und wochenends arbeitete, ging auch ihr Privatleben flöten. Die vier Sterne galten eher den Gästen, weniger dem Personal. Nach sechs Monaten kündigte sie, begann im „Dorfwirtshaus“ zu arbeiten, sechs Tage die Woche, „ein anderer Umgangston“ inklusive. Diesmal kam ihrer Kündigung der Lockdown zuvor.

Da die Interessen der einen, dort die der anderen. Die einen wollen ein anständiges Einkommen. Aber auch ein intaktes soziales Umfeld. Zeit für Familie, Kinder, Freund:innen – und sich selbst. Zeit für physische und psychische Erholung. Arbeiten, um zu leben – nicht umgekehrt.

Es gibt auch die Perspektive der anderen: Zum Fortbestand „der Wirtschaft“ – was meist mit Wohlstand gleichgesetzt wird – müssten Menschen möglichst schnell wieder in Beschäftigung. Egal wie. Das gehe zum Wohle aller. Und verantwortlich für den reibungslosen Ablauf dieses Systems sei die oder der Einzelne. Am Ende sei jede:r für sich selbst und sein (Un-)Glück verantwortlich. Den ideologischen Gehalt dieser Erzählung legt ein nüchterner Blick auf die Zahlen frei: Wenn 335.000 Arbeitslose um 114.000 Stellen konkurrieren, werden am Ende einige leer ausgehen.

Ganz unabhängig von ihrem Bemühen. Ungleich eleganter formuliert das der Sozialpsychologe Martin Schenk in einem Gastbeitrag für den „Standard“: Stünde die Höhe des Arbeitslosengeldes in direktem Zusammenhang mit der Höhe der Arbeitslosigkeit, „müsste in den Ländern mit dem niedrigsten Arbeitslosengeld auch die niedrigste Arbeitslosigkeit zu verzeichnen sein“. Dem ist aber nicht so.

Ein Fünftel aller Arbeitslosen kann Heizkosten nicht bezahlen

„Aus Arbeitgebersicht“, erklärt AK-Expertin Hofbauer, „ist diese Vorgehensweise durchaus nachvollziehbar.“ Die seien derzeit daran interessiert, möglichst schnell und möglichst günstig an Arbeitskräfte zu kommen. „Die Qualität der Beschäftigung ist oftmals weniger relevant.“ Aber anders als Regierung und Wirtschaftsvertreter:innen suggerieren, seien die Gründe für Arbeitslosigkeit deutlich vielfältiger als bloß „Selbstverschulden des Einzelnen“.

Die Figur vom angeblich faulen Arbeitslosen, der sich auf seinen AMS-Zahlungen ausruhen und die Allgemeinheit damit belasten würde, erleichtert es der Regierung, den Druck auf Erwerbsarbeitslose zu erhöhen, erklärt Hofbauer. Und das wiederum erleichtert es Arbeitgebern, niedrigere Löhne zu zahlen. Damit erhöhe sich die Gefahr, dass sich in Österreich langfristig ein prekärer Niedriglohnsektor etabliert, warnt Hofbauer. Wenn das Arbeitslosengeld nicht mehr vor Armut schützt, werden Arbeitslose genötigt, schlichtweg irgendwelche Jobs, egal zu welchen Konditionen, anzunehmen.

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Dabei wird es Erwerbsarbeitslosen in Österreich im internationalen Vergleich bereits heute schwerer gemacht. Das Arbeitslosengeld ist mit 55 Prozent des vorherigen Nettoeinkommens deutlich niedriger als in anderen Ländern. In einer SORA-Studie im Auftrag des Momentum-Instituts gaben neun von zehn Befragten an, mit weniger als 1.200 Euro monatlich auskommen zu müssen – was deutlich unter der Armutsgrenze von 1.328 Euro liegt. Mindestens ein Fünftel aller Arbeitslosen könne es sich nicht leisten, die gesamte Wohnung warm zu halten. Trotzdem will die Regierung die Bedingungen verschärfen.


Betteln beim AMS

Linda Korn treibt derzeit vor allem eine Sorge um: Seit August kann das AMS ungeimpfte Jobsuchende sanktionieren, wenn sie eine Stelle verweigern, bei der das Unternehmen eine Impfung verlangt. Davor habe sie „panische Angst“, erzählt sie immer wieder. Sie sei nicht generell gegen das Impfen, aber den noch neuen – und aus ihrer Sicht noch nicht ausreichend erprobten – COVID-Vakzinen traue sie nicht über den Weg.

Bei Korn werden Erinnerungen an damals wach. Als ihr für sechs Wochen die Leistungen gestrichen wurden, weil sie eine Bewerbungsfrist versäumte. Mit ihrem kranken Kind klopfte sie damals bei der Caritas an und beim Sozialamt. Erfolglos. Erst nachdem sie beim AMS mehrere Wochen „bettelte“, kam sie wieder an Geld.

Diese Erfahrung hat Spuren hinterlassen. Korn empört sich über ein System, von dem sie sich ungerecht behandelt fühlt. Das ihrer Meinung nach die Falschen bestraft. Aber dem sie sich fügen muss. Die Angst, dass ihr so etwas noch einmal widerfährt, weil sie eine Corona-Impfung verweigert, treibt sie um. „Manchmal kann ich nicht schlafen, habe Alpträume.“

Wer zahlt für die Kosten der Krise?

