Kommentar zur Metallindustrie: Nach der Krise ist nicht vor der Krise!

Der zweijährige KV-Abschluss der Metallindustrie muss die Ausnahme bleiben.
Der zweijährige KV-Abschluss der Metallindustrie muss die Ausnahme bleiben. | © Adobe Stock/serhiibobyk
Vergleichsweise still startete der sonst so heiße Herbst: In der oft tonangebenden Metallindustrie hat man sich 2025 auf einen KV-Abschluss für zwei Jahre geeinigt. In der Leitbranche wird heuer also nicht verhandelt. Ein Krisenabschluss auf Zeit, der beide Seiten schmerzt – und die Ausnahme bleiben muss.
Der Zweijahresabschluss im Vorjahr hat Druck aus der österreichischen Industrie genommen: 20.000 Stellen gingen allein im Jahr 2025 in der Branche verloren. Mit dem notwendigen, aber befristeten Krisenabschluss haben die Beschäftigten ihren Teil dazu beigetragen, die dreijährige Rezession zu verlassen – mit Erfolg, denn zögerlich, aber doch zeigen 2026 alle Indikatoren nach oben: Produktivität und Investitionen nehmen laut WIFO beständig zu, Arbeitskräfte sind wieder nachgefragt, und auch die Stimmung, die für die Konjunkturentwicklung so entscheidend ist, hellt sich auf. Das Tal ist durchschritten, das Jammern noch nicht.

Susanne Haslinger
ist Juristin und leitet die Grundlagenabteilung in der Produktionsgewerkschaft PRO-GE.

Denn den richtigen Zeitpunkt für gute Lohnabschlüsse gibt es anscheinend nicht – zumindest, wenn man die Arbeitgeber:innen fragt. In Hochphasen brauche man das Geld für Investitionen (und Aktionär:innen), in schlechten Phasen ist kein Geld da (außer für Aktionär:innen). Ein Mantra, das Kollektivvertragsverhandler:innen über alle Branchen hinweg kennen.

Neu ist die Forderung nach dauerhaften Abschlüssen unterhalb der Inflation, aus der man sich zunächst einmal „herausverhandeln“ muss, zumal dieses Ansinnen simple wirtschafts- und gesellschaftspolitische Zusammenhänge verkennt: Die Krise der Lebenshaltungskosten dauert an, auch wenn die aktuelle Regierung gute Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung gesetzt hat. Die Arbeitnehmer:innen in dieser Situation weiterhin auf Entgeltverzicht einstimmen zu wollen wirkt einigermaßen skurril. Denn weder Industrie noch Handel noch Tourismus können einen Kaufkraftverlust vertragen.

Wirtschaftsmotor

Löhne und Gehälter stützen nicht nur den so wichtigen Konsum, auch die Finanzierung unserer sozialen Systeme hängt davon ab, dass Beiträge nicht sukzessive entwertet werden. In Zeiten angespannter budgetärer Mittel und zögerlich anlaufender Konjunktur ist der Machtkampf der Arbeitgeber:innen gefährlich. Nicht zuletzt sichern die Steuereinnahmen auch die üpige Strompreisförderung für die Industrie. Und es sei an dieser Stelle in Erinnerung gerufen, dass acht von zehn Steuereuros aus Arbeit und Konsum stammen.

Die Industrie steht vor einem Umbruch, doch geht es dabei mitnichten um die viel zitierte „preisliche Wettbewerbsfähigkeit“ oder um Lohnstückkosten. Extremforderungen in den Lohnverhandlungen dienen vielmehr der Durchsetzung einer vermeintlichen Macht und der Aufrechterhaltung von Druck auf die Beschäftigten. Arbeitgeber:innenverbände sehen die Stunde gekommen, mit der traditionellen Benya-Formel, die die Lohnentwicklung an Inflation und Produktivitätszuwachs koppelt, für alle Zeit zu brechen.

Was aber braucht die Industrie wirklich? Ganze Sektoren stehen vor der Frage, wie es mit ihnen weitergeht, nicht nur die gebeutelte Automobil(zuliefer)industrie. Klima, Energie, Digitalisierung, geopolitische Abhängigkeiten, bröckelnde Lieferketten, Fachkräftemangel und Demografie: Den großen Umwälzungen kommt man nicht mit Lohnkürzungen bei. Sie erfordern koordinierte Strategien, Neuorientierungen, Investitionen und vor allem eine gezielte Qualifizierung der einen Teil des österreichischen Erfolgsrezepts ausmachenden Fachkräfte.

🚨 Wer bekommt mehr Geld? Wer blockiert? Und wo wird noch verhandelt?

Die Herbstlohnrunde 2026 steht bevor und unser KV-Ticker hält dich auf dem neuesten Stand. Wir sammeln alle wichtigen Forderungen, Entwicklungen und Hintergründe an einem Ort.

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— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 5. Oktober 2026 um 17:00

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Über den/die Autor:in

Susanne Haslinger

Mag.a Susanne Haslinger ist Juristin und Leiterin der Grundlagenabteilung der PRO-GE.

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