Wie sich die Inflation auf Kinder auswirkt: Immer auf die Kleinen

Kinder sitzen auf einer Bank und essen ihr Pausenbrot in der Schule. Die Inflation wirkt sich auch auf Kinder aus.
Vom Schulessen über Nachhilfe bis zum Sportverein. Die Inflation wirkt sich auf verschiedene Lebensbereiche der Kinder aus. | © Adobe Stock/Тарас Нагирняк
Weil es die Schwächsten am stärksten trifft: Eine gute Ausbildung unterstützt Menschen, die Armut hinter sich zu lassen. Und die Schule trägt dazu bei, Kinder aus ökonomisch schwachen Familien gut zu versorgen. Von klein auf.
Die aktuellen Teuerungen durch die steigende Inflation wirken sich auch dramatisch auf die Lebenssituation von Kindern aus. Wie eine im Auftrag der Arbeiterkammer Wien diesen Sommer von IFES durchgeführte Studie (basierend auf einer Umfrage in 809 Haushalten) zeigt, müssen viele Eltern auch dann sparen, wenn es um Ausgaben für die Schule und Teilhabe an Freizeitaktivitäten geht. Bereits jetzt sind 368.000 Kinder und Jugendliche armuts- und ausgrenzungsgefährdet. Das ist mehr als jedes fünfte Kind. Nun sieht sich jede zehnte Familie nicht mehr in der Lage, die nötigsten Materialien für die Schule zu bezahlen. Und jede vierte Familie weiß nicht, ob es noch möglich sein wird, für das Kind Nachhilfe, Musikschule oder Sport zu finanzieren. Die Inflation trifft auch Kinder.

Inflation treibt auch Kinder in die Armut

Die Studie förderte zudem einen besonders besorgniserregenden Befund zutage, wie Ilkim Erdost, Bereichsleiterin Bildung und Konsument:innen in der AK Wien, betont. „Mehr als 20 Prozent der Familien sagen, dass sie sich die Nachmittagsbetreuung für das Kind nicht mehr leisten können. Gleichzeitig sagen die Eltern, dass sie mehr Stunden als bisher arbeiten müssen. Wir müssen also damit rechnen, dass viele Kinder unter zwölf Jahren am Nachmittag allein daheim sein werden. Dort haben sie niemanden, der ihnen ein Mittagessen warm macht oder mit ihnen lernt.“ Gleichzeitig hätten die Gemeinden aufgrund der hohen Energiekosten keinen Spielraum, um hier einzuspringen. Die Pandemie habe die in Österreich ohnehin schon herrschende Chancenungleichheit, wenn es um Bildung gehe, bereits vergrößert. Jetzt würden durch die Inflation noch mehr Kinder schulisch den Anschluss verlieren, befürchtet Erdost.

Ilkim Erdost von der Arbeiterkammer erklärt die Auswirkungen der Inflation auf Kinder und Bildung.
„Mehr als 20 Prozent der Familien sagen, dass sie sich die Nachmittagsbetreuung für das Kind nicht mehr leisten werden können“, Ilkim Erdost, Bereichsleiterin Bildung und Konsument:innen in der AK Wien

Elke Larcher, Referentin für Schulpolitik in der AK Wien, gibt zudem zu bedenken, dass sich die Arbeitswelt von morgen ständig verändert. „Wir brauchen vor allem eines: selbstbewusste Arbeitnehmer:innen, die gefestigt sind.“ Wenn sich nun Eltern teuerungsbedingt gezwungen sehen, auch Ausgaben im Freizeitbereich zurückzufahren, „werden Kindern Möglichkeiten genommen, einen guten Selbstwert zu entwickeln“. Hier spitze sich also eine bereits im Gang befindliche Bildungsverengung weiter zu.

