AMS: Was nicht passt, wird passend gemacht

Inhalt

  1. Seite 1 - Das Drohszenario des Arbeitsministers
  2. Seite 2 - Arbeitslosigkeit in Zahlen
  3. Seite 3 - Betteln beim AMS
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Die drei Erwerbsarbeitslosen in dieser Geschichte sind so unterschiedlich, wie Menschen nun mal unterschiedlich sind. Ihre Geschichten haben eines gemeinsam: an irgendeiner Stelle „passten“ die drei nicht.

Frauen mit Kindern werden zuletzt eingestellt

Auch wenn die Arbeitslosigkeit derzeit zurückgehe, gibt es für Arbeitgeber eine Reihe von „uninteressanten Gruppen“, erklärt Silvia Hofbauer, stellvertretende Leiterin der Abteilung Arbeitsmarkt und Integration der Arbeiterkammer Wien. Das betreffe neben Langzeitarbeitslosen und über 50-Jährigen vor allem Frauen. Zugespitzt könne man sagen: „Junge Frauen werden seltener eingestellt, denn die könnten ja Kinder bekommen. Frauen mit Kindern werden seltener eingestellt, weil sie zu wenig flexibel sind. Und Frauen mit erwachsenen Kindern sind zu alt.“

Das Gespräch mit Linda Korn klappt erst im vierten Anlauf. Ihre „Kleine“ muss zur Schule gebracht und von dort wieder abgeholt werden. Im Laufe der Woche erkrankt sie dann. Schließlich findet das Gespräch via Telefon statt, die „Kleine“ ist im Hintergrund zu hören. Die 40-Jährige, die ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, machte nach der Hauptschule eine Ausbildung zur Friseurin und arbeitete jahrelang im Einzelhandel. Ihrer Tochter zuliebe gab die alleinerziehende Mutter nach der Geburt ihren Job auf.

Ich überlege mir zehnmal, ob ich 150 Gramm Wurst kaufe. Für diesen Monat bin ich schon so was von flach. 

Linda Korn, arbeitslos

Sieben Jahre ist das nun her. Korn bewirbt sich im Einzelhandel, in Kindergärten und versucht es vor allem als Reinigungskraft. Die Arbeitszeiten seien hier flexibler und sie könne sich dann mehr um ihre heute siebenjährige Tochter kümmern. Vergangenen Oktober konnte sie in einem Wiener Kindergarten anfangen. Bis Mitte November. Dann kam der nächste Lockdown. Und Korn kehrte zum AMS zurück. Inklusive Kindergeld leben sie und ihre Tochter seither von 1.200 Euro im Monat. „Ich überlege mir zehnmal, ob ich 150 Gramm Wurst kaufe“, sagt Korn am Telefon. Wenn ihre „Kleine“, die derzeit die 2. Klasse Volksschule besucht, Geld für einen Schulausflug braucht, wird es richtig eng. „Für diesen Monat bin ich schon so was von flach.“

Ein nüchterner Blick auf die Zahlen

Besonders Gastronomie und Hotellerie beklagen sich derzeit lautstark über einen „Fachkräftemangel“. Nach mehreren Lockdowns, in denen Restaurants, Bars und Beherbergungsbetriebe oft über Monate schließen mussten, haben sich viele anderweitig umgeschaut. Die Branche ist ohnehin nicht bekannt für ihr arbeitnehmer:innenfreundliches Klima. Das AMS vermeldete Ende August 15.300 sofort verfügbare Jobs.

Iris Stroj wundert das kaum. Die heute 28-Jährige – schwarz gekleidet, lila Haare, steirischer Dialekt – hatte Friseurin gelernt. Nach sechs Jahren wurde ihr Betrieb übernommen, mit dem Versprechen, alle Beschäftigten könnten weiterarbeiten. Einen Monat später teilte ihr ihre Chefin das Gegenteil mit, „an einem Samstag, während der Arbeitszeit“. Also bewarb sich Stroj in besagtem 4-Sterne-Hotel als Servicekraft. Arbeitete offiziell 45 Wochenstunden, meist aber 55. Jeweils zwischen 9 und 14 Uhr und dann wieder von 18 bis 23 Uhr. Arbeitsweg: je 45 Minuten. „Eigentlich war da ganze Dog im Oasch“, sagt Stroj. Weil sie meist feiertags und wochenends arbeitete, ging auch ihr Privatleben flöten. Die vier Sterne galten eher den Gästen, weniger dem Personal. Nach sechs Monaten kündigte sie, begann im „Dorfwirtshaus“ zu arbeiten, sechs Tage die Woche, „ein anderer Umgangston“ inklusive. Diesmal kam ihrer Kündigung der Lockdown zuvor.

