„Je höher das Vermögen, desto größer der politische Einfluss“

Ein Mann in einem Privatjet trinkt Champagner und schaut aus dem Fenster. Symbolbild für eine Vermögensobergrenze.
Ab welcher Höhe wird Reichtum zum Problem für die Gesellschaft? Das Projekt „Wealth Cap Project“ will hohe Vermögen begrenzen. | © Adobe Stock/Videophilia
Das „Wealth Cap Project“ sucht nach Wegen, Vermögen zu begrenzen. Mitinitiatorin und WU-Ökonomin Franziska Disslbacher über einen ersten Testlauf, österreichische Besonderheiten und die Frage, wie reich man in 30 Minuten werden kann.
Extremer Reichtum wirkt sich negativ auf Demokratie, Umwelt, Wirtschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus. Die Initiator:innen des „Wealth Cap Project“ fordern eine Vermögensobergrenze in europäischen Ländern. Wie und mit welchen Mitteln – das sollen Bürger:innenräte in ganz Europa in den kommenden Jahren erarbeiten.

Zur Person
Franziska Disslbacher ist Assistenzprofessorin am Department Sozio-ökonomie und am Forschungsinstitut Economics of Inequality der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre 2022 abgeschlossene Dissertation zu Fragen der Einkommensungleichheit wurde mit mehreren internationalen und nationalen Preisen ausgezeichnet. Sie ist Mitinitiatorin des „Wealth Cap Projects“ und hat es im Juni 2026 in Paris erstmals einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert.

Sie kommen gerade vom Europäischen Forum Alpbach (EFA) und haben dort das „Wealth Cap Project“ präsentiert. Das Forum ist nicht unbedingt als linksradikale Zelle bekannt – wie kam es dazu?

Franziska Disslbacher: Das „Wealth Cap“ Project entstand sogar beim letztjährigen Europäischen Forum Alpbach aus einem Seminar. Deswegen gab es heuer beim Forum den ersten Testlauf für einen Bürger:innenrat zum Thema Vermögensobergrenzen, drei Tage lang und mit 60 Teilnehmer:innen.

Warum gerade in Österreich Vermögen konzentriert sind, erklärt Ökonomin Franziska Disslbacher. | © Markus Zahradnik

Was wurde diskutiert?

Eine zentrale Kontroverse war die Frage, ob Vermögensobergrenzen die Probleme, die aus hoher Vermögenskonzentration resultieren, lösen können oder ob nicht auch andere Maßnahmen ausreichen. Eine Seite hat argumentiert, es genüge, demokratische Strukturen wieder weniger anfällig für politische Beeinflussung durch Vermögende zu machen. Vermögensobergrenzen brauche man gar nicht. Die andere Seite argumentierte, dass das aufgrund der Höhe der Vermögenskonzentration und der indirekten Wirkungen auf die Gesellschaft eben nicht ausreichen würde.

Inwiefern?

Bei sehr großen Vermögen lassen sich zwei Arten von Wirkungen unterscheiden: direkte und indirekte. Direkt heißt, dass das Eigentum unmittelbare Verfügungsmacht eröffnet. Zum Beispiel: Jeff Bezos hat sich die „Washington Post“ und Elon Musk hat sich Twitter gekauft, René Benko hat sich über die Signa bei „Kurier“ und „Krone“ eingekauft. Dadurch können sie direkt Einfluss üben, ohne dass ein politischer Akteur oder eine Institution dazwischengeschaltet ist. Am interessantesten aber sind die indirekten Wirkungen, Mechanismen, die über andere Akteure, zum Beispiel in der Politik, Wirkung entfalten. Ein Beispiel dafür ist die Steuerpolitik. Je höher das Vermögen, desto größer sind die Möglichkeiten politischer Einflussnahme, etwa über Parteispenden, Lobbying und Netzwerke. In der Konsequenz wissen wir, dass den Präferenzen der Reichsten in der Steuerpolitik mehr Gehör geschenkt wird.

Wenn Sie von Vermögenden sprechen, wen meinen Sie damit?

Ausgangspunkt ist: Vermögen ab einer gewissen Höhe hat negative Wirkungen auf den Rest der Gesellschaft, auf die Wirtschaft und die Umwelt. Also wo liegt diese Schwelle? Für uns Forscher:innen ist noch unklar, ab welcher Höhe Menschen Ungleichheit als negativ empfinden. Wir untersuchen daher, was Menschen nach einer informierten Diskussion für gerechtfertigt halten und mit welchen Argumenten sie ihre Urteile begründen. Es gibt unterschiedliche Konzepte und Ansätze, laut den meisten Befragungen, abseits von Bürger:innenräten, bewegen wir uns da bei 100 Millionen Euro aufwärts.

Für uns Forscher:innen ist noch unklar, ab welcher Höhe Menschen Ungleichheit als negativ empfinden. Es gibt unterschiedliche Konzepte und Ansätze, laut den meisten Befragungen, abseits von Bürger:innenräten, bewegen wir uns da bei 100 Millionen Euro aufwärts.

Franziska Disslbacher, WU Wien

Wie kommt es, dass kaum ein Land in der EU so vermögensungleich ist wie Österreich?

Zum einen haben wir in Österreich am unteren Ende sehr wenig Vermögen, weil wir gut ausgebaute sozialstaatliche Strukturen haben und auch viel öffentliches Vermögen, wie zum Beispiel Gemeindebauten, bzw. öffentlich bereitgestellte Leistungen. Menschen sind also weniger auf private Vermögensakkumulation angewiesen als etwa in den USA. Entscheidend ist aber, dass wir aufgrund der steuerpolitischen und institutionellen Bevorteilung der größten Vermögen am oberen Ende eine besonders hohe Konzentration haben.

Warum passiert hier politisch nichts?

Das frage ich mich auch. Die ökonomische Evidenz spricht klar für Grundsteuererhöhungen und Erbschaftsteuern. Auch das Ungleichgewicht in der Besteuerung von Arbeits- und Kapitaleinkommen müsste man ausgleichen. Die Vermögensteuer ist kontroverser, aber ergänzend notwendig, da die größten Vermögen nicht immer steuerpflichtiges Einkommen generieren.

Aktuell geht der Diskurs in die entgegengesetzte Richtung. Es wird bei Sozialleistungen, staatlichen Pensionen und vielen Hilfsangeboten gekürzt. Kann Ihr Projekt in so einem diskursiven Umfeld etwas bewirken?

Ein Ziel unseres Projekts ist es, Forschungsergebnisse und Wissen rund um Vermögenskonzentration breit zugänglich und leicht verständlich aufzubereiten. Angesichts leerer Staatskassen wäre es naheliegend, nicht bei jenen zu sparen, die ohnehin schon am wenigsten haben, sondern dort, wo es wirklich etwas zu holen gäbe. Umso mehr, da in den vergangenen Jahren viele direkte und indirekte Subventionen dorthin geflossen sind und die Vermögen am oberen Ende deutlich stärker wachsen als die Einkommen.

🚨 Armut entsteht nicht von selbst. Sie wird politisch gemacht.

Wer davon proftiert, erklärt @martinschenk.bsky.social​ in der Rubrik „Die Große Frage“. ⬇️

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— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 16. Juli 2026 um 12:00

Wir haben jetzt etwa 30 Minuten gesprochen. Wäre ich Milliardär und bekäme – was sehr konservativ gerechnet ist – sechs Prozent Rendite: Um wie viel reicher wäre ich in der letzten halben Stunde geworden?

(rechnet einige Minuten) Um 3.430 Euro, sehr konservativ gerechnet.

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Über den/die Autor:in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.

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