Armut und Bildung: Inflation verstärkt Probleme der Kinder

Marcus Franz, Bezirksvorsteher in Wien-Favoriten, weiß, womit ökonomisch schwache Familien zu kämpfen haben. Von den 212.000 Favoritner:innen sind an die 34.000 zwischen null und 14 Jahre alt. 50 Schulen gibt es in dem Bezirk, 40 davon sind Pflichtschulen. In der Covid-Krise habe man gesehen, dass vielen Kindern Distance Learning schon deshalb nicht möglich war, weil sie über keinen Laptop oder kein Smartphone verfügten. Hier habe er über einen Aufruf daher Geräte sponsern lassen. Doch Kindern fehle es auch an ganz anderen Basics – wie etwa gesundem Essen. Die Stadt Wien liefere inzwischen an jede Volksschulklasse einmal wöchentlich einen Obstkorb. „Und da wird von den Kindern sehr gerne zugegriffen.“

Vonseiten der Schuldirektor:innen höre Franz aber nun auch verstärkt, dass Eltern ihre Kinder von Schulstandorten mit Nachmittagsbetreuung abmelden wollen und sich nach einem Platz an einer Ganztagsschule umsehen. Solche Plätze gibt es zwar immer mehr – etwa durch die Errichtung der Campus-Schulen –, doch insgesamt sind es viel zu wenige. Der Unterschied zwischen diesen beiden Modellen: Für die Betreuung ist zu zahlen, die Ganztagsschule ist kostenfrei und auch das Mittagessen ist dort gratis.

Zum Erblühen bringen

Theodor Tsiagas ist Direktor der Löwenschule, einer Volksschule in der Laimäckergasse in Favoriten. „Die Kinder kommen durch die Bank aus eher ärmlichen Verhältnissen“, erzählt er. „Es war mir daher wichtig, eine Nachmittagsbetreuung aufzubauen.“ 217 von rund 600 Schüler:innen besuchen diese derzeit. Eltern zahlen dafür etwas mehr als 200 Euro im Monat, können aber bei Bedürftigkeit um Unterstützung ansuchen. Dies sei allerdings für Familien, in denen eine andere Sprache als Deutsch gesprochen wird, sprachlich oft eine Herausforderung.

Grundsätzlich ist Tsiagas zwar dafür, dass Eltern eine Wahlmöglichkeit zwischen halb- und ganztägigen Schulformen haben. An seinem Standort würde es aber allen Kindern guttun, länger als nur den Vormittag über in der Schule zu verbringen. „Zu Hause sind die Wohnverhältnisse oft beengt, die Kinder haben keinen Platz, um zu lernen, oder ein kleines Geschwisterchen stört die Konzentration.“ Jene Kinder aber, die auch den Nachmittag in der Schule verbringen, „blühen richtig auf“, erzählt der Schuldirektor. Er habe zwar noch nicht erlebt, dass ein Kind „verhungert dreingeschaut“ habe. Aber das Essen zu Hause sei oft billig und von gesunder Küche weit entfernt. „In der Schule gibt es ein Mittagessen mit Bioanteil.“ Vor allem aber hätten die Kinder hier einen Tisch, an dem sie die Aufgaben erledigen können. Und dabei auch Unterstützung bekommen.

Kostenfrei und flächendeckend

Seit zwei Jahren gibt es in der Löwenschule jeweils zwei Klassen pro Jahrgang, die in einer verschränkten Ganztagsform geführt werden. Es wechseln einander also Unterricht und Freizeiteinheiten ab. Und die Eltern müssen für diese Form der Ganztagsbetreuung nichts zahlen. „Ich würde mir wirklich wünschen, dass meine Schüler:innen alle diese Gratischancen bekommen.“ Ein früherer Schüler habe einmal gesagt: „Wenn man hier im zehnten Bezirk wohnt, hat man im Vorhinein sowieso keine Chance.“ Das dürfe nicht sein.

Den kostenfreien und flächendeckenden Zugang zu ganztägigen Schulen nennt auch Erdost als eine Voraussetzung, um Kindern im Heute einen sorgenfreieren Alltag zu ermöglichen. Und auch, um ihre Bildungschancen zu erhöhen und damit ihre Zukunft zu sichern. Larcher ergänzt, dass die Bildungspolitik mehr auf die Qualität von Ganztagsschulen und deren Freizeitangebote achten muss. In einem ersten Schritt plädiert Erdost an den Bund, den Gemeinden Mittel zukommen zu lassen. Damit alle Kinder, die diese benötigen, weiterhin Nachmittagsbetreuung in Anspruch nehmen können. Eine Schulfinanzierung nach dem AK-Chancen-Index würde zudem dafür sorgen, dass Schulen umso mehr Mittel bekommen, je mehr Schüler:innen mit Unterstützungsbedarf sie haben.

Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).

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