Da die Interessen der einen, dort die der anderen. Die einen wollen ein anständiges Einkommen. Aber auch ein intaktes soziales Umfeld. Zeit für Familie, Kinder, Freund:innen – und sich selbst. Zeit für physische und psychische Erholung. Arbeiten, um zu leben – nicht umgekehrt.

Es gibt auch die Perspektive der anderen: Zum Fortbestand „der Wirtschaft“ – was meist mit Wohlstand gleichgesetzt wird – müssten Menschen möglichst schnell wieder in Beschäftigung. Egal wie. Das gehe zum Wohle aller. Und verantwortlich für den reibungslosen Ablauf dieses Systems sei die oder der Einzelne. Am Ende sei jede:r für sich selbst und sein (Un-)Glück verantwortlich. Den ideologischen Gehalt dieser Erzählung legt ein nüchterner Blick auf die Zahlen frei: Wenn 335.000 Arbeitslose um 114.000 Stellen konkurrieren, werden am Ende einige leer ausgehen.

Ganz unabhängig von ihrem Bemühen. Ungleich eleganter formuliert das der Sozialpsychologe Martin Schenk in einem Gastbeitrag für den „Standard“: Stünde die Höhe des Arbeitslosengeldes in direktem Zusammenhang mit der Höhe der Arbeitslosigkeit, „müsste in den Ländern mit dem niedrigsten Arbeitslosengeld auch die niedrigste Arbeitslosigkeit zu verzeichnen sein“. Dem ist aber nicht so.

Ein Fünftel aller Arbeitslosen kann Heizkosten nicht bezahlen

„Aus Arbeitgebersicht“, erklärt AK-Expertin Hofbauer, „ist diese Vorgehensweise durchaus nachvollziehbar.“ Die seien derzeit daran interessiert, möglichst schnell und möglichst günstig an Arbeitskräfte zu kommen. „Die Qualität der Beschäftigung ist oftmals weniger relevant.“ Aber anders als Regierung und Wirtschaftsvertreter:innen suggerieren, seien die Gründe für Arbeitslosigkeit deutlich vielfältiger als bloß „Selbstverschulden des Einzelnen“.

Die Figur vom angeblich faulen Arbeitslosen, der sich auf seinen AMS-Zahlungen ausruhen und die Allgemeinheit damit belasten würde, erleichtert es der Regierung, den Druck auf Erwerbsarbeitslose zu erhöhen, erklärt Hofbauer. Und das wiederum erleichtert es Arbeitgebern, niedrigere Löhne zu zahlen. Damit erhöhe sich die Gefahr, dass sich in Österreich langfristig ein prekärer Niedriglohnsektor etabliert, warnt Hofbauer. Wenn das Arbeitslosengeld nicht mehr vor Armut schützt, werden Arbeitslose genötigt, schlichtweg irgendwelche Jobs, egal zu welchen Konditionen, anzunehmen.

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Dabei wird es Erwerbsarbeitslosen in Österreich im internationalen Vergleich bereits heute schwerer gemacht. Das Arbeitslosengeld ist mit 55 Prozent des vorherigen Nettoeinkommens deutlich niedriger als in anderen Ländern. In einer SORA-Studie im Auftrag des Momentum-Instituts gaben neun von zehn Befragten an, mit weniger als 1.200 Euro monatlich auskommen zu müssen – was deutlich unter der Armutsgrenze von 1.328 Euro liegt. Mindestens ein Fünftel aller Arbeitslosen könne es sich nicht leisten, die gesamte Wohnung warm zu halten. Trotzdem will die Regierung die Bedingungen verschärfen.

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Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.