Pensionen werden hart erarbeitet. Fühlt es sich für Sie auch so an, als hätte man sie sich „verdient“?
Lore Hostasch: Ich würde Pension nicht mit dem Begriff Verdienst verbinden, sondern sie als Anspruch, als Rechtsanspruch betrachten, den man sich erarbeitet hat. Ich persönlich genieße den Ruhestand. Es ist sehr schön, selbst entscheiden zu können, was man den ganzen Tag macht.
Das tatsächliche Pensionsantrittsalter in Österreich ist seit 2000 bereits um rund vier Jahre gestiegen. Wie lange soll man arbeiten gehen?
So wie die Altersgrenzen jetzt sind, entsprechen sie einem System, das für die Zukunft tauglich ist. Unser Pensionssystem hat den großen Vorteil, dass es anpassungsfähig ist. Allein die vielen Novellen zeigen, dass die Politik immer wieder reagiert hat, wenn es notwendig war. Dieses elastische System funktioniert.

Unselbstständig Erwerbstätige sind nach dem Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz versichert. Was ist da Ihr Blick drauf?
Es beruht darauf, dass Beschäftigte und die Wirtschaft in einem solidarischen Generationenvertrag Beiträge einzahlen für jene, die nicht mehr aktiv sein können oder auch wollen, weil sie die Altersgrenze erreicht haben. Dieser Grundkonsens ist meiner Meinung nach immer noch die größte Stärke des Systems.
In der öffentlichen Debatte werden viele Mythen verbreitet, die Sorgen entstehen lassen.
Ja, seit ich angefangen habe, die öffentlichen Debatten mitzuverfolgen, habe ich die gehört: „Das hat keine Zukunft“‚ „Wir kriegen keine Pensionen mehr“ etc. Jungen Menschen das zu signalisieren, ist ein Verrat an der Jugend, es ist schädlich für das Zusammenleben, für die Demokratie und die Solidarität. Dahinter stehen natürlich Interessen der Finanzwirtschaft, die mitnaschen will und eigene Produkte platzieren möchte – wobei ich nichts gegen die zweite und dritte Säule habe, also betriebliche und private Vorsorge; nur, sie dürfen nicht zulasten des gesetzlichen Systems gehen.

Wie kann man junge Menschen abholen?
Man muss auf zwei Ebenen arbeiten: einerseits mit Fakten, fundierten, korrekten Statistiken – mit denen kann man einordnen, wie das Pensionssystem finanziert wird; und die Grundidee, die solidarische Basis des Systems, sollte wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden. In den 1950er-Jahren hat man in Österreich gesagt, wir wollen eine Zukunftssicherung, und die soll finanziert werden durch Arbeitgeber:innenbeiträge, Arbeitnehmer:innenbeiträge und eine Ausfallshaftung durch den Bund. So ist der Generationenvertrag entstanden.
Und dieser hat geliefert: Seit den 1970er-Jahren sind die Bundesmittel gemessen an der Höhe der Wirtschaftsleistung trotz Schwankungen stabil geblieben.
Der Kern der Stabilität ist die Beschäftigungslage. Wir müssen alles tun, um möglichst viele Menschen, die arbeitsfähig sind, in gut bezahlte Arbeitsverhältnisse zu bekommen. Und da ist insbesondere die Gruppe der Älteren eine, auf die man schauen muss. Was wir jetzt leidvoll lernen, ist, dass die Anpassung des Pensionsantrittsalters bei den Frauen dazu führt, dass es noch schwieriger ist, ältere Frauen bis zur Pension in Beschäftigung zu halten oder wieder in Beschäftigung zu bringen. Das ist mit ein Grund, warum es nicht sinnvoll ist, jetzt über eine weitere Anhebung des Pensionsantrittsalters zu reden – weil man noch nicht einmal annähernd erreicht hat, dass das tatsächliche Pensionsantrittsalter dem gesetzlichen entspricht. Dadurch würde die Beschäftigungssituation gerade jener, die dann noch länger arbeiten sollen, dramatisch schlechter.
Zwei Drittel der Bezieher:innen einer Ausgleichszulage sind Frauen. Und noch eine erschreckende Zahl: Frauen haben über ein Drittel weniger Pension als Männer. Wie schätzen Sie den Handlungsbedarf in Sachen Ungleichheit bei den Frauen ein?
Der Handlungsbedarf ist massiv und dringlich. Das Problem hat viel mit der Einkommenssituation der aktiven Arbeitnehmerinnen zu tun. Wir haben hier zwischen Männern und Frauen keine Gleichheit, wie soll es sie dann bei den Pensionen geben? Der Ansatz muss sein, die Frauen einkommensmäßig gleichberechtigt im Arbeitsmarkt abzusichern. Und es müssen die Männer mehr in die Kinderbetreuung eingebunden werden. Dann würde sich diese Schere, die wirklich unerträglich ist, schließen – nicht sofort, aber doch.