Beim Ringen um die Ausgestaltung der sogenannten „Arbeitsmarktreform“ geht es im Kern um die Frage: Wer bezahlt die Rechnung? Wer bezahlt die Rechnung für die Mehrausgaben, die die Corona-Krise und die damit im Zusammenhang stehenden Krisen verursachten?

In dieser Auseinandersetzung wird eines deutlich: Die Ressourcen, um diesen ökonomischen und ideologischen Kampf zu führen, sind strukturell ungleich verteilt. Im Verbund mit Regierung, Staatsapparaten und Lobbys können Unternehmer:innen ihre Forderungen bündeln, kanalisieren und strategisch nach außen kommunizieren. Der Boulevard fungiert als willfähriger Resonanzkörper.

Den finanziellen, organisatorischen und institutionellen Ressourcen jener, die derzeit den „Klassenkampf von oben“ bestreiten, stehen jene gegenüber, die … ja, wer eigentlich? Arbeitslose haben in Österreich – abseits einiger kleinerer Organisationen – kaum eine institutionelle Vertretung, wie etwa Lohnabhängige die Gewerkschaften, Landwirt:innen die Landwirtschaftskammer oder Unternehmer:innen die Wirtschaftskammer. Für Arbeitslose ist es deutlich schwieriger, ihre Interessen zu organisieren, politisch mobil zu machen, sich öffentlich Gehör zu verschaffen.

Leo Gabriel kennt das. Einerseits sei „arbeitslos“ nach wie vor eine Art Stigma und „unglaublich schambehaftet“. Kaum jemand traue sich öffentlich als Vertreter:in dieser Gruppe aufzutreten. Andererseits sei die Gruppe der Arbeitslosen eine sehr heterogene. Akademiker:innen, Obdachlose, Alleinerziehende, nur vorübergehend arbeitslose Saisonarbeiter:innen verfolgen meist sehr unterschiedliche Interessen, sehen sich selten als „einheitliches Subjekt“, das für ein gemeinsames Ziel kämpft.

Gemeinsam kämpfen, die verschiedenen Interessen bündeln – genau das versuchen Gabriel und seine Mitstreiter:innen derzeit. Im Mai starteten sie das Volksbegehren „Arbeitslosengeld rauf!“ Die Nettoersatzrate soll von 55 auf mindestens 70 Prozent erhöht und die Zumutbarkeitsbestimmungen sollen entschärft werden, fordern die Initiator:innen, zu denen neben Gabriel auch der renommierte Politikwissenschafter Emmerich Tálos zählt.

Anreize statt Strafen für Fachkräfte

Iris Stroj ist heute wieder glücklich: Sie hat einen neuen Job in einem Friseursalon gefunden – mit netten Kolleg:innen.

Auch aus Sicht von Silvia Hofbauer braucht es dringend eine Erhöhung der Nettoersatzrate auf 70 Prozent. Außerdem müsse der Familienzuschlag von derzeit 97 Cent pro Tag – der im Jänner 2001 das letzte Mal angepasst wurde – dringend erhöht werden. Ein degressives Arbeitslosengeldmodell lehnt Hofbauer indes strikt ab. Die meisten Erwerbsarbeitslosen würden rasch wieder in Beschäftigung kommen, für jene, deren Situation ohnehin prekär ist – allen voran Langzeitarbeitslose, ältere Menschen und Frauen – erhöhe sich das Armutsrisiko nur umso mehr. Statt den Arbeitslosen sieht sie die Arbeitgeber in der Pflicht: „Wer Fachkräfte will, müsse entsprechende Anreize liefern.“

Wer Fachkräfte will, muss entsprechende Anreize liefern. 

Silvia Hofbauer, AK Wien

Linda Korn hofft auf die Weihnachtszeit. Da würde oft zusätzliches Personal gebraucht. Ihr Traumjob wäre nach wie vor Sozialarbeiterin, aber auch eine Anstellung als Reinigungskraft wäre in Ordnung. „Nach sieben Jahren möchte ich endlich wieder das Gefühl haben, dass ich auch ein Teil der Gesellschaft bin“, sagt sie. Arbeit bedeute für sie auch ein Stück Unabhängigkeit. In den Urlaub fahren zu können oder mal shoppen gehen. Vielleicht, irgendwann, sogar ein Haus zu bauen.

Leo Gabriel hat seinen Schwarztee ausgetrunken. Eine Stunde Zeit konnte er für unser Treffen reservieren, jetzt muss er zur nächsten politischen Veranstaltung. Am Wochenende steht eine große Aktionskonferenz auf dem Plan. Mindestens 100.000 Unterschriften brauchen sie, damit ihr Volksbegehren im Parlament behandelt wird. „Da gibt es noch viel zu tun.“

Iris Stroj führt stolz durch den Friseursalon „Anita“ im Zentrum von Mürzzuschlag. Sie grinst sichtlich zufrieden. Denn die, die sie da grüßt, sind Kolleg:innen. Seit sie im Februar hier wieder einen Job gefunden hat, kann sie zu Fuß zur Arbeit gehen, hat geregelte Arbeitszeiten und fühlt sich wohl unter ihren Kolleg:innen: „Do is so richtig cool.“

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Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.