Zudem braucht es einen Ausbau von Bildungs-, Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen, um Frauen zu entlasten und für den Arbeitsmarkt freizuspielen. Aber wie soll das beim aktuellen Spardruck funktionieren?
Es geht darum, über die Beschäftigungssituation das gesamte volkswirtschaftliche Einkommen zu erhöhen. Damit einher geht dann mehr Verteilungskraft, mit der sich politisch wieder mehr bewegen lässt. Allerdings sind die wirtschaftlichen Spielräume national begrenzt, weil wir in einer globalisierten Wirtschaft leben. Auf der anderen Seite ist Österreich eine kleine, überschaubare Ökonomie. Unsere Volkswirtschaft ist eine, die sich kennt, die weiß, wo ihre Möglichkeiten liegen. Überall, wo wir Spielraum haben, gilt es anzusetzen und Produktivität zu schaffen: dort, wo etwas Neues entstehen kann, etwa durch Start-ups, und dort, wo Arbeitsplätze entstehen.
Sie haben die Älteren angesprochen: 30 Prozent der Betriebe haben keine Beschäftigten über 60. Wieso tun sich Firmen in Österreich so schwer, sie anzustellen?
Weil es nach wie vor Vorurteile gegenüber älteren Beschäftigten gibt, etwa betreffend Fehlzeiten: Schon in meiner GPA-Zeit haben wir eine Studie zu der Frage gemacht, ob Ältere öfter krank sind als Jüngere. Da war nicht wirklich ein Unterschied, und das ist bis heute erwiesenermaßen so. Es ist auch generell nicht so, dass Ältere immer teurer sind. Ein weiteres Hemmnis ist, dass die Unternehmen oft zu wenig in die Weiterbildung der Älteren investieren. Wir leben in einer digitalisierten Welt, und man muss jenen, die nicht in ihr aufgewachsen sind, die Chance geben, sich weiterzuentwickeln. Es braucht ein Umdenken in der Gesellschaft, inklusive Positivbeispielen von Unternehmen, die Ältere beschäftigen. Dann entsteht ein Druck auf jene, die das nicht machen. Man darf nicht aufgeben. Das von der AK und dem ÖGB geforderte Bonus-Malus-System ist ein gutes Beispiel dafür.
Die Sozialversicherung
ist der Kitt der Gesellschaft.
Lore Hostasch, Bildungszentrum der Arbeiterkammer
Wenn Sie heute eine Sache am österreichischen Pensionssystem ändern könnten, was wäre das?
Ändern würde ich in dem Sinne nichts. Ich würde versuchen, transparenter zu machen, wie das System funktioniert. Und das (2005 eingeführte, Anm. d. Red.) Pensionskonto ist mir dabei ein Anliegen. Viele Versicherte wissen gar nicht, dass sie durch das Pensionskonto über Transparenz verfügen, dass sie einsehen können, was sie erwartet, wenn sie in Pension gehen. Damit einher geht eine Garantie, dass in diese Ansprüche nicht mehr eingegriffen werden kann. Die Menschen können bis zu einem gewissen Grad selbst planen und überlegen, wie man das Guthaben auf dem Konto erhöhen kann. Ich finde das sensationell, eine blitzgescheite Sache.
Wenn man mit Ihnen spricht, bekommt man bestätigt: Vieles ist gut am österreichischen Sozialstaat. Sie selbst scheinen generell viel Optimismus zu haben. Beides vermisst man in den Debatten oftmals.
Wenn man schon ein gewisses Alter hat, bekommt man auch eine Gelassenheit, und man hat Erfahrungen gesammelt: Ich bin 1944 geboren, Mitte der 1950er-Jahre ist das Sozialversicherungsgesetz, das ASVG, gemacht worden. Zu diesem Zeitpunkt, nach dem Zweiten Weltkrieg, war Österreich am Boden. Da war nichts, gar nichts. Aber man hat Mut und die Zuversicht gehabt, ein zukunftsorientiertes System aufbauen zu können, in dem alle in der Gesellschaft abgesichert sind.

Für mich ist die Sozialversicherung der Kitt der Gesellschaft: Man ist erfasst in der Krankenversicherung, der Pensionsversicherung, der Arbeitslosenversicherung, der Unfallversicherung. Die Gesellschaft hat dir ein Rechtsgebilde gebaut, in dem du aufgefangen wirst. Und das ist ein Wert für sich. Der Kitt der Gesellschaft hat nachweislich alle Krisen in der Zweiten Republik überstanden.
Und auch in unserer Zeit gibt es wieder einige Herausforderungen und Krisen.
Ja. Das Entscheidende ist, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern zu schauen, wo genau die Probleme liegen, wo man ansetzen muss und wer den Weg mitgeht, um das Problem zu lösen. Es sollten möglichst viele den Weg gemeinsam gehen. Das heißt etwa, dass Arbeiterkammer, ÖGB und Gewerkschaften durch ihre Mitglieder gestärkt werden. Sie agieren allerdings dabei mit einer Gesamtsicht auf die ökonomische Situation. Es wäre falsch, ihnen vorzuwerfen, dass diese Institutionen nur die Arbeitnehmer:innenseite sehen. Das ginge gar nicht. Diese Intention muss auch in der Bevölkerung stets erkannt werden. Sozialpartnerschaftliches Ziel sollte es sein, dass die Vertretungen der Arbeitnehmer:innen- und Arbeitgeber:innenseite – jene, die einen positiven Zugang zur Allgemeinheit haben – das gemeinsame Weiterentwickeln einer Volkswirtschaft stärken. Und es muss das Ziel sein, all jenen, die alles nur schlechtreden, die die Gesellschaft auseinanderdividieren, die Stirn zu bieten und ihnen zu sagen: „Nicht mit uns!“
„Arbeiten bis 67“?
Wir haben unsere Mitglieder gefragt, was sie davon halten.
🎯Die Botschaft ist klar: 65 reicht!
Alle Generationen haben eine faire und gute Pension verdient. 💪 #Pension #Gerechtigkeit #AK— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 23. Oktober 2026 um 